Leben
01.11.2018

Podcast über Tod: "Die Trauer hat ein schlechtes Image"

Susann Brückner und Caroline Kraft sprechen übers Sterben – und plädieren für einen offenen Umgang mit der Endlichkeit.

Über den Tod spricht man nicht. Zumindest nicht gern. Susann Brückner und Caroline Kraft wollen das ändern. Sterbehilfe, Bestattung, Notfallseelsorge: In ihrem Podcast "endlich. Wir reden über den Tod" beleuchten die Berlinerinnen alle Facetten des Todes. Im Interview erklären sie, warum uns das Stillschweigen über das Sterben unglücklich macht, wie man mit Trauer umgeht – und wie durch Offenheit aus dem bedrückenden Thema etwas Befreiendes entstehen kann.

KURIER: Warum ist es wichtig, über den Tod zu sprechen?

Caro Kraft: Susann hat dazu mal den Satz gesagt: "Eine Gesellschaft, die den Tod verdrängt, ist eine voller trauriger Menschen." Ich glaube, das stimmt tatsächlich. Die Beschäftigung mit dem Tod zieht eine Beschäftigung mit dem Leben nach sich. Da kommen essenzielle Fragen auf, die man sich stellen sollte – aber es ist natürlich bequemer, das nicht zu tun.

Susann Brückner: Dem Tod entkommt keiner. Man kann ihn durch einen offenen Umgang aber positiv besetzen. Indem man sich nicht mit ihm befasst, liefert man sich den negativen Gefühlen nur noch mehr aus.

Wie kam es zum Podcast?

Brückner: Die Idee selbst kam von mir. Ich wollte schon immer einen Podcast machen. Dann habe ich Caro getroffen: Wir waren vor knapp vier Jahren Kolleginnen in einem Verlag. Als Caros Ex-Freund sich das Leben genommen hat, war sie plötzlich und für lange Zeit nicht in der Arbeit. Irgendwann habe ich ihr geschrieben, dass wir uns zusammensetzen können, um zu reden – ohne dass ich sie betroffen anschaue. Immerhin habe ich Erfahrung mit dem Thema – auch mein Vater hat sich das Leben genommen, als ich 19 Jahr alt war.

Kraft: Wir haben in unseren Gesprächen gemerkt, dass wir normal über das Sterben reden können. Das ist man aus dem Alltag ja eigentlich nicht so gewohnt.

Warum ist das so?

Kraft: Wir haben festgestellt, dass der Tod – der eigene aber auch der eines nahestehenden Menschen – quasi den absoluten Kontrollverlust bedeutet. Das Problem daran ist, dass wir Menschen gerne besonders viel Kontrolle haben. Es ist also nicht verwunderlich, dass der Tod vielen große Angst macht. Brückner: Hinzu kommt, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der wir auf Leistung und Funktionieren getrimmt sind. Da passen Tod und Trauer nicht wirklich rein.

Gibt es ein Rezept fürs Trauern?

Kraft: Ein Gast hat uns da einen tollen Tipp gegeben. Sie meinte: „Schreibt eine Gebrauchsanweisung für Familie und Freunde.“ Man kann also dezidiert aufschreiben, wie es einem geht, was man braucht und dass sich das auch ändern kann. Das finden wir super. Denn wir merken immer wieder – auch an uns –, dass Trauer ganz individuell erlebt und bewältigt wird.

Sie haben Ihre Verlusterfahrungen also ganz unterschiedlich verarbeitet?

Kraft: Genau. Ich bin von heute auf morgen aus der Arbeit verschwunden, war fast ein Dreivierteljahr lang krankgeschrieben. Mein ganzes Leben hat in dieser Zeit Pause gemacht. Ich musste der Trauerbewältigung einfach ganz viel Platz einräumen.

Brückner: Ich wiederum brauchte nach dem Tod meines Vaters und meines Bruders, der sich vor zwei Jahren das Leben genommen hat, feste Strukturen. Nach außen hin durfte sich gar nichts ändern, damit ich innerlich irgendwie damit klarkommen konnte.

Was braucht es für ein gesellschaftliches Umdenken, damit sich Trauernde ernst genommen fühlen?

Kraft: Die Trauer hat ein schlechtes Image. Wir sehen sie als Problem, das möglichst schnell aus der Welt geschafft werden muss damit man wieder funktioniert. Da liegt die eigentliche Problematik, weil Trauer dableiben dürfen muss, damit man lernen kann, damit zu leben.

Brückner: Die größte Veränderung gäbe es, wenn Menschen, die mit Trauernden in Kontakt kommen, verstehen, dass man erst mal gar nichts machen kann, sondern einfach den Schmerz der anderen Person aushalten muss. Der kann ohnehin durch nichts besser gemacht werden. Das haben wir alle nicht gelernt – zu akzeptieren, dass etwas schlimm ist, aber man nichts dagegen tun muss.

Wie hat sich Ihr Zugang zu Tod und Trauer durch den Podcast verändert?

Kraft: Bei mir spielt der Tod generell eine große Rolle – auch im Alltag. Durch den Podcast, aber auch weil ich mittlerweile als Sterbebegleiterin arbeite. Die Beschäftigung mit dem Tod hat in meinen Leben viel verändert. Ich habe das Gefühl, dass ich früher mehr gehadert und gezweifelt habe.

Brückner (lacht): Ich finde ich habe definitiv mehr Spaß, seit wir den Podcast zusammen machen!

Was soll der Podcast bei den Hörerinnen und Hörern bewirken?

Brückner: Dass sie ein bisschen überrascht sind, davon wie einfach das Reden über den Tod funktionieren kann.

Kraft: Für mich sind die Rückmeldungen am tollsten, in denen die Leute schreiben, dass sie Angst hatten, unser Podcast wäre total traurig und überrascht waren, wie leicht, normal und schön man das aufziehen kann.

Bei Ihnen wird die Endlichkeit intensiv besprochen. Bei Ihrem Podcast ist wohl noch länger kein Ende in Sicht: Wo soll es damit noch hingehen?

Kraft: Anfangs hatten wir Zweifel, ob wir genug Themen finden würden, um den Podcast am Leben zu halten. Diese Zweifel sind längst ausgeräumt. Wir entdecken immer wieder neue Aspekte – in diesem Sinn ist das Thema Tod unerschöpflich.