Dr. Martin Guttner

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Porträt
10/15/2016

Vom Leben eines echten Bergdoktors

Ein neuer Dokumentarfilm zeigt die Freuden und Sorgen eines Kärntner Landarztes.

von Julia Pfligl

Er ist fast nie in seiner Praxis, behandelt jede Woche eine andere seltene Krankheit und darf jederzeit im örtlichen Krankenhaus mitoperieren. Die Rede ist von "Bergdoktor" Martin Gruber, der, dargestellt von Hans Sigl, jede Woche Millionen Menschen vor den Fernseher lockt. Mit der Realität eines Landarztes hat die Erfolgsserie freilich wenig zu tun. "Die kleinen Probleme, das volle Wartezimmer, die Arbeit am Computer sieht man nicht", sagt Martin Guttner. Mit Martin Gruber teilt er nicht nur den Vornamen, sondern auch den Beruf. Guttner, seit 1. Oktober in Pension, arbeitete mehr als 30 Jahre als praktischer Arzt in der 1000-Einwohner-Gemeinde Oberdrauburg in Kärnten. Seit Freitag ist ein berührender und gänzlich ungeschönter Dokumentarfilm über seine Arbeit ("Bei Tag und bei Nacht") im Kino zu sehen.

Rund um die Uhr

Zum Film ließ er sich zuerst nur deshalb überreden, weil der Regisseur, Hans Andreas Guttner, sein Bruder ist. "Später erkannte ich, dass das Ganze einen Sinn hat: So kann ich zeigen, was Landärzte alles leisten und welche Lücke bleibt, wenn es bald keine mehr gibt." In fünf Jahren, so Guttner, sei jeder zweite Hausarzt auf dem Land in Pension. Die Jungen reißen sich nicht gerade um die leerstehenden Ordinationen – für Guttner wenig überraschend. "Der größte Nachteil ist die fehlende Freizeit. Am Anfang waren wir in einem Zweiersprengel und haben rund um die Uhr gearbeitet. Später, in der Urlaubszeit, hatte ich jedes zweite Wochenende durchgehend Dienst. Mit einer Familie und kleinen Kindern ist das schwierig." Auch die "zum Teil lächerliche" Bezahlung und die bürokratischen Hürden seien abschreckend. "Man hat zu viele Pflichten: Evaluierungspflicht, Fortbildungspflicht, Registrierkassenpflicht. Eigentlich bin ich kein Freiberufler, sondern ein Pflichtberufler."

Doch die schönen Seiten überwiegen, betont der Vater zweier erwachsener Kinder – und das wird auch im Film deutlich. Bei den Visiten auf entlegenen Bergbauernhöfen; beim persönlichen Plaudern und Scherzen mit den Patienten in der Praxis ("Ich sage immer: Wer einen guten Witz kennt, braucht keine Rezeptgebühr zahlen"); in den dankbaren Blicken der Angehörigen, die den mobilen Doc nach dem Hausbesuch mit Selbstgebackenem verabschieden. "Für mich", sagt der 65-Jährige, "sind das keine Fälle, sondern Freunde. Ich frage mich immer, ob ich meinen Bruder genau so behandeln würde."

Seine Patienten begleitete Guttner oft bis ans Sterbebett. Viele weinten bei seiner Pensionierung. Die persönliche Bindung ist dem Drautaler wichtig: „Wenn ich krank werde, freue ich mich ja auch, wenn ein Arzt kommt, der mich kennt.“

Gesundheitszentren

Dieses Szenario könnte schon bald der Vergangenheit angehören. "Statt Landärzten wird es Gesundheitszentren in den größeren Orten geben. Aber die Alten, die nicht mobil sind, kommen da nicht hin und kriegen ihre Medikamente nicht. Viele haben keinen Führerschein und wissen nicht, wie sie vom Berg runterkommen."

Er selbst will im Ruhestand nicht mehr praktizieren – zu viele Pflichten, zu viel Bürokratie. Stattdessen wird Guttner gemeinsam mit seiner Frau humanenergetisch arbeiten. Dann bleibt mehr Zeit für die Familie, die Berge – und vielleicht auch für seinen berühmten TV-Kollegen. Denn: "Bis jetzt war ich am Abend meist so müde, dass ich schon vor dem ‚Bergdoktor‘ eingeschlafen bin."

Mehr über die Situation der Landärzte in Österreich lesen Sie hier.
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