Im Haus Hetzendorf basteln Jung und Alt gemeinsam

© Kurier/Jeff Mangione

Leben
03/26/2019

Haus Hetzendorf: Zusammen alt werden, gemeinsam jung bleiben

Dieses Projekt ist ein Beispiel dafür, wie zwei Generationen vom Miteinander profitieren können.

von Elisabeth Mittendorfer, Marlene Patsalidis, Jeff Mangione

"Punkt, Punkt, Strich, Strich, Kreis herum wird’s ein Gesicht" – in einem gemischten Chor aus jungen und alten Stimmen schallt der Reim durch die Gänge des Haus Hetzendorf im zwölften Wiener Bezirk.

Neben den 343 Senioren, die hier wohnen, sind in der Einrichtung des Kuratoriums Wiener Pensionisten Wohnhäuser auch zwei Gruppen mit jeweils 14 Kindern untergebracht.

Jede Woche donnerstags treffen sich einige von ihnen in einem Aufenthaltsraum zum Basteln. Unter dem Motto "Ich bin das kleine Ich bin ich" gilt es dieses Mal, ein Selbstporträt anzufertigen.

Dass beide Generationen von den gemeinsamen Aktivitäten profitieren, davon ist Claudia Schmid, Leiterin der Gruppen, überzeugt. Sie war es auch, die mit dem Konzept an den damaligen Direktor des Haus Hetzendorf herantrat; 2004 zog die erste Kindergruppe ein. Zehn Jahre später folgte eine zweite. "Vieles passt hier zusammen. Die Kinder sind manchmal langsam und die Senioren auch", sagt Schmid schmunzelnd.

Während die Pensionisten Lebenserfahrung und Wissen weitergeben können, bringen die Kinder Energie und Leben in das Wohnhaus. Für viele Eltern ist das Generationenprojekt ein Anreiz, ihren Nachwuchs in der Kindergruppe anzumelden. "Ich bekomme von Eltern häufig die Rückmeldung, dass ihre Kinder am Anfang Scheu vor den alten Menschen hatten, ihnen aber schon kurz Zeit später hinterherlaufen, wenn sie diese zufällig im Supermarkt treffen", erzählt Schmid.

Nicht selten entstünden zwischen Senioren und Kindern im Laufe der Zeit enge Beziehungen und Freundschaften. "Wir haben auch einige ehemalige Lehrerinnen oder Fußballtrainer im Haus, die neuen Sinn im Leben schöpfen, wenn sie sehen, dass sie ihre Fähigkeiten weitergeben können", sagt Karin Waidhofer, Direktorin des Haus Hetzendorf. "Zu sehen, dass das Leben weitergeht, kann einen positiven Einfluss auf die Pensionisten haben", sagt sie. Für jene unter ihnen, die selbst keine Kinder haben, sei es zudem eine Möglichkeit, temporär in die Rolle eines Großelternteils zu schlüpfen.

Harmonie

Konflikte hat es im Zusammensein von Jung und Alt im Haus Hetzendorf noch nie gegeben, berichten Waidhofer und Schmid. Sie betonen aber, dass generationenübergreifende Tätigkeiten im Vorfeld gut vorbereitet und auf die Bedürfnisse der jeweiligen Personen abgestimmt werden müssen.

Im Haus Hetzendorf gibt es auch zwei Gruppen mit jeweils 16 Bewohnern mit Demenz-Erkrankungen. Auch sie profitieren vom Kontakt mit den Kindern: "Für diese Menschen ist es ein Erfolgserlebnis, wenn sie gemeinsam basteln können und auch die Kinder verbringen sehr gerne Zeit mit ihnen", erzählt Waidhofer.

Wichtig sei es, nicht den ganzen Tag zusammen zu sein und immer wieder Phasen des Rückzugs einzuplanen; wobei die Teilnahme sowohl für die Senioren als auch für die Kinder auf freiwilliger Basis erfolgt. Generell sehen Waidhofer und Schmid Projekte, bei denen sich Menschen unterschiedlicher Generationen begegnen, als eine Antwort auf demografische Entwicklungen. "Die Großeltern vieler Kinder sind selbst noch berufstätig oder wohnen weit weg von ihnen und können deswegen nicht ausgiebig Zeit mit ihnen verbringen", sagt Schmid.

Ganz anders ist das bei den Wohnheim-Bewohnern Richard und Gertrude der Fall. Das seit 67,5 Jahren verheiratete Paar nutzt den Donnerstagvormittag immer wieder zum Basteln mit den beiden Urenkeltöchtern, die in die Kindergruppe gehen.

