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12/08/2021

Psychologin Martina Zemp: "ADHS ist kein Erziehungsproblem"

Die Wissenschafterin der Uni Wien weiß, was Kindern mit ADHS gut tut, und sie kennt die positiven Eigenschaften dieser Kinder.

von Ute Brühl

Jedes 20. Kind leidet an einer Aufmerksamkeits-Defizit-Störung, kurz ADHS.  Die Uni Wien sucht jetzt Familien für eine Studie, die via App über die Symptome im Alltag berichten (siehe Infobox). Der KURIER hat jetzt mit der Psychologin Martina Zemp über die Störung gesprochen. Sie weiß, woran diese Kinder erkennt, wie man sie am besten therapiert und von welcher Umgebung in der Schule sowie in der Familie Kinder mit ADHS am meisten profitieren.

KURIER: Was versteht man unter dem Begriff ADHS? 

Martina Zemp: ADHS steht für Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung und ist eine exakt definierte Diagnose für eine psychische Störung. Betroffene Kinder sind unaufmerksam, hyperaktiv und impulsiv. Die Störung tritt zwar erstmals im Kindesalter auf – einen Gutteil begleiten die ADHS-Symptome jedoch bis ins Erwachsenenalter. Die Störung ist weder ein Erziehungsproblem, noch lediglich ein auffälliges Temperament oder gar eine Modeerscheinung. 

Wie zeigt ich ADHS im Alltag von Kindern? 

Die Unaufmerksamkeit zeigt sich zum Beispiel darin, dass das Kind Erklärungen nicht folgen kann, eine kurze Aufmerksamkeitsspanne hat oder Spiele sowie Aufgaben nicht zu Ende bringt – es verliert häufig Gegenstände und lässt sich leicht ablenken. Hyperaktivität ist ein weiteres typisches und anhaltendes Muster der ADHS: Das Kind läuft, rennt, zappelt, kann nicht ruhig sitzen, es klettert exzessiv und redet übermäßig viel. Die Impulsivität ist besonders gut in der Schule beobachtbar: Es steht auf, wenn es sitzen bleiben soll, es kann nicht in einer Reihe stehen und unterbricht dauernd.
 
Solche Phasen hat wohl jedes Kind einmal. 
Stimmt. Deshalb ist es für die Diagnose wichtig, dass diese drei Symptome mindestens über sechs Monate hinweg in verschiedenen Lebensbereichen (typischerweise in der Schule und zu Hause) beobachtet werden – hier haben die Lehrpersonen eine wichtige Rolle, weil sie das oft erstmals beobachten. 

Studie

ADHS-Symptome wirken sich auf das Familienleben und die Geschwisterbeziehungen aus. Im Rahmen einer Tagebuchstudie der Uni Wien  werden Familien gesucht. Diese sollen mittels einer Smartphone-App während einer Woche Fragen zu den kindlichen ADHS-Symptomen und alltäglichen familiären Interaktionen beantworten. Genauere Infos erhalten Sie per Mail:

tagebuchstudie.kpkj @univie.ac.at

via Studienlink:

https://www.soscisurvey.de/tagebuch2020/

Wie groß ist der Anteil der betroffenen Kinder? 
Gut fünf Prozent aller Kinder sind betroffen – und zwar weltweit über alle Länder hinweg. ADHS ist somit eine der häufigsten psychischen Störungen des Kindes- und Jugendalters – nur Angststörungen sind noch verbreiteter.     

Wann sollten Eltern hellhörig werden und ihr Kind auf ADHS abklären lassen?  

Wenn alle drei Hauptsymptome in verschiedenen Situationen auftreten und sich das negativ auf die gesunde Entwicklung des Kindes auswirkt – wenn es zum Beispiel starke Konflikte in der Familie gibt oder die Schulleistungen stark abfallen – dann sollte man eine differenzierte Diagnostik bei einer Fachperson andenken. Wenn die Schwierigkeiten einen Namen haben, kann das für betroffene Familien entlastend sein. 

Wie behandelt man ADHS nach derzeitigem Forschungsstand? 

ADHS gehört zu den am besten untersuchten psychischen Störungen des Kindes- und Jugendalters. Allerdings gibt es nicht eine einzige Therapie. Nach aktuellem Kenntnisstand ist vielmehr eine Mischung aus verschiedenen Ansätzen häufig das wirksamste Mittel. Als Medikament wird am häufigsten Methylphenidat – bekannt unter dem Handelsnamen Ritalin – eingesetzt, das nur in Kombination mit einer Psychotherapie gegeben werden sollte. Schließlich haben Medikamente im Kinder- und Jugendbereich nie Vorrang, weil die Langzeitwirkungen noch zu wenig bekannt sind. Psychopharmaka setzt man nur bei akuter Gefährdung des Kindes ein oder wenn andere Therapien nicht ausreichen. Wichtig ist, dass mit den Kindern psychosozial gearbeitet wird. Das heißt: Familie und Schule müssen idealerweise in die Therapie miteinbezogen werden. 

