Österreichs Fahnenträgerin in Rio, emotional eingebürgert als "Susi"

© APA/HANS KLAUS TECHT

Heimatgefühle
10/26/2016

Neu-Österreicher über ein "wunderbares Land"

Acht Menschen, die sich für Österreich entschieden haben, erzählen zum Nationalfeiertag über ihre Heimat-Gefühle.

von Uwe Mauch, Daniela Davidovits, Heinz Wagner, Philipp Albrechtsberger

Abgesehen von den rot-weiß-roten Fahnen auf vielen Straßen und Plätzen, der Leistungsschau des Bundesheers rund um den Wiener Heldenplatz und den Feiertagsreden von Politikern zieht heute ein weiterer 26. Oktober ins Land, der bei vielen Landsleuten wenig bis keine Emotionen hinterlassen wird.

Ganz stimmt das natürlich nicht. In vielen österreichischen Botschaften sowie diplomatischen Vertretungen kommen heute rund um den Erdball Menschen zusammen, um gemeinsam die österreichische Bundeshymne zu singen und sich durchaus sentimental an ihr Heimatland und ihre Lieben zu Hause zu erinnern.

Und dann gibt es da noch eine Reihe von Menschen, die nicht als Österreicher geboren wurden und die im Laufe ihres Lebens freiwillig, viele auch unfreiwillig von ihrer ersten Heimat wegegangen sind, um im Land der neuen Vielfalt ein neues Leben zu beginnen. Auch sie verbinden mit Österreich Sentimentales.

Der KURIER lässt anlässlich des Nationalfeiertags acht Menschen zu Wort kommen, für die das lang gezogene "viel-ge-rühmte Ö-sterreich" in der Bundeshymne eine ganz besondere Bedeutung hat.

Die Madame d’ Autriche

Sie wurde in Brest geboren und hat in Paris ein Studium für Dolmetscher abgeschlossen. Doch ein Discobesuch während eines Skiurlaubs im Ötztal sollte ihr Leben weg von Frankreich lenken, erzähltClaudine Granbichlermit einem Strahlen im Gesicht. „Im Jahr 1977 haben wir geheiratet und sind dann gemeinsam nach Wien übersiedelt." Granbichler war von Anfang an Mitarbeiterin in der Wiener UNO-City. Den Abschied von ihrer ersten Heimat haben ihr die französischen Behörden sehr leicht gemacht: „Als Österreicherin musste ich ein Visum beantragen, um im Sommer einzureisen. Da war ich schon angefressen.“

Ganz anders ihre Gefühle zu Österreich: „Ich bin stolz auf mein Land und schätze die Lebensqualität.“ Auch die Supermärkte böten mehr Vielfalt als 1977, könnten mit den französischen mithalten.

Vereinte Nationen sogar in ihrer Familie: „Meine Tochter ist in Frankreich zur Welt gekommen und hat sowohl die österreichische als auch die französische Staatsbürgerschaft. Sie ist mit einem Franko-Japaner verheiratet. Meine Enkeltöchter haben daher gleich vier Staatsbürgerschaften.“ Nachsatz: „Alle in der Familie sind sehr Pro-Österreich.“

Der Austro-Bosnier

Auch wenn man sich auf Ämtern immer noch die Zunge bricht und regelmäßig über die Buchstaben seines Namens stolpert, auch wenn er in der Schule von den Lehrern immer wieder Ansätze von Diskriminierung erfahren hat, fürMario Lučić besteht überhaupt kein Zweifel: „Ich bin ein Österreicher.“ Der 25-Jährige bezeichnet sich selbst als dritte Generation. Seine Großväter waren klassische „gastarbajter“. Sie kamen am Ende der 1960er-Jahre auf Einladung der Republik Österreich aus kleinen kroatisch dominierten Dörfern nahe der bosnischen Grenzstadt Brčko nach Wien. „Meine Eltern lernten sich bereits in Wien kennen“, erzählt Lučić.

Als einen Bosnier sieht sich der Newcomer der Wiener Kabarettszene (mit dem Programm „Der Ghettoneurotiker“) nicht: „Ich mag das Land meiner Eltern und Großeltern. Im Sommer bin ich gerne dort, aber ich fühle mich in Wien zu Hause.“ Bereichernd: Sein Humor basiert auf jener vornehmen Tradition der bosnischen Witzeerzähler, die sich selbst nicht bitter ernst nehmen und daher auch über sich selbst lachen können.

Die politisch Verfolgte

Sie durfte in ihrer alten Heimat, der Tschechoslowakei, nicht mehr auftreten. Weil sie für die Menschenrechte votiert und dann auch die Charta 77 unterschrieben hatte. Dank einer diplomatischen Initiative von Bundeskanzler Bruno Kreisky konnte die aus Brünn stammende SchauspielerinNika Brettschneiderexakt am 7. 7. 1977 mit ihrem Mann und ihrem Sohn aus der ČSSR ausreisen.

„Es waren nicht alle Leute in Wien über unsere Ankunft begeistert“, erinnert sich die Schauspielerin und Mitbegründerin des Wiener Theaters Brett. „Keine Freude hatte zum Beispiel die Hausmeisterin, die selbst keine Österreicherin war. Doch wir haben auch Freunde gewonnen, die uns geholfen haben.“ Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs habe sie eine Zeit lang „in einem emotionalen Niemandsland“ gelebt, sagt Brettschneider. Heute fühlt sie sich in erster Linie als Europäerin. Gegenüber Österreich empfindet sie weiterhin eine gewisse Dankbarkeit. „Doch ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass ich diesem Land als schlecht bezahlte Theatermacherin viel retour geben konnte.“

Der angehende Österreicher

Er hat die Nase voll von seinen Landsleuten, empört sichDieter Schreiber, umtriebiger Architekt und Betreiber der Bunkerei im Wiener Augarten. Emotional und realpolitisch. Und dabei meint er nicht die Österreicher! Zum Emotionalen: In einer Fußgängerzone in Hamburg wurde er jüngst von einem Radfahrer angepöbelt. Weil er es gewagt hatte, mit seiner aus Oberösterreich stammenden Frau stehen zu bleiben und ein paar Sätze zu wechseln. Zum Politischen: Er möchte nicht länger Staatsbürger eines Landes sein, „das wieder einmal in Richtung Krieg führt – und ich sage absichtlich: führt“.

Außerdem will Dieter Schreiber in dem Land, in dem er sich heute zu Hause fühlt, nicht nur in seinem Bezirk wählen dürfen. Daher wird er jetzt nach mehr als reiflicher Überlegung die österreichische Staatsbürgerschaft beantragen. Blinder Patriot sei er jedoch auf keinen Fall: „Es gibt ja auch in diesem Land etliche Missstände.“

Die Fahnenträgerin bei Olympia

In der Karriere von Tischtennis-SpielerinLiu Jiagab es viele Höhepunkte, aber zwei Momente werden der ehemaligen Europameisterin und Weltranglisten-Neunten ewig in Erinnerung bleiben: Olympia 2008 in ihrer Geburtsstadt Peking und Olympia 2016 in Rio, wo Liu Jia, die alle nur „Susi“ nennen, die rot-weiß-rote Delegation als Fahnenträgerin anführen durfte. „Ich sehe es nicht nur als Wertschätzung meiner Leistungen, sondern auch meiner Persönlichkeit“, sagt die 34-Jährige, die vor 18 Jahren die Staatsbürgerschaft erhielt und mit Ehemann und Tochter (5) in Linz zuhause ist. "Ich bin dankbar, dass ich die Chance bekommen habe, in diesem wunderbaren Land zu leben."

Der schreibende Flüchtling

In der Ferne, zwischen den Grenzen lassen wir Irgendwas, das unseren Schmerzen tröstet ... Meine Geschichte ist die Geschichte einer Schwalbe, die nicht wandert, sondern zum Zug gezwungen wird ...Mohammad Ebrahim Rahimipackt die Sehnsucht nach seinen Lieben in Gedichtzeilen. Nicht nur diese. Der junge Afghane, der im Iran aufwuchs, schreibt auch über Themen wie Gott, Religion, Satan, Mensch und Geist. Und nicht zuletzt Regierungen, die offene geistige Auseinandersetzungen verbieten, Menschen dafür einsperren und sogar töten. Auch ihm wurde mit dem Tod gedroht; und die Firma, in der er arbeitete, wurde in Brand gesteckt.

Seit zehn Monaten lebt Rahimi in Österreich, in einer Flüchtlingsunterkunft in Wien-Donaustadt. Mit einem seiner Gedichte, die er auf Persisch verfasst und dann ins Deutsche überträgt, gewann er beim Schreib-Bewerb von Enjoy.Austria. Un-Vaterland heißt das Gedicht. „Bei uns im Persischen sagen wir übrigens manchmal Vater- und manchmal Mutterland.“ Sein Gedicht heißt „Sarzamine gheyre Madari“, in deutscher Übersetzung: Un-Mutterland. (Vater).“ Das ganze Gedicht kann man auf www.kiku.at nachlesen.

Der Fußballer-Papa

"Wir folgten einem genauen Plan", sagtWojciech Gorgon, Vater des Profifußballers Alexander Gorgon. Seine Frau und er hatten schon in Krakau begonnen, Deutsch zu lernen. Damals, als es für Polen noch nicht ohne Weiteres möglich war, in den Westen auszuwandern. Nach Abschluss seines Sportstudiums im Juni 1988 packten die Gorgons ihre Sachen. Wojtek, wie ihn seine Wiener Freunde nennen, wollte in der österreichischen Bundesliga Fuß fassen. Eine schwere Knieverletzung im letzten Meisterschaftsspiel in Polen durchkreuzte jedoch seine Pläne. Dennoch war es der Fußball, der seine Familie gut ankommen ließ. Als Kicker in der Wiener Liga und international tätiger Schiedsrichter wurde der heute 53-Jährige schnell eingebürgert, nicht nur auf dem Papier, sondern auch emotional.

Nach seinem erfolgreichen Berufseinstieg als Programmierer bei IBM wechselte er vor 13 Jahren zu Henkel, wo er inzwischen dank seiner Sprachkenntnisse als IT-Manager in Zentral- und Osteuropa tätig ist. Österreicher ist Gorgon, der seinem Sohn als Berater zur Seite steht (zuletzt bei seinem Transfer nach Rijeka), mit Leib und Seele. Er bereut seine Entscheidung, die er vor vierzig Jahren traf, „keine Sekunde“.

Die Israelin aus Usbekistan

Kurz nach ihrem Zivildienst lernte die IsraelinLiora Ribininihren Mann kennen, der aus Österreich zu Besuch war. „Er wollte unbedingt in Wien bleiben, und deswegen habe ich mich entschieden, zu ihm zu kommen“, erinnert sie sich. Zwölf Jahre sind seither vergangen. Sie heirateten, Kinder kamen zur Welt – als Österreicher. Anfangs beantragte sie regelmäßig ein neues Visum, nach Jahren konnte sie den Antrag auf Staatsbürgerschaft stellen: „Der Referent hat sich zuerst beschwert, dass sich die Leute nicht bemühen zu integrieren. Dann hat er gemerkt, dass ich gut Deutsch gelernt habe und arbeite – und war sehr zufrieden mit mir. Und eine große Hilfe.“

Denn fast wäre es an der Geburtsurkunde gescheitert: „Ich bin in Usbekistan geboren. Weil das eine UdSSR-Republik war, haben die mich für das Dokument an die Russen verwiesen und die wieder zurück. Ich habe gedacht, ich bekomme diesen Pass nie und muss immer ein Visum beantragen.“ Doch es klappte. „Ich war erleichtert. Beim Jobsuchen wird man immer gefragt, ob man Österreicher ist. Und wählen kann ich auch.“ Auf die Frage, ob sie Israel vermisst, erklärt Ribinin: „Ja. Aber Heimat ist da, wo meine Kinder und mein Mann sind.“

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