Leben
03/20/2019

"Späte Abtreibungen zu verbieten, wäre ja schon fast bösartig"

Abtreibungen nach der 12. Woche sind wieder Teil der politischen Debatte geworden. Expertinnen schütteln nur den Kopf.

Ein Baby schreit drei Räume weiter. Die schrillen Töne sind hier immer noch sehr gut zu hören. Hier, das ist das Büro von Psychologin Karin Tordy. Es liegt im achten Stock des Wiener AKH auf der Station für Geburtshilfe und fetomaternale Medizin, leitender Arzt ist Dr. Peter Husslein. Fast täglich spricht Tordy mit schwangeren Frauen, die gerade eine pränatal-diagnostische Untersuchung hinter sich haben. Sie sprechen dann meist über eine Krankheit, ein Syndrom oder eine Fehlbildung des ungeborenen Kindes. "Angst, Verzweiflung, Trauer, Schock. Das sind die ersten Reaktionen. Damit beginnt für die Frauen eine krisenhafte Zeit", sagt Tordy begleitet von einem besorgten, mitfühlenden Gesichtsausdruck.

Tordy trägt ihr Haar blond und kurz. Ihre Stimme ist weich und warm. Was sie sagt, das sitzt. Sie ist keine, die drum herumredet, sondern die Dinge beim Namen nennt. So auch, wenn es um das – derzeit wieder politisch gewordene - Thema Schwangerschafts-Spätabbrüche geht. "Wir nennen diesen Eingriff hier nicht Spätabbruch. Es ist ein Abbruch, der aufgrund einer medizinischen Indikation gemacht wird. Wir sagen auch nicht embryopathische oder eugenische Indikation." Letzteres sei ein Begriff, der sehr gerne von Kritikern verwendet wird, um zu emotionalisieren.

Künstliche Grenze

Die gesetzliche Definition jedenfalls besagt, dass jeder Schwangerschaftsabbruch, der in Österreich nach der zwölften Woche durchgeführt wird, hierzulande als Spätabbruch gilt. "Für mich ist diese Grenze künstlich herbeigeführt, denn die meisten Frauen konsultieren uns zum Firsttrimesterscreening (FTS), wo auch die Nackenfaltenmessung stattfindet. Also in den Wochen 12 bis 14. Hier sehen wir erste Auffälligkeiten. In einigen Fällen wird die Schwangerschaft nicht fortgeführt, weil es sich um schwerwiegende Beeinträchtigungen handelt." Da es sich dabei um medizinische Probleme handelt, sei die Benennung medizinische Indikation die einzig passende Wortwahl. "Die Dinge, die wir auf den Ultraschallbildern sehen, zeigen in manchen Fällen eine krankhafte Veränderung und werden bestmöglich abgeklärt. Dann wird eine medizinische Diagnose gestellt und die weitere Vorgehensweise besprochen", ergänzt Anita Weichberger, die ebenfalls hier als Psychologin arbeitet. Sie kommt gerade von einem sehr langen und intensiven Telefonat mit einer Frau, die sich während des Gespräches unter Tränen zu einer Fortführung ihrer Schwangerschaft entschieden hat.

Die erste Phase durchstehen

Diese unerwarteten, beängstigenden Diagnosen lösen bei den Frauen immer eine schwere Krise aus. "In dieser Krise ist die Entscheidungsfähigkeit der Frau oder des Paares herabgesetzt. Da erleben sie eine akute Belastungsreaktion und es dauert immer einige Tage, bis sie abklingt. Erst dann ist die Frau oder das Paar fähig, die Situation ganzheitlich zu erfassen", sagt Weichberger. Diese erste Krise soll nämlich nicht dazu dienen, aus Angst oder Panik überhastet mit der Schwangerschaft abzuschließen. "Wäre das so, dann wäre das unser professioneller Fehler." Tordy und Weichberger helfen den Müttern also, diese erste Phase zu überstehen, ohne dabei eine vorschnelle Entscheidung zu treffen.