Heißt das, man sollte nicht mit dem Kind alleine arbeiten? 

Doch, man kann und soll sogar. Die Verhaltenstherapie hat hier nachweislich die stärksten Effekte – dabei wird konkret auf der Verhaltensebene an den Symptomen gearbeitet und Strategien entwickelt, wie man mit ihnen umgeht. Bei jüngeren Kindern werden die Eltern standardmäßig miteinbezogen, weil sie zum Beispiel lernen müssen, in der Erziehung klar und konsequent zu sein. Für das Kind sind klare Strukturen das A und O. Kinder mit ADHS profitieren übermäßig von einer funktionierenden Umgebung und von einer klaren, konsequenten und konsistenten Erziehung. Auch die Eltern selbst müssen lernen, wie sie mit den schwierigen Alltagssituationen umgehen können. Nicht selten werden sie wütend über das Verhalten des Kindes – und wütende Eltern machen wiederum die Kinder wütend. 

Immer konsequent zu sein, ist für Eltern anstrengend. 

Ja, die zeitintensive und kräftezehrende Erziehung von betroffenen Kindern kann bei den Eltern zu Frustration und Erschöpfung führen. Phasen der Ruhe und Entspannung im Alltag sind rar. Da braucht es viel Akzeptanz und Wertschätzung für diese Eltern. Sie werden ja jeden Tag auf die Probe gestellt, was enorme Folgen für das Familienklima hat. In der Therapie gilt es ihnen zu vermitteln, dass sie realistische Erwartungen an sich stellen, immer wieder Ruhepausen einplanen und sich auch selber verzeihen, wenn nicht alles reibungslos funktioniert.

Was sind die schwierigsten Situationen im Alltag? 

Vor dem Zu-Bett-Gehen, bei den Hausübungen oder wenn es darum geht, morgens aus dem Haus zu gehen. Das sind jeweils Handlungsabfolgen, wo Eltern bei jedem Schritt dabei sein müssen. Hierbei sind klare Anweisungen der Eltern zentral. Das kann gelingen, wenn sie bei jeder Aufgabenstellung Blickkontakt halten. Vielen Kindern hilft es, wenn die Eltern dann von sich sprechen und kurze, klare Sätze sprechen, zum Beispiel: „Ich will, dass du jetzt Zähne putzt.“ Das Kind soll dann die Anweisung wiederholen. Wenn das Kind die Zähne geputzt hat, sollte man es belohnen – etwa, indem man mit ihm die Gutenachtgeschichte liest. 

Ganz schön kräftezehrend. 

Ja, deshalb müssen diese Eltern besonders gut auf ihre Bedürfnisse achten und dürfen auch ihre Partnerschaft nicht aus dem Blick verlieren. In diesen Familien gibt es häufiger Konflikte und die Scheidungsrate ist höher. Väter und Mütter müssen sich bewusst werden, dass sich das Verhalten des Kindes auf die ganze Familie auswirkt. Die Eltern sollen sich Zeit für die Partnerschaft reservieren. Solche Auszeiten kann man sich in den Kalender eintragen. Auch für die Beziehung zum Kind ist es ganz wichtig, dass man sich positive Zeitfenster mit der Familie bewusst reserviert. Da kann dann beispielsweise das Kind bestimmen, was gespielt wird. Dabei bekommt das Kind die ungeteilte Aufmerksamkeit und zwar ganz unabhängig von ihrem Verhalten.

Was sollen Eltern bei der Schulwahl beachten? 

Derzeit haben wir an der Uni Wien eine Studie zur Klassenraumsituation laufen, bei der wir der Frage nachgehen, welche Strategien Lehrkräfte nutzen können, die zwar allen Kindern zugutekommen, aber ganz besonders Kindern mit ADHS. Diese Kinder brauchen klare Strukturen. Hilfreich sind zum Beispiel Ampelsignale, damit ein Kind weiß, wann es sprechen kann und wann nicht. Eine reizarme Lernumgebung sowie viel Blickkontakt zur Lehrperson sind essenziell. Neuer Lehrstoff sollte für Kinder mit ADHS in Abschnitte eingeteilt werden, damit sie ihn Stück für Stück lernen können. Häufiges und unmittelbares Loben ist zudem wichtig. Da die Kinder einen starken Bewegungsdrang haben, sollte der kanalisiert werden, etwa indem das Kind in den Pausen die Tafel putzt. Und nicht zu vergessen: Diese Kinder brauchen Rückzugsmöglichkeiten. Was wir wissen: Es gibt viele solcher Strategien, die wissenschaftlich fundiert sind und eigentlich relativ einfach umsetzbar wären, aber sie finden selten den Weg ins Klassenzimmer. 

