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Leben
11/01/2019

Verlust von Angehörigen: Wie es gelingen kann, Abschied zu nehmen

Eine Wienerin verlor ihren Sohn und erlebte größten Schmerz. Durch Gespräche und Selbsthilfegruppen konnte sie neue Kraft fassen.

von Uwe Mauch

Sie kann heute offen darüber reden. Dabei laufen ihr Tränen über die Wangen. Aber sie kann darüber reden. Ein großer Schritt vorwärts – nach einem weiteren schwierigen Jahr in ihrem Leben.

Darüber: „Mein Sohn ist vor gut einem Jahr, in der Nacht vom 3. auf den 4. September 2018, in ein fremdes Haus gegangen und aus dem vierten Stock gesprungen.“

Es ist in diesem Moment in der Kontaktstelle Trauer auf dem Wiener Stephansplatz noch stiller als sonst. Kathrin Unterhofer, die Teamleiterin, presst ihre Lippen zusammen. Sie kennt die Geschichte der 58-jährigen Wienerin, sie kennt viele andere Leidensgeschichten. Von Menschen, die regelmäßig in diese Einrichtung der Caritas kommen und um professionelle Unterstützung im Umgang mit ihrer Trauer bitten (siehe unten).

Sein halbes Leben

Der Sohn der Trauernden, nennen wir ihn Leon („Leon hat ihm immer gut gefallen“), wurde gerade einmal 29 Jahre alt. Und das nicht glücklich, wie seine Mutter weiß: „Sein halbes Leben hat er unter Depressionen und Angstzuständen gelitten.“

Leons zähes Ringen begann mit 15. Da hat er erstmals signalisiert, dass er psychische Probleme hat. Als er 19 war, hieß es von ärztlicher Seite noch immer, dass sein Leiden doch auch altersbedingt sein könnte.

Seine Mutter ließ nichts unversucht. Das kann sie nach Monaten des Zweifelns und Grübelns erstmals überzeugt von sich behaupten. Sie stand auch zu ihrem Sohn, als dieser ihre Hilfe ablehnte und auf eigene Faust versuchte, seine Krisen mit Alkohol und anderen Drogen in den Griff zu bekommen. Er tat das wohl auch deshalb, weil er sich schämte, weil er dachte, er müsse allein damit zurechtkommen, und weil sich in der großen Stadt kein professioneller Helfer fand, der ihm länger zuhören wollte, um seine prekäre Situation richtig einzuschätzen und ihn erfolgreich zu behandeln.

Die Schilderung schnürt ihr noch immer die Kehle zusammen. Doch die Erzählung stockt nur kurz. Die Mutter von Leon kann heute zu ihren naturgemäß aufgewühlten Gefühlen stehen: „Nachdem ich 15 Jahre lang als Alleinerzieherin von zwei Söhnen und als Angestellte in der Erwachsenenbildung immer nur funktioniert habe.“

Zwei Mal hat sich ihr Kind tiefe Schnitte zugefügt und schwer verletzt. Kein schöner Anblick. Dazu so viel Angst, so viel Sorge. Die Mutter von Leon wird diese Momente nie vergessen. Immer in Erinnerung behalten wird sie aber auch das Lächeln ihres Sohnes an den guten Tagen in seinem insgesamt kurzen Leben. „Und seine Warmherzigkeit.“

Beim dritten Mal machte Leon ernst. Und plötzlich wurde es ganz ruhig im Leben seiner Mutter: „Erst meldete er sich nicht mehr am Telefon, dann standen die Beamten von der Kriminalpolizei vor meiner Tür. Da wusste ich insgeheim längst, was passiert war.“

Auf die Frage, wie sie die Nachricht vom Suizid ihres Sohnes aufgenommen hat, erklärt die Hinterbliebene: „Überraschend gefasst. Zuvor raste jedes Mal mein Herz, wenn es wieder eine Hiobsbotschaft gab. Aber an diesem Abend spürte ich zum ersten Mal kurzfristig eine Entlastung. Weil mir bewusst wurde, dass die Zeit des Bangens und seines unerträglichen Leidens nun endgültig vorbei war. Es hatte fast etwas Erlösendes.“

Kathrin Unterhofer nickt. Diese Reaktion ist für die erfahrene Trauerbegleiterin nicht außergewöhnlich. Auch die wellenartigen Gemütsveränderungen in den Wochen und Monaten danach nicht. Zur inneren Ruhe durch den Schock paart sich bald die Scham, weil Suizid noch immer ein Tabuthema ist. Erst dann kommen der Schmerz und die völlige Erschöpfung.

