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Leben
03/20/2019

Spätabtreibung: "Wir sind in ein tiefes Loch gefallen"

Wie ein Katholik und Abtreibungsgegner mit seiner Frau um einen späten Schwangerschaftsabbruch kämpfte.

Christian ist Katholik. Sein Glaube spielt für ihn eine große Rolle. Er war Ministrant, ist Teil einer katholischen Studentenverbindung und eigentlich strikter Abtreibungsgegner – bis sich im November 2018 alles änderte.

Christian, 33, sitzt mit seiner Ehefrau Andrea, 30, in einem hippen Café am Nestroyplatz. Beide haben strahlend blaue Augen. Wenn Andrea lächelt, formt sich ein Grübchen auf ihrer rechten Wange. Und heute lächelt sie oft, wenn auch eher aus Verlegenheit. Denn das Thema, über das die beiden reden, ist bestimmt kein leichtes. Es geht um ihren Sohn, der am 26. November 2018 tot auf die Welt kam. Dass es so kommt, wollte das Paar. Es kämpfte sogar darum, das Kind im Mutterleib töten zu dürfen.

Die perfekte Schwangerschaft

Andrea spürt ihren Kinderwunsch schon lange. Christian wollte alles ordentlich machen: heiraten, Ausbildung fertig, alles schön der Reihe nach. Als es so weit war, ging es ganz schnell. "Ich war schwanger und hatte überhaupt keine Beschwerden, nicht einmal Morgenübelkeit", erzählt Andrea. Bei der Nackenfaltenmessung war alles in Ordnung. "Im Nachhinein war es zu perfekt", sagt Christian.

Organscreening - und alles kommt anders

In der 23. Schwangerschaftswoche macht das Paar in einer Klinik für Pränataldiagnostik einen speziellen Ultraschall, das Organscreening. Alles war bestens. Zur Sicherheit will die Ultraschalltechnikerin noch die Füße ansehen, doch das Kind liegt schlecht und soll sich drehen. Das Paar geht also spazieren, erleichtert, dass es dem Baby gut geht. Zurück in der Klinik kommt es dann doch anders. Diagnose: Das rechte Wadenbein fehlt, das Bein ist verkürzt.

"Wir haben dann versucht, irgendjemanden zu erreichen, der uns sagen kann, was das für unser Kind bedeutet", erzählt Christian, in seiner Stimme klingt die alte Verzweiflung durch. Am nächsten Tag war Feiertag, dann Wochenende. Keine Chance. Doktor Google verschlimmert die Ängste der Eltern.

In der Woche darauf organisiert die Klinik einen Spezialisten, der den Eltern die Angst nimmt. Zumindest drei große Operationen bräuchte es, mit 17 Jahren wäre ihr Sohn austherapiert und könnte ein ganz normales Leben führen. Andrea und Christian besprechen die Situation und entscheiden sich: Wenn es nur das Wadenbein ist, kommt ein Schwangerschaftsabbruch nicht in Frage.

Kurz darauf wird das Fruchtwasser untersucht. Zwei lange Wochen später sind die Befunde da. Die Untersuchung ergibt, dass an einem Chromosom ein Zuwachs besteht. "Höchstwahrscheinlich keine klinische Relevanz", heißt es im Befund. Doch der Zuwachs steht im Zusammenhang mit einem extrem seltenen Gendefekt, der Gliedmaßen, Brustkorb und Zähne betrifft. Alle Betroffenen haben zumindest einen zusätzlichen Finger. Also werden alle Untersuchungen wiederholt – den Finger würde man am Ultraschall sehen.

"Wir wurden nur weitergereicht"

"Dann kam es Schlag auf Schlag", sagt Christian. Das Schienbein ist verkrümmt, der Fuß und eine Hand sind fehlgebildet, Zehenstränge fehlen. "Wir sind in ein schwarzes Loch gefallen und von Spezialisten zu Spezialisten gelaufen. Jeder schaut sich seinen Teilbereich an, niemand sagt uns, was das im Ganzen bedeutet. Wir wurden nur weitergereicht." Andrea fügt hinzu: "Es weiß auch bis heute niemand, was das Kind hatte."

Christians Glaube verbietet Abtreibung

In der 26. Schwangerschaftswoche steht ein Schwangerschaftsabbruch im Raum. Das ist für Christian schwer zu verkraften. "Ich bin Katholik und war immer strikter Abtreibungsgegner." Dann ist er auf einmal selbst mit einer Entscheidung konfrontiert, die er in der Vergangenheit verurteilt hatte. Christian ist hin- und hergerissen. Eine Abtreibung verbietet ihm sein Glaube. Doch das Paar ist sich einig, dass es ihrem Sohn dieses schmerzhafte Leben nicht zumuten will.

