Leben
30.01.2018

Wie Ikea unser Wohnen verändert hat

Mit seinem Konzept gelang Ingvar Kamprad eine Demokratisierung des Möbel-Designs.

Es war einmal... eine Wohnwand: Eiche massiv, dunkel, in der Mitte Platz für den Fernseher, in den Seitenflügeln, hinter Vitrinentüren, das bessere Kaffeegeschirr und die Kristallgläser. Jahrzehntelang prägte dieses Bild die Wohnzimmer der Republik. Bis Billy kam – und die schweren Holzverbauten nach und nach durch helle Kiefer- und Buchenregale ersetzte.

Der Siegeszug von Ikea in Österreich begann 1977: Gut 30 Jahre, nachdem der am Wochenende verstorbene Ingvar Kamprad das Möbelhaus in seiner Heimat Schweden gegründet hatte, wurde in Vösendorf die erste Filiale eröffnet. Seitdem findet sich kaum ein Haushalt, in den nicht mindestens ein skandinavisches Billigmöbel oder -accessoire eingezogen ist (von Studenten-WGs ganz zu schweigen). 68 Prozent waren 2004 in einer deutschen Umfrage der Meinung, dass Ikea unseren Einrichtungsstil "maßgeblich beeinflusst" hat.

Design über alles

Viel war in Kamprads Nachrufen von der "Demokratisierung des Wohnens" die Rede; ähnliche Worte findet Josefa Haselböck vom Hofmobiliendepot: "Ikea hat es möglich gemacht, dass man modernes Design zu sehr günstigen Preisen bekommt. Man könnte das als ‚soziales Design‘ bezeichnen." Die Ästhetik stand – bei allem Preisbewusstsein – stets im Vordergrund: "Die Ikea-Designer orientierten sich immer an den ‚Großen‘, etwa bei der Möbelmesse in Mailand."

Auch der demografische Wandel spielte dem schwedischen Möbelhaus – dessen Name sich aus den Initialen des Gründers sowie den Anfangsbuchstaben seines elterlichen Hofes und seines Heimatdorfs zusammensetzt – in die Hände: "Bis in die Sechziger war Wohnen ein sehr beständiges Thema", sagt Haselböck. "Danach wurde man mobiler, hat öfter Arbeitsplatz und Wohnort gewechselt." Später wuchs die Zahl der Einpersonenhaushalte, immer mehr Menschen zog es in die Städte, wo Wohnraum begrenzt und teuer ist – die platzsparenden, vielseitig kombinierbaren Möbel kamen da gerade recht.

"Neu war auch, dass man die Möbel sofort mitnehmen konnte", erzählt Haselböck. Als der knausrige Kamprad aus Kostengründen beschloss, seine Möbel von den Kunden zusammenbauen zu lassen, ahnte er nicht, dass er damit einen Grundstein für den Erfolg legte. Denn: Wer seinen Esstisch selber zusammenschraubt, bringt diesem in Folge eine höhere Wertschätzung entgegen. Der sogenannte "Ikea-Effekt" wurde 2009 vom Wirtschaftswissenschaftler Michael Norton nachgewiesen und hat sogar einen eigenen Wikipedia-Eintrag.

Heile Welt

Am Einkaufserlebnis selbst scheiden sich die Geister zwar (eine US-Psychologin warnte sogar, der Möbelkauf würde Beziehungen gefährden). Dennoch vermittelt das Einrichtungshaus seinen Kunden das Gefühl, heimzukommen, analysiert die Psychologin Petra Hofmayer: "Man spricht von der ‚Ikea-Family‘, ist per Du, es gibt günstiges, gutes Essen und im Bällebad kümmert sich jemand um die Kinder. Es wird also ein Stück ‚heile Welt‘, ein gutes Gefühl verkauft."

Übrigens: Laut einer Studie aus den USA hält die Ikea-Euphorie nicht ein Leben lang an. Ein Kreditkarteninstitut fand heraus, dass die Begeisterung an Malmö, Lack und Expedit beim Erreichen des 35. Lebensjahres – verbunden mit dem Kauf des ersten Eigenheims – langsam abflaut. Wie viele danach wieder zur Wohnwand in Massivholz greifen, wurde allerdings nicht erhoben.

Ikeas Muse aus Wien

Große bunte Muster, warme Stoffe, Natur als Vorbild – bei seinen Entwürfen für das "Neue Wohnen" stellte der Architekt Josef Frank bereits in den 1920er-Jahren den Menschen in den Mittelpunkt. Seine Ideen der "Wiener Moderne" bewirkten eine Demokratisierung im Design – noch nicht beim Preis, aber beim Fokus auf Wohnlichkeit. Berühmt ist etwa die "Werkbund-Siedlung" in Wien-Hietzing.

1933 musste der in Baden bei Wien geborene Architekt als Jude flüchten und fand in Stockholm Zuflucht. Dort prägte er bei der Firma Svenskt Tenn das (Selbst-)Bild skandinavischer Möbel von Ikea bis Marimekko. Er lehnte die damals moderne Stahlrohr-Ästhetik als zu kühl ab und entwarf Sofas, Sessel, Schränke und Lampen in seinem farbenfrohen Stil. 2000 Möbelskizzen und 160 Textilmuster fanden sich in seinem Nachlass und bei seinem Arbeitgeber, zeigten Ausstellungen wie jene im MAK in Wien.