Warum wird das in der Praxis so selten umgesetzt?

Das ist zum einen natürlich eine Frage der Zeit und des persönlichen Einsatzes der Lehrpersonen. Die Klassen sind meist so groß, dass es kaum möglich ist, sich für ein Kind stärker zu engagieren. Außerdem gibt es unter den Lehrpersonen viele Wissensmängel in Bezug auf ADHS. Sie kennen die Symptome meist recht gut, sind aber oft der falschen Überzeugung, dass ADHS auf Erziehungsfehler, Medienkonsum oder falsche Ernährung zurückzuführen ist. Doch für ADHS gibt es gut beforschte neurobiologische Grundlagen. Wenn die Störung aber primär als Versagen der Eltern kommuniziert wird, erschwert das die Kommunikation zwischen Lehrkräften und Eltern enorm. 

Prüfungssituationen sind für diese Kinder sicher eine besondere Herausforderung.

Ja, deshalb bräuchte es meiner Meinung nach einen Nachteilsausgleich für betroffene Kinder, wie man das etwa vom Legasthenieerlass kennt. Das bedeutet: Das Kind hat die gleichen Lernziele wie die Mitschülerinnen und Mitschüler, aber es wird unter anderen Bedingungen abgeprüft, zum Beispiel, indem es etwas länger Zeit bekommt, weil es Mühe hat, sich zu konzentrieren. Spezifische Hilfsmittel wie ein spezieller Sessel oder das Ablegen der Prüfung in einem separaten Raum wären auch hilfreiche Optionen. Jede Leistung ist ja eine Mischung aus Potenzial, also der Intelligenz, und der Fähigkeit, auf dieses Potenzial zuzugreifen: Kinder mit ADHS sind nicht per se weniger intelligent, vielmehr fällt es ihnen schwerer, auf ihr Potenzial zuzugreifen. 

Offenes Lernen ist für diese Kinder also keine gute Idee? 

Die meisten Kinder und Jugendlichen profitieren nicht von einem Umfeld, in dem es wenig Strukturen gibt. Sie brauchen liebevolle Unterstützung, Lenkung und Kontrolle sowie konsequente Rahmenbedingungen. Unvorhersehbare Planänderungen fallen insbesondere Kindern mit ADHS schwer.  

Was sind die Ursachen einer ADHS? 

Sie sind zu einem großen Teil genetisch bedingt, auch wenn es keinen eindeutigen biologischen Marker gibt. Doch wie bei jeder psychischen Störung gibt es spezifische Interaktionen zwischen Genetik und Umwelt – eine inkonsequente Erziehung spielt hier eine wichtige Rolle. Aufgrund der AHDS-Symptome (insbesondere hyperaktives und impulsives Verhalten) sind betroffene Kinder häufig nicht sehr beliebt bei anderen Kindern und wenig sozial integriert  – auch in der Familie sind negative Dynamiken oftmals beobachtbar. All diese Konflikte können die Symptome verstärken und aufrechterhalten. 

Ist ADHS heilbar? 

In den wenigsten Fällen gehen die Symptome im Kindes- und Jugendalter ganz zurück, aber je nach Schweregrad der Symptomatik finden Betroffene gute Wege, damit umzugehen. Das heißt nicht, dass sie ein Leben lang in Therapie müssen – sie brauchen so lange Unterstützung, bis sie ohne externe Hilfe zurechtkommen. Ungefähr 40 Prozent der betroffenen Kinder haben noch im Erwachsenenalter Symptome, wissen aber in der Regel, wie sie damit umgehen können.

Zum Schluss: Haben Sie auch positive Nachrichten für diese Eltern? 

Kinder mit ADHS sind in aller Regel sehr kreativ, gerechtigkeitsliebend und offen für die Welt. Sie sind begeisterungsfähig, hilfsbereit und verantwortungsbewusst. Und sie sind Stehaufmännchen – obwohl sie von außen ständig hören, dass sie ruhig und doch bitte „braver“ sein sollen, gehen sie zum Beispiel täglich in die Schule. Das sind Eigenschaften, die im späteren Leben und in vielen Berufsfeldern von Vorteil sind.

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