Leben
01.03.2017

Trump-Beraterin Conway kniend im Oval Office: Mächtig oder dumm?

Das Auftreten von Kellyanne Conway sorgte wieder für Aufregung. Experten analysieren ihr Verhalten.

Wieder einmal sorgte Trump-Beraterin Kellyanne Conway für Aufregung. Bei einem förmlichen Termin im Oval Office kniete sie sich auf das Sofa und fotografierte Trump und seine Gäste, dann widmete sie sich ihrem Handy und sah sich die Fotos an. Die versammelten Dekane von Universitäten, die besonders afroamerikanische Studenten fördern, standen steif um Trumps Schreibtisch herum.

Entrüstung im Netz zu #Couchgate

Im Netz führte das Verhalten sofort zu einem Sturm der Entrüstung: Viele User attestierten der 50-Jährigen mangelndes Benehmen. Sie verhalte sich wie ein Kind, dem man noch nicht beigebracht hat, die Füße nicht aufs Sofa zu legen. Doch es könnte noch mehr sein als mangelndes Knigge-Bewusstsein. Der deutsche „Tagesspiegel“ kommentierte: „Die Freiheit zur Formlosigkeit ist die Freiheit des absoluten Herrschers gegenüber seinen Untertanen. Die untergeschlagenen Beine nehmen ihnen den Status als gleichrangige Gesprächspartner.“

Mit dieser Interpretation übertreiben die Kritiker, sagen Experten im KURIER-Interview. Als Wirtschaftscoach und Machtanalytikerin kennt sichChristine Bauer-Jelinekmit Frauen in Spitzenpositionen aus: „Ich habe den Eindruck, dass es weniger eine Inszenierung der Macht ist, als dass sie sich einfach nicht um die Benimm-Regeln kümmert. Das signalisiert vor allem das Gefühl von ‚Wir-sind-wir‘. Das Motto lautet: ‚Wir verhalten uns so, wie wir uns immer benehmen.‘ Eine unbekümmerte Naivität aus einem großen Selbstbewusstsein“, meint sie.

Auch Körpersprache-Experte Stefan Verra empfindet das Verhalten nicht als bewusste Machtdemonstration: „Das könnte man gelten lassen, wenn Trump das rundum so machen würde. Aber er versucht ja, sich sehr staatsmännisch zu geben. Ich glaube nicht, dass sich seine Leute absichtlich über Regeln hinwegsetzen. Es scheint, dass einige die Regeln einfach noch nicht kennen. In seinem Team sind ja oft Politikneulinge. Eben Leute, die nicht aus ihrer Familie oder aus einer jahrzehntelangen Karriere dieses Benimm-Schema gewöhnt sind.“

Er hält etwa Peter Thiel, den berühmten Investor in Trumps Team, für jemanden, der die Regeln genau kennt. „Wenn er sich dort hinsetzen würde und die Füße auf den Tisch legt, wäre ich schon eher der Meinung, dass er die Regeln absichtlich bricht. Kellyanne Conway halte ich nicht für so berechnend. Es ist ihr einfach passiert. Das sind Menschen, die das diplomatische Getue nicht so sehr beherrschen.“

Unsicherheit in der Körpersprache

Er warnt davor, zuviel in jeden Handgriff von Trump und seinem Team hineinzuinterpretieren. Als Experte liest er aus der Körpersprache mehr Unsicherheit heraus, die zu Überforderung und Fehlern führt. Trump habe seine Signale weniger unter Kontrolle, als angenommen.

Obama hingegen wusste ganz genau, wie er sich inszeniert, betont Verra. "Wenn er Michelle in der Öffentlichkeit so viel Zuwendung gezeigt hat, soll man nicht glauben, dass es zufällig ist, dass er genau jetzt seine Liebe zeigen muss. Ihm traue ich es zu. Trump und seinen Leuten nicht.“ Sie seien sich der Bedeutung gar nicht bewusst, denkt er: „Die ist in einem Raum mit lauter Leuten, macht ein Foto und Minuten später sieht das die ganze Welt.“

Ein Spiel mit sexuellen Signalen?

Bauer-Jelinek sieht an dem heiß diskutierten Bild im Oval Office noch einen ganz anderen Aspekt als Unhöflichkeit. Conway kniet mit kurzen Ärmeln und bloßfüßig auf dem Sofa – und sendet sehr klare sexuelle Signale. „Ich wundere mich, dass das nicht das Erste ist, worüber alle aufschreien. Ich finde, das ist sogar das stärkste Signal. Sie als Sexobjekt“, betont Bauer-Jelinek. Auch die leicht geöffneten Knie zeigen die Chefberaterin in einer lasziven Pose. Aber diese Inszenierung entspricht dem Trend, dass Trump Frauen nach ihrem Aussehen auswählt. „Attraktivität ist eine der stärksten Waffen, die Frauen zu einem Aufstieg verhilft.“

Darf man ihr das gute Aussehen vorwerfen? „Das gute Aussehen ist der Grund ihrer Inszenierung“, widerspricht Bauer-Jelinek. Auf dem Foto wirkt Conway wie das Zentrum der Szene. „Natürlich würde sie ihre Kompetenz in einem grauen Hosenanzug mehr betonen, aber dann würde sie nicht so auffallen. Man würde nicht so von ihr Notiz nehmen, wie das jetzt passiert.“

Als Coach analysiert Bauer-Jelinek mit Managerinnen als erstes, was ihr Ziel sei. Was würde Kellyanne Conway darauf wohl antworten? „Sie will sicher ihre Macht absichern und sich eine gute Position auch für die Zeit danach schaffen." Kann sie sich so besser von Trump abheben und ihre Stärke ihm gegenüber demonstrieren? „Nein, durch diese Pose macht sie sich noch abhängiger von seiner Zustimmung. Wenn ich eine offizielle Funktion habe und ich inszeniere mich erotisch, ist das ein Widerspruch.“

Sie muss sich über ihre Position Gedanken machen, so Bauer-Jelinek: „Ist sie oder ihr Mentor Trump mächtig genug, um sie zu halten, auch wenn sie ein paradoxes Spiel spielt? Hat sie trotzdem die interne Autorität, ihre Agenda durchzubringen? Oder bekommt sie dann nur schlüpfrige Angebote?“ Außerdem müsse sie darauf achten, dass sie nicht in Ungnade fällt, denn „in so einem Umfeld ist man schnell wieder weg“, warnt sie. Da kann die Erotik hilfreich sein, aber sie muss ja auch mit den Kollegen auskommen. Nach der ersten Aufmerksamkeitswelle müsste sie einen Schwenk in ihrem Verhalten machen. Sonst sagt jeder: Schon wieder die.“