Abbruch als Möglichkeit

Was den beiden Psychologinnen besonders wichtig ist: "Ein Spätabbruch ist kein Fetozid. Immer wieder wird das verwechselt oder absichtlich so benannt", sagt Tordy verärgert. Es handle sich aber um zwei sehr unterschiedliche Eingriffe. "Beim Fetozid wäre das Kind nach der Geburt lebensfähig, allerdings würde eine Reihe von Problemen daraus resultieren. Das heißt, bevor das Kind geboren wird, wird es durch ein Mittel, das ins Herz injiziert wird, getötet." Ein Fetozid sei für alle Beteiligten eine Katastrophe und noch dramatischer als ein Spätabbruch. Es gelte, solch einen Eingriff zu verhindern, wenn die Situation es zulässt. "In manchen Fällen, etwa bei gravierenden Gehirnfehlbildungen, geht es aber nicht anders, da sich diese oft erst im Lauf der Schwangerschaft herausbilden. Da sprechen wir dann etwa von Woche 23 an", sagt Weichberger. "Wenn die Fehlbildungen dann sehr schwerwiegend sind, nennen die Ärzte der Mutter den Abbruch als eine Möglichkeit", fährt sie fort.

Tordy findet es nahezu unverantwortlich, dass viele Medien, Kritiker, Prominente oder auch Politiker hier begrifflich zwischen Spätabbruch und Fetozid nicht unterscheiden und dadurch zusätzlich emotionalisieren. Für die Psychologinnen sei es zudem in ganz seltenen Fällen ein außerordentlich heikles Abwägen: Zahlt es sich aus, Druck zu machen, um einen Fetozid zu umgehen oder nimmt man den Fetozid in Kauf, um noch Entwicklungsmöglichkeiten des Kindes abzuwarten? Klar sei selbstverständlich, dass die besten Entscheidungen mit ausreichend Zeit gefällt werden.

 

Doch wie wird entschieden, ob ein Spätabbruch einer Schwangerschaft infrage kommt? "Diesem Eingriff muss bei uns von ärztlicher Seite zugestimmt werden. Einerseits ist die Schwere der Erkrankung des Kindes maßgeblich. Dann kommt die subjektive Einstellung der Mutter, der Eltern hinzu. Wir versuchen hier nach bestem Gewissen alle Seiten abzudecken", sagt Tordy und erinnert sich an Patientinnen, die schon bei der Diagnose Lippen-Kiefer-Gaumenspalte oder bei Handfehlbildungen total zusammengebrochen sind. "Wir sagen diesen Frauen, wir verstehen die momentane Verzweiflung, aber das ist keine medizinische Indikation. Damit wird Ihr Kind gut leben können."

 

Am Ende seien diese Frauen stets sehr dankbar für diese Einschätzung gewesen. Dankbar dafür, dass Tordy und Weichberger sie mitten in der großen ersten Krise wahrgenommen und nicht zur Handlung gedrängt haben. Jeden Tag in der Früh findet auf der Station die Morgenbesprechung statt, der zahlreiche Ärzte aus unterschiedlichen Bereichen beiwohnen. Jeder Fall wird anhand der medizinischen Fakten einzeln diskutiert. Wie würde das Leben des Kindes aussehen? Gibt es genetische Faktoren? Wie ist die Situation der Frau?

"Schnell weg, salopp gesprochen, gibt es bei uns überhaupt nicht. Erstens folgen wir konkreten internen Handlungsanleitungen, an die wir uns streng halten. Zweitens sind das teils wochenlange und detailliert durchdachte Entscheidungen mit unzähligen Gesprächen", erklärt Tordy.  Sie betont zudem die enge Zusammenarbeit mit der Kinderklinik, Selbsthilfegruppen oder etwa der Down-Syndrom-Ambulanz.

"Abbrüche könnten sogar ansteigen"

Tordy und Weichberger können über die aktuelle wieder entfachte politische Debatte zum eventuellem Verbot von Spätabbrüchen nur den Kopf schütteln. "Da würde etwas kriminalisiert werden, das in Nachbarstaaten sehr wohl möglich ist. Aktuell haben wir Zeit, um in Ruhe zu untersuchen, ob das Kind krank ist und wenn, wie schwerwiegend die Krankheit ist. Sollte ein Abbruch nur innerhalb der Fristenlösung erlaubt sein, werden vermutlich viele Kinder auf Verdacht abgetrieben, weil keine Zeit für eine intensive Abklärung bleibt. Daher könnten die Zahlen der Abbrüche sogar ansteigen", sagt Weichberger nachdenklich.

