Die Aufregung war groß, als das Wort Bösewichtin vor einem Jahr in den deutschen Duden fand

© KURIER/Semotan Rudolf

Leben
01/16/2022

Genderdebatte: Von Gästinnen und Bösewichtinnen

Geschlechtergerechtes Formulieren kann mit wenig Aufwand funktionieren. Was nicht heißt, dass sich keiner darüber aufregt. Etwa beim ORF-Kundendienst.

von Barbara Beer, Susanne Mauthner-Weber

Die deutsche Germanistin Kathrin Kunkel-Razum, Chefin des deutschen Duden, hätte bis vor Kurzem nicht damit gerechnet, dass sie dermaßen mediales Aufsehen erregen würde. Doch die Aufregung war groß, als das Wort Bösewichtin vor einem Jahr in den deutschen Duden fand und das generische Maskulinum verabschiedet wurde – Frauen sind jetzt nicht mehr nur mitgemeint, ein Mieter, ein Politiker oder ein Lehrer ist nun ausschließlich eine männliche Person.

„In den sozialen Netzwerken, via eMail und Post gab und gibt es – neben viel Zuspruch – auch sehr abwertende und persönlich beleidigende Zuschriften“, sagte Kunkel-Razum damals zum KURIER. Gendergerechte Sprache polarisiere, weil sie sprachliche Gewohnheiten infrage stelle – was einige tief treffe. Auch, als ORF-Moderator Tarek Leitner begann, das Binnen-I in der „Zeit im Bild“ auszusprechen, verstanden etliche Zuschauer die Welt nicht mehr. Der Kundendienst hatte viel zu tun. Mittlerweile verwenden viele Sprecher und Moderatorinnen den sogenannten „stimmlosen glottalen Plosiv“, einen kurzen Kehllaut, der entsteht, wenn das Binnen-I mitgesprochen wird. Mittlerweile hat sich die Aufregung gelegt. Was nicht heißt, dass die Sache insgesamt erledigt wäre. Mitte 2018 gab der deutsche Rechtschreibrat, eine Art Regulierungskörper der amtlichen Rechtschreibung, eine Stellungnahme zur geschlechtergerechten Schreibung ab. Titel: „Herausforderung noch ohne Lösung.“

Dabei wird um Gleichstellung in der Sprache, ob mit Asterisk („Gender-Stern“), Unterstrich („Gender-Gap“), Doppelpunkt oder Binnen-I seit Jahrzehnten gestritten. Schon in den 1960er-Jahren verwendeten Feministinnen den Schrägstrich, um Frauen in der Sprache sichtbar zu machen. Mitgemeint wollte frau schon damals nicht sein. Doch die Lehrer/innen setzten sich nicht durch und die Botschaft, wie man Geschlechtergerechtigkeit auch sprachlich abbilden kann, ist auch mehr als 50 Jahre später noch nicht bei allen angekommen.

2018 kam eine neue Herausforderung dazu: Als nämlich der Verfassungsgerichtshof festhielt, dass es neben weiblich und männlich eine dritte Option in offiziellen Dokumenten geben muss.

Liebe Wienerinnen, liebe Wiener, liebe intergeschlechtliche Menschen in Wien!, wird man nun etwa von der Stadt Wien angesprochen, wo das Thema besonders ernst genommen wird. Auf der Homepage gibt einen Leitfaden: Vorgeschlagen werden Sternchen, neutrale Formulierungen wie „Alle Menschen, die in Wien leben …“ oder die grammatikalisch umstrittene Form Liebe Studierende!

Verständlich und lesbar

Die Verwendung gendergerechter Sprache ist auch in der Bundesverwaltung üblich, auch das Bundeskanzleramt hat dazu einen Leitfaden. Texte seien dann gendergerecht formuliert, „wenn die Geschlechter sprachlich sichtbar sind“. Man folgt den Empfehlungen des Rechtschreibrates, der festhält, „Geschlechtergerechte Texte sollen verständlich und lesbar sein“. Genau das jedoch, formulieren Kritiker, sei oft unmöglich. Zudem bringe das Gendern die Gleichberechtigung nicht voran, wie etwa der Schriftsteller Navid Kermani nun in einem Essay in der Zeit schrieb.

Geschlechtergerechtes Formulieren ist im deutschsprachigen Raum zwar nicht unumstritten, nimmt aber großen Raum ein. Das Deutsche sei die einzige Sprache, aus der die geschlechtsneutrale Verwendung maskuliner Substantive und Pronomen ganz verschwinden könnte, so Kermani. Wie wird überhaupt anderswo gegendert? In Spanien sollen @- oder x-Zeichen der geschlechtergerechten Kommunikation auf die Sprünge helfen, die Schweden haben bereits 2015 das genderneutrale Personalpronomen „hen“ in die Wortliste der Schwedischen Akademie aufgenommen. Im Englischen ist es einfacher, die Sprache inklusiver zu gestalten, denn es gibt nur einen Artikel, nämlich „the“ und bei Berufsbezeichnungen ist es üblich, Begriffe, die einen Verweis auf Mann oder Frau haben, einfach zu neutralisieren. Aus „policeman“ wurde „policeofficer“, aus „spokesman“ wurde „spokesperson“ .

Einen eigenen Weg geht wie immer Frankreich. Im Frühjahr hat der französische Bildungsminister die Verwendung geschlechtsneutraler Schriftsprache an Schulen per Erlass verboten. Grund: Sie behindere das Lesen.

Statt Sternchen verwenden die Franzosen mit Pünktchen versehene Begriffe wie agriculteur.rice.s (Bauern und Bäuerinnen), „député.e.s“ (Parlamentarier*innen) oder „électeur.rice.s“ (Wähler*innen). Dazu kommt, dass das Französische noch genderintensiver als das Deutsche ist, weil etwa auch Adjektive oder Verben angepasst werden müssen. Und dann ist da natürlich die Académie française als Hüterin des Französischen, die der Meinung ist, geschlechtergerechte Sprache sei unverständlich und darüber hinaus ein „inklusiver Irrweg“.

Kompliziert? Man kann das Ganze auch pragmatisch sehen. Etwa wie der Kabarettist Thomas Maurer, der in seinem aktuellen Programm das Gendern mit Windparks vergleicht: „Nicht schön anzuschauen, aber unvermeidbar.“

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.

Kommentare