Nicht alle Frauen wissen über die Wirkung des Verhütungsmittels Bescheid.

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Leben
01/25/2019

Provokante These: Gibt es die Pillenpause wegen Papst?

Das Hormonpräparat kann laut Medizinern täglich genommen werden – die Kirche ist skeptisch.

von Elisabeth Mittendorfer

21 kleine Pillen, sieben Tage Pause: Fast 60 Jahre nach Markteinführung der Pille halten sich auch heute viele Frauen an dieses Einnahmeschema. Auch, wenn es dafür gar keinen medizinischen Grund gibt.

Zumindest besagt das eine neue Richtlinie der britischen Faculty of Sexual Reproductive Healthcare, die das britische Gesundheitssystem in Fragen rund um sexuelle Reproduktion berät. Demnach hat die Pillen-Einnahme ohne Pause sogar Vorteile: Frauen hätten weniger Bauch- und Kopfschmerzen, ein reduziertes Risiko einer ungewollten Schwangerschaft und keine Blutung.

Das bestätigt auch Univ.-Prof. Christian Egarter, Leiter der Klinischen Abteilung für Gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin an der MedUni Wien. Er empfiehlt die Anwendung im Langzyklus nicht nur für die Pille, sondern auch für andere hormonelle Verhütungsmittel, wie das Hormonpflaster oder den Vaginalring. In einigen Fällen gebe es eine medizinische Indikation für eine kontinuierliche Anwendung – etwa, wenn die Frau an Endometriose leidet. Die Kosten für Hygieneprodukte fallen ebenfalls weg.

Kirchlicher Einfluss

Warum gibt es die Pillenpause dann überhaupt? Sie ist eine Erfindung des US-Mediziners John Rock, der zur Antibabypille geforscht hat. Das behauptet jedenfalls der Reproduktionsmediziner Prof. John Guillebaud gegenüber der britischen Tageszeitung The Telegraph und hat damit eine breite Diskussion losgetreten:

Rock habe gehofft, dass die Kirche die Pille eher akzeptieren würde, wenn der natürliche Zyklus imitiert wird. Ohne Erfolg: Am 25. Juli 1968 verbot Papst Paul VI. den Gläubigen künstliche Verhütungsmittel in der Enzyklika "Humanae Vitae", also auch die Pille. Diese Lehre wurde bis heute nicht revidiert. Egarter bestätigt zwar nicht diese Geschichte, aber einen massiven Druck der katholischen Kirche bei Einführung der Pille. Hinter der Pause stünden jedoch auch Marketingüberlegungen der Pharmaindustrie, Frauen die Illusion eines natürlichen Zyklus zu vermitteln, um die Akzeptanz des Präparats zu erhöhen.

Sexualmoral

Susanne Kummer, Geschäftsführerin vom Institut für medizinische Anthropologie und Bioethik der Österreichischen Bischofskonferenz hält den im Telegraph beschriebenen Zusammenhang mit der Kirche für "an den Haaren herbeigezogen". Die Pille sei ein massiver Eingriff in den Hormonhaushalt, junge Frauen würden darüber zu wenig aufgeklärt. "Die katholische Kirche schreibt niemandem etwas vor, aber man muss das Bild hinterfragen, wonach verantwortlich gelebte Sexualität darauf reduziert werden soll, dass die Frau die Pille nimmt", sagt Kummer.

Zahlen, wie viele Frauen die Pille im Langzyklus nehmen, gibt es nicht. Eine Befragung von über 5.700 Frauen aus zwölf europäischen Ländern im Jahr 2017 ergab, dass sich 57 Prozent eine seltenere Monatsblutung wünschen.

Nötig sei die Blutung jedenfalls nicht, erklärt Egarter. "Durch häufigere Schwangerschaften und längere Stillzeiten hatten Frauen früher seltener ihre Periode – die monatlichen Blutungen über Jahre hinweg sind heute eine nicht zu unterschätzende Anstrengung für den Körper."

Manche würden trotz Pille bluten wollen: "Viele sehen darin eine Absicherung, nicht schwanger zu sein, obwohl die Abbruchblutung keine Menstruation ist, sondern durch den Abfall des Hormonspiegels entsteht", erklärt Egarter. Auch andere Mythen, wie die Reinigung des Körpers durch die Monatsblutung würden sich hartnäckig halten. Hier bedarf es laut Egarter mehr Aufklärung, für die in Kassenpraxen nicht immer ausreichend Zeit ist.

Beipackzettel muss vor Depression warnen

Der Beipackzettel hormoneller Verhütungsmitteln wie Antibabypille, Hormonring oder -pflaster muss künftig einen Hinweis über mögliche Nebenwirkungen wie Depressionen enthalten. Die Maßnahme erfolgt auf Empfehlung der Europäischen Arzneimittelagentur.

Hintergrund ist eine dänische Studie, die die hormonelle Verhütung in Zusammenhang mit einem erhöhten Suzidrisiko brachte. Tatsächlich ist bekannt, dass depressive Verstimmungen und Depressionen als Nebenwirkung hormoneller Verhütung auftreten können.

Hierzulande schützen sich 38 Prozent der Frauen im gebärfähigen Alter mit der Antibabypille vor einer ungewollten Schwangerschaft – das ergab der jüngste Österreichische Verhütungsreport, der im Auftrag des Gynmed-Ambulatoriums im Jahr 2015 herausgegeben wurde. Damit ist das Hormonpräparat das beliebteste Verhütungsmittel der Österreicherinnen, wenngleich ein Trend zu hormonfreien Verhütungsmitteln zu beobachten ist.