Von Kindern umgeben zu sein, haben sie schon vor ihrer Zeit im Haus Hetzendorf geschätzt. "Wir hatten früher einen Garten, in dem nicht nur unsere Enkeltöchter gespielt haben, sondern auch sämtliche Nachbarskinder", sagt Richard. Von Kinderlärm gestört fühlt er sich heute wie auch damals nicht. "Der einzige Lärm, über den sich mein Mann aufregt, ist der von den Motorrädern", sagt seine Frau Gertrude und lacht.

Interview: Erfahrungsaustausch auf Augenhöhe

Erziehungs- und Bildungswissenschafterin Ines Findenig erklärt, was Mehrgenerationenprojekte leisten können. Ihr Buch "Generationenprojekte: Orte des intergenerativen Engagements: Potenziale, Probleme und Grenzen" basiert auf ihrer Doktorarbeit und sie hat im Auftrag des Sozialministeriums auch einen Leitfaden für intergenerative Projekte verfasst.

KURIER: Welche Vorteile haben Generationenprojekte, wie jenes im Haus Hetzendorf?

Ines Findenig: Sie ermöglichen und fördern in erster Linie soziale Teilhabe. Das ist nicht nur für Senioren und Seniorinnen, sondern auch für Kinder und Jugendliche wichtig. Ein weiterer Mehrwert ist, dass verschiedene Generationen dadurch in Kontakt treten können. Und, dass die beteiligten Menschen als Experten und Expertinnen ihrer eigenen Lebenswelt wahrgenommen werden. Das macht wiederum einen Erfahrungsaustausch auf Augenhöhe möglich. Damit das passieren kann, sollten Senioren und Seniorinnen nicht nur als Konsumierende und die Kinder nicht nur als Unterhaltende gesehen werden. Wichtig ist vielmehr ein gleichwertiges Geben und Nehmen.

Gibt es auch einen gesamtgesellschaftlichen Nutzen?

Ja, wenn den Beteiligten solcher Projekte Raum für bewusste Reflexion und Auseinandersetzung geboten wird, können sie für andere Lebenslagen sensibilisiert werden. Das kann wiederum das Empathievermögen, das sie in die Gesellschaft hinaustragen, fördern. Generationenprojekte bieten außerdem die Chance, alternative Generationenbilder außerhalb der eigenen Familien kennenzulernen. Dadurch können Stereotype und Vorurteile abgebaut werden.

Dass Enkel und Großeltern an unterschiedlichen Orten leben, ist in der heutigen mobilen Welt in vielen Familien Realität. Da jüngere Menschen oft in Städte übersiedeln, ist das Problem dort besonders vorherrschend. Können Mehrgenerationenprojekte diese Lücke füllen?

Ich würde nicht sagen, dass sie die Lücke füllen. Aber sie können fehlende Beziehungen in der Familie sicherlich gut ergänzen. Familiäre Generationenbeziehungen lassen sich natürlich nicht ersetzen und sind auch nicht 1:1 auf Mehrgenerationenprojekte übertragbar. Die eigene Großmutter beziehungsweise die Vorstellung, die man von ihr hat, kann sich nicht unmittelbar in der Beziehung mit einer fremden älteren Dame spiegeln.

Was sind die zwischenmenschlichen Herausforderungen bei Generationenprojekten? Auf welche Bedürfnisse muss Rücksicht genommen werden, um ein gutes Miteinander zu ermöglichen?

Ganz wichtig ist grundsätzlich die professionelle Begleitung, damit Beziehungen überhaupt nachhaltig aufgebaut werden und Stereotype nicht verstärkt werden. Zudem ist es wichtig, dass es bei der Projektleitung ein Bewusstsein dafür gibt, dass es auch zu Differenzen und Konflikten zwischen den Teilnehmenden kommen kann. Es ist wichtig, die Unterschiede der Generationen offen anzusprechen und Vorurteile proaktiv aus dem Weg zu räumen. Ganz wesentlich ist auch die Evaluation solcher Projekte – um sich anzuschauen, was gut funktioniert und wo man nachschärfen sollte.

Braucht es in Österreich mehr Generationenprojekte?

Auf jeden Fall, aber es braucht für jedes Projekt ein nachhaltiges Finanzierungsmodell, das die angesprochene professionelle Betreuung und den begleiteten Generationenkontakt ermöglicht. Nur wenn das gegeben ist, können kontinuierliche Beziehungen aufgebaut werden. Einfach nur Menschen unterschiedlichen Alters in einem Haus zusammen unterzubringen, ohne, dass diese aktiv etwas miteinander machen, bringt wenig.

Generationenprojekte

(Auswahl)

KIWI-Kindergarten im Seniorenhaus St. Barbara in Wien
www.kinderinwien.at/kindergaerten

Wohnen für Hilfe in Graz
www.wohnenfuerhilfe-oehgraz.at

Kuchen von Omas in der Vollpension in Wien
www.facebook.com/Vollpension.Wien

Kolpinghäuser in Wien
www.gemeinsam-leben.at