Variante zwei wäre eine starke Abwanderung in andere Länder und das könnte auch nicht im Sinne der Verantwortlichen sein. Im dritten Fall könnte die Frau in eine Situation geraten, in der sie schlichtweg auf den Tod des Kindes warten müsste. Und kaum jemand hätte eine Vorstellung davon, welche Qualen das bedeutet.

„Depressionen und massive Verzweiflung würden sicher ansteigen“, sagt Tordy bestimmt.

Durch das ihr entgegengebrachte Unverständnis käme es erfahrungsgemäß zu einer Situation, in der die Frau oder das Paar versuchen wird, für die Möglichkeit eines Abbruchs zu kämpfen und sie würde nicht in der Lage sein, die Situation in Ruhe zu erfassen. Sie würde ihre Zeit dafür aufwenden, den Abbruch zu organisieren. "Wenn so ein starkes Nein auf der anderen Seite ist, dann gibt es keine Auseinandersetzung mit der Situation. Das wäre für mich wirklich absolut undenkbar."

„Ich würde das zutiefst unfair finden, Pränataldiagnostik zu praktizieren und zu empfehlen, die Frauen dann aber mit dem Befund stehen zu lassen“, sagt Tordy ernst.

Wenn wir Pränataldiagnostik ermöglichen, dann müssten wir auch mit den Konsequenzen leben. Aber wir könnten uns nicht mit einem Verbot auf eine Seite schlagen. "Die Pränataldiagnostik wurde nicht von den Schwangeren gewünscht und forciert, im Gegenteil. Derzeit ist es so, dass eine Frau aus medizinischer Sicht als verantwortungsbewusst gilt, wenn sie diese Untersuchungen, die ja meist sogar kostenpflichtig und sehr teuer sind, macht. Diese Untersuchungen werden empfohlen. Ihnen dann aber Handlungsschritte zu verwehren, falls sich eine schwere Erkrankung oder Fehlbildung des Kindes herausstellt, wäre ja fast bösartig."

Tordy rückt ihre Brille zurecht und blickt ungläubig ihre Kollegin an. Wir sollten uns generell vom Schwarz-Weiß-Denken wegbewegen. Weg von Richtig und Falsch. "Es geht doch nur um diese eine Frage: Wofür können ich und mein Partner die Verantwortung übernehmen? Es bleiben Schuldgefühle. Wie groß ist das Ausmaß, können sie es gemeinsam tragen? Ich sage nie, das wird leicht. Diese Eltern übernehmen zu einem sehr zeitigen Punkt sehr große Verantwortung für ihre Kinder."

Teil der Familiengeschichte

Tordy und Weichberger sagen den Frauen, dass das Kind seinen Platz in der Familie bekommen darf und soll. Auch im Falle eines Abbruchs. Die psychologische Begleitung zielt darauf ab, dass das Paar ihr Kind und ihre Entscheidung als Teil ihres Lebens begreifen, für den sie Verantwortung übernehmen. Dadurch ist es auch möglich, sich nach der Geburt von ihrem Kind zu verabschieden und liebevolle Erinnerungen zu behalten. 

Dass ihre Vorgehensweise gut angenommen wird, zeigen die Nachgespräche mit den Frauen. "Nach einer Zeit der tiefen Trauer können unsere Patientinnen, die einen derartigen Eingriff hatten, gut damit leben. Mit der wahrscheinlich schwierigsten Entscheidung ihres Lebens. Ich muss hier betonen, weil das enorm wichtig ist: Diese Frauen erholen sich im allgemeinen gut. Sie werden nicht depressiv und sind danach wieder beziehungsfähig, liebesfähig, arbeitsfähig. Dafür sind wir hier. Und wir erfahren sehr große Dankbarkeit für die menschliche Behandlung im AKH", sagt Tordy.

Was besser sein soll

Wenn etwas verändert werden sollte, dann definitiv die Rahmenbedingungen. Ein Ausbau der psychologischen Betreuung in ganz Österreich wäre enorm wichtig. "Zentren wie dieses hier im AKH im ganzen Land zu etablieren wäre enorm wichtig. Schulungen für Ärzte, wo es um Sensibilität der Sprache und Verhalten in Krisensituationen geht. All das. Aber kein Verbot in die andere Richtung", sagt Weichberger. Im Idealfall müsse ganz selbstverständlich sein, dass Psychologinnen Teil des Behandlungsteams sind. Von Anfang an. In jeder Klinik, die Pränataldiagnostik anbietet.