Heute sagt Christian: "Niemand darf aus sozialen, religiösen oder sonstigen Gründen jemand anderem vorschreiben, was er in der Hinsicht zu machen hat." Schweren Herzens fassen Andrea und Christian gemeinsam den Entschluss, die Schwangerschaft abzubrechen.

Damit ist es allerdings nicht vorbei. Die Klinik für Pränataldiagnostik warnt das Paar, die vorhandenen Diagnosen würden in Österreich wahrscheinlich nicht für einen Abbruch nach medizinischer Indikation reichen, denn die Krankenhäuser legen das eigentlich recht liberale Gesetz streng aus. Dennoch vereinbart die Klinik einen Termin für weitere Tests im Spital.

Eine Abtreibung für 10.000 Dollar

In der Zwischenzeit versucht das Paar, sich Hilfe zu holen. Es telefoniert einerseits mit Vereinen in Deutschland, die Alternativen zum Spätabbruch aufzeigen wollen und kontaktiert andererseits Kliniken auf der ganzen Welt, die legale Abtreibungen in der fortgeschrittenen Schwangerschaft anbieten. Spanien, Kanada, Großbritannien, USA. "Die Spanier haben uns an Denver verwiesen. In der Klinik geht alles. Keine Fragen", sagt Christian. Sie machen sich einen Termin aus. Rund 10.000 Dollar kostet allein der Eingriff.

"Es war die Unsicherheit", sagt Andrea. Niemand konnte sagen, was das Kind hat, wie sein Leben aussehen würde. Wird es Schmerzen haben, Operationen brauchen? "Im Gesamtbild haben wir dann festgestellt, wir wollen dem Kind das so nicht zumuten." Ihren Sohn zur Adoption freizugeben, war für die beiden keine Option. "Das löst unser Problem nicht, weil es das Problem unseres Sohns nicht löst", sagt Andrea.

Der Termin in Denver steht. Die beiden hoffen aber immer noch darauf, den Eingriff in Österreich durchführen zu können.

"Bei jeder Untersuchung ist etwas Neues dazugekommen"

Im Spital durchläuft das Paar also sämtliche Tests noch einmal. "Bei jeder Untersuchung ist etwas Neues dazugekommen", schildert Christian. Die zweite Hand, ein fehlender Knochen im Fuß.

"Wir mussten wirklich dafür kämpfen. Das macht den ganzen Prozess so unmenschlich." In der psychologischen Beratung wurden die beiden "auf Herz und Nieren abgeklopft". Die Psychologin spricht eine mögliche Adoption an. Christian wird wütend, er wird laut. "Was wollen Sie eigentlich von uns?" Im Nachhinein, viele Monate später, versteht er, dass sie ihren Job gemacht hat. "Die Psychologin war eine der wenigen, die wirklich versucht hat, uns zu helfen", sagt Andrea.

Warten

Nach den Tests und Gesprächen gehen die beiden nach Hause. Wieder heißt es warten. Am Tag darauf läutet das Telefon: "Ihrem Wunsch wurde stattgegeben."

Am 26. November 2018 wird der Fetozid durchgeführt, der Fötus also im Mutterleib getötet, tags darauf die Geburt mit Medikamenten eingeleitet. "45 Stunden von der ersten Schmerzwehe bis zur tatsächlichen Geburt", schildert Andrea.

Welche Unterstützung haben sie sich damals gewünscht? "Eine Stelle, an die wir uns wenden können, ohne Stigma", sagt Christian. Andrea hätte sich einen Advokaten gewünscht, der für sie, die Eltern, eintritt. Und jemanden, der eine Gesamteinschätzung liefert, den Querschnitt aus allen Einzeldiagnosen.

Buße tun

Andrea und Christian trauern, beide auf verschiedene Arten. Sie haben sich professionelle Hilfe gesucht und arbeiten gleichzeitig an ihrer Beziehung. Christian wendet sich an seinen Pfarrer, er will Buße tun. Der antwortet nur: "Denkst du nicht, du hast genug Buße getan?" Andrea ist im Mutterschutz und kümmert sich um den Umzug, Christian ist auf Jobsuche. Das Leben geht weiter. Die beiden sind Eltern, nur ohne Kind.

*Die Namen wurden geändert.

Der KURIER-Schwerpunkt zu Spätabtreibung: