Leben
05.11.2018

Club der jungen Witwen: "Es ist gut, dass es ein 'Uns' gibt"

Vier Frauen erzählen vom frühen Tod ihrer Partner – und wie sie in der Gruppe wieder Halt fanden.

Als Nicoles Freund plötzlich über Rückenschmerzen klagte, dachte sich das Paar zuerst nicht viel dabei. Doch der Zustand des 34-Jährigen besserte sich auch nach Wochen nicht. Er suchte einen Orthopäden auf, der einen Bandscheibenvorfall ausschloss. "Dann ging es ihm auf einmal viel schlechter, er hatte auch nachts starke Schmerzen und ein Taubheitsgefühl in den Beinen", erinnert sich Nicole, die damals 29 Jahre war. Es sollten weitere eineinhalb Monate vergehen, bis die Ärzte die Diagnose stellten: Lungenkrebs. Für das, was danach kam, findet die Wienerin auch heute noch kaum Worte. "Zermürbend" sei die Zeit gewesen, in der "uns kein Arzt sagen konnte, welches Ende seine Krankheit nehmen wird".

Erst zwei Wochen vor dem Tod ihres Lebensgefährten hat sie verstanden, "dass es sein kann, dass er stirbt".

Dasselbe erlebt

Zwei Jahre ist das mittlerweile her – eine Zeit, in der sie sich mit ihrer Trauer oft alleine fühlte. Bis sie über eine Trauergruppe der Caritas anderen betroffenen Frauen begegnete, mit denen sie den "Young Widow_ers Dinner Club" gründete, eine Selbsthilfegruppe, die jungen Witwen und Witwern die Möglichkeit bietet, sich auszutauschen. "Freunde und Familie sind immer da, aber es ist etwas anderes mit jemandem zu reden, der dasselbe erlebt hat", weiß Nicole.

Für Jaqueline, deren Freund vor zwei Jahren im Schlaf an einer Lungenembolie starb, bietet die Initiative vor allem die Möglichkeit, am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können – trotz oder gerade wegen ihrer traumatisierenden Erfahrungen. Die 25-Jährige, die den Tod ihres Lebensgefährten unmittelbar miterlebte und diesen auch auf Social Media verarbeitet, fühlte sich nach dem frühen Verlust "sehr einsam". "Was viele unterschätzen, ist, dass der Verlust des Partners mit anderen Verlusten einhergeht. Dem Verlust von Orten, die man gemeinsam besucht hat. Oder der Wohnung, wenn der Partner, wie bei mir, dort verstorben ist und man sie nicht mehr betreten kann."

Besonders schwierig war für die Sozialarbeiterin auch, das Gleichgewicht zwischen "dem Wunsch, eine normale junge Frau zu sein, auszugehen, Spaß zu haben" und "dem Bedürfnis nach Räumen für meine Trauer" zu finden.

Aus ihrer beruflichen Erfahrung weiß die Psychotherapeutin und evangelische Theologin Anita Natmeßnig, dass junge Menschen im Vergleich zu Älteren einen Partnerverlust durchaus anders erleben. Zwar wird Trauer immer persönlich erfahren und individuell erlebt, im Bewusstsein junger Menschen ist das Thema Tod meistens aber weniger stark verankert. "Ebenso wenig wie im öffentlichen Bewusstsein verankert ist, dass junge Menschen um ihren Partner trauern, weil der Tod mit hohem Alter assoziiert wird." Demnach denken junge Menschen in der Regel seltener an ihre eigene Endlichkeit oder die von geliebten Menschen im ähnlichen Alter. Vielmehr schlummert in ihnen ein "Gefühl der Unverwundbarkeit".

Tabuthema Tod

Im Unterschied zu begleiteten Trauergruppen treffen sich die Mitglieder des Dinnerclubs einmal im Monat in einem Restaurant. Zwischen zehn und 15 Frauen und Männer kommen derzeit regelmäßig. Die Entscheidung, sich nicht in eine Wohnung oder angemietete Räumlichkeiten zurückzuziehen, fiel bewusst, erklärt Franziska, eines der Gründungsmitglieder des Clubs: "Trauerarbeit findet oft sehr zurückgezogen statt. Das hat seine Berechtigung, verdrängt die Trauer aber aus der Mitte der Gesellschaft." Um das Schweigen rund um den Tod aufzubrechen, "gehen wir mit dem Thema raus und zeigen uns", sagt sie. "Die Trauer sitzt mit uns dann einfach am Nebentisch."

Dass der Tod in der Tat eines der größten Tabus unserer Zeit ist, betont auch Natmeßnig. "Damit einher geht, dass Trauer zu einem ungeliebten Gefühl stilisiert wird, sie mit viel Angst verbunden ist und dass es in der Gesellschaft an Wissen darüber fehlt." Das erschwert den Umgang mit der Trauer – aber auch mit Trauernden. "Weil sich das Umfeld meist mit der eigenen Hilflosigkeit konfrontiert sieht, erleben trauernde Menschen oft Reaktionen, die sie als sehr verletzend empfinden", schildert sie.

Den Schmerz, den unbeholfene Ratschläge und uneinfühlsame Kommentare hinterlassen, kennt Franziska aus eigener Erfahrung. Die Wienerin verlor ihren Partner vor drei Jahren. Er verstarb nach zweijähriger Krankheit im Alter von 42 Jahren an den Folgen eines Hirntumors. "Was viele nicht aushalten, ist, dass sie nichts machen können, damit es einem besser geht. Genau das auszuhalten, gehört bei der Trauerbegleitung aber dazu", sagt die 35-Jährige, die ihren Freund bis zu seinem Tod pflegte. Die wahre Kunst des Beistandes bestehe darin, "da zu sein, ohne die Trauer klein zu reden und zu unterstützen, wo es eben gerade geht". Durch ihre Verlusterfahrung hat die Soziologin erlebt, "dass die Gesellschaft darauf getrimmt ist, Lösungen zu finden, die es für die Trauer allerdings nicht gibt".

Die Herausforderung, den Tod ihres Freundes – ein, wie Franziska sagt, "lebenszerrüttendes" Erlebnis – zu verkraften, hätte sie ohne die Unterstützung des Dinnerclubs nicht gemeistert. Denn für sie und die anderen Mitglieder ist die Gruppe eine Schutzzone – ein sicherer Raum, in dem Wertschätzung und Offenheit das oberste Gebot sind.

Ein Stück Normalität

Auch Dagmar war von Anfang an dabei. Der Tod ihres Lebensgefährten liegt fast vier Jahre zurück. Er starb unerwartet drei Tage vor seinem 46. Geburtstag an einer perforierten Herzarterie. Nach einigen Monaten des kompletten Rückzugs fielen der Wienerin die ersten Kontakte im gesellschaftlichen Alltag enorm schwer: "Man ist auf der Suche nach ein bisschen Normalität. Durch das Erlebte fühlte ich mich aber total erschüttert."

Den schwierigen Prozess der Neuorientierung, den Dagmar beschreibt, haben Menschen mit – erwartbaren wie unerwarteten – Verlusterfahrungen gemein. "Betroffene passen mit ihrer Trauer für eine bestimmte Zeit nicht in die Gesellschaft hinein und verspüren den Druck, schnell wieder zu funktionieren – beruflich wie privat", erklärt Natmeßnig. Hier sei das Umfeld gefragt: "Es gilt, zuzuhören und nachzufragen, immer wieder, auch nach langer Zeit." Initiativen wie den Dinnerclub bewertet die Psychotherapeutin jedenfalls positiv. Jede Selbsthilfegruppe könne durch den Austausch entlasten, da dort erlebt wird, dass die eigene Trauerreaktion normal ist.

Dass "wir Erfahrungswerte austauschen können", schätzt auch Dagmar. Dies schaffe eine heilsame Offenheit: "Wir trauen uns zu trauern und stärken uns dadurch gegenseitig."

Den schwierigen Prozess der Neuorientierung, den Dagmar beschreibt, haben Menschen mit – erwartbaren wie unerwarteten – Verlusterfahrungen gemein. "Betroffene passen mit ihrer Trauer für eine bestimmte Zeit nicht in die Gesellschaft hinein und verspüren den Druck, schnell wieder zu funktionieren – beruflich wie privat", erklärt Natmeßnig. Hier sei das Umfeld gefragt: "Es gilt, zuzuhören und nachzufragen, immer wieder, auch nach langer Zeit." Initiativen wie den Dinnerclub bewertet die Psychotherapeutin jedenfalls positiv. Jede Selbsthilfegruppe könne durch den Austausch entlasten, da dort erlebt wird, dass die eigene Trauerreaktion normal ist.

Dass "wir Erfahrungswerte austauschen können", schätzt auch Dagmar. Dies schaffe eine heilsame Offenheit: "Wir trauen uns zu trauern und stärken uns dadurch gegenseitig."

Trauer leben

Bei den Treffen des "Young Widow_ers Dinner Club" ist auch der Neuanfang Thema. Für Franziska ist es wichtig, ihre Trauer weiterhin leben zu können: "Die Neuorientierung baut sich drumherum auf und der Schmerz kann irgendwann in den Hintergrund treten." Jaqueline versuchte sich nach dem Tod ihres Freundes "zu schnell einem neuen Partner zu öffnen", wie sie heute sagt. Auch darüber kann sie im Dinnerclub offen sprechen – ohne Angst vor Verurteilung.

Von der Gesellschaft wünschen sich die vier Frauen einen offeneren, sensibleren Umgang – und weniger Berührungsängste mit dem Thema. "Damit wir uns mit unserer Trauer ernst genommen und angenommen fühlen", sagt Nicole. Bis sich die Gesellschaft dafür öffnet, "ist es gut, dass es ein 'Uns' gibt".

Angebote für Trauernde

Die Kontaktstelle Trauer der Caritas bietet Beratung und Begleitung für trauernde Menschen. Bei der Initiative Rainbows finden Kinder und Jugendliche, die vom Tod eines Nahestehenden betroffen sind, Unterstützung. Das Rote Kreuz stellt in den Bundesländern Angebote zur Trauerbegleitung bereit. Akuthilfe in psychiatrischen Krisen können Betroffene beim Sozialpsychiatrischen Notdienst unter 01 31330 in Anspruch nehmen. Auch an die Telefonseelsorge kann man sich täglich und 24 Stunden lang unter der Nummer 142 wenden.