Trauer und Vertrauen

In der Kontaktstelle Trauer werden leistbare Einzelbetreuungen und die Teilnahme an moderierten Selbsthilfegruppen angeboten. Diese haben auch der Mutter von Leon innerhalb eines schwierigen Jahres geholfen: „Dort habe ich verstanden, dass der Tod eines eigenen Kindes immer ein Stück weit unbegreiflich bleibt. Dass er etwas Übermächtiges ist. Und dass man damit Frieden schließen kann. Das ist ein langsamer Prozess, das ist Arbeit. Immerhin, die Unerträglichkeit des Schmerzes lässt nach.“

Die Erkenntnis, dass ihr Sohn nicht weiter leiden muss, hilft. Entlastet. Gemerkt hat sie sich den Satz einer Therapeutin: „Trauern bedeutet auch lieben.“

Heute kann sie sich über einen Schmetterling freuen. Oder über ein paar unbeschwerte Stunden. Oder sie erkennt im einjährigen Sohn von Leons bestem Freund ihr eigenes Kind. „Wenn ich sehe, wie der Bub lächelt, denke ich mir, dass Leon zwischen uns weiterlebt und jetzt hoffentlich an einem besseren Ort ist.“

"Es hilft, wenn man einfach nur da ist"

Nachgefragt. Claudius Stein leitet das Kriseninterventionszentrum Wien. Der Arzt und Psychotherapeut ist auch stellvertretender Vorsitzender der Österreichischen Gesellschaft für Suizidprävention.

KURIER: Kann man andere trösten, die einen schweren Verlust verkraften müssen?
Claudius Stein: Ja. Was  besonders wichtig ist: Es hilft, wenn man einfach nur da ist, wenn man zuhört, wenn man sich verständnisvoll für die Trauer und den Schmerz zeigt, wenn man auch kein Problem damit hat, dass das Gegenüber in Tränen ausbricht und sehr traurig ist. Da zu sein ist sehr viel wert.

Helfen gute Ratschläge?
Gut gemeinte Ratschläge helfen in der Regel nicht, vor allem helfen nicht vorschnelle Allerweltstipps. Auch der Satz „Das wird schon wieder“ kann den akuten Schmerz nicht lindern. Im Gegenteil, er kann auch falsch verstanden werden: Meine Trauer wird nicht ernstgenommen.

Wie geht man damit um, wenn der Trauernde im ersten Schock ruhig wirkt?
Wichtig ist, dass man ihn so akzeptiert. Innerlich aufgewühlt, nach außen wie betäubt – das ist eine ganz normale menschliche Reaktion, ein Selbstschutz, um die intensiven Emotionen verarbeiten zu können.

Gibt es einen Trauerverlauf?
Das kann man nicht verallgemeinern. Wir wissen aber aus all den Gesprächen, dass für viele Menschen das Begräbnis ein erster gravierender Einschnitt ist. Insgesamt kann man von Prozessen sprechen. Es gibt Zeiten, in denen sie viel reden möchten und andere, wo sie eher den Wunsch haben sich abzulenken. Meistens wird Kummer mit der Zeit weniger. Der Begriff „Trauerjahr“ hat seine Berechtigung.

Und wenn ein Hinterbliebener den Verstorbenen so sieht, als ob er noch am Leben wäre?
Sogenannte Trugbilder sind ganz normal. Sie sind ein Zeichen dafür, dass man sich intensiv mit dem Toten beschäftigt.

Wie soll man sich gegenüber Kollegen bzw. Geschäftspartnern verhalten?
Wer in einer ruhigen Minute ehrliches Interesse zeigt, macht nichts falsch. Nachfragen ist in jedem Fall besser als schweigen. Und wenn man die Antwort bekommt, dass der Trauernde nicht  reden möchte, sollte man darüber nicht gekränkt sein. Möglicherweise kommt der Kollege später auf das Angebot zurück. In der Regel gilt: Tabuisieren ist für Betroffene schmerzhafter als Reden.