© Uwe Mauch

Reportage
12/09/2021

24-Stunden-Betreuung: "Wir sind wie eine Familie"

Hilfreich: Eine 90-jährige Niederösterreicherin kann in ihrem Haus wieder lachen. Dank ihrer slowakischen Betreuerin.

von Uwe Mauch

„Irgendwann muss man sich eingestehen, dass man nicht mehr so wie früher kann“, sagt die Frau mit der schönen Frisur nach dem Frühstück. Nur sehr langsam gelingt es Hilda Kothbauer, sich mit ihrem Alter anzufreunden. Gar keine einfache Übung, denn die drahtige 90-Jährige war in ihrem Haus unterhalb der Burg Kreuzenstein immer gewohnt, alles selbst in die Hand zu nehmen.

Die Frau Hilda, wie sie ihre 24-Stunden-Betreuerin Klaudia Krnačova respektvoll nennt, hat zuerst den Hitler überlebt – und eine Kindheit, die nicht von Reichtümern gesegnet war. Sie hat dann von ihrer Lehrzeit bis zu ihrer Pensionierung durchgehend als Friseurin gearbeitet und hat zudem ihre schwerkranke Tochter bis zum bitteren Ende mit großer Liebe gepflegt.

„Noch nie gestritten“

Doch dann wollte ihr Herz nicht mehr, wovon heute zwei eingepflanzte Stents und ab und zu ein Stechen in ihrer Brust zeugen. Auch ihre Beine tragen sie nicht mehr so, und die Hände der Friseurin sind nicht mehr so zielstrebig wie in ihrer aktiven Zeit.

Das Wichtigste war aber: „Nach meinem Herzinfarkt traute ich mich nicht mehr, alleine in meinem Haus zu sein.“

Seit Ende März kommt daher Klaudia Krnačova aus Lučenec in der Mittelslowakei zu ihr nach Hause. Krnačova ist eine von 62.000 Helfern und Helferinnen, die in Österreich Personenbetreuung leisten.

Die meisten kommen noch immer aus ihrer Heimat, der benachbarten Slowakei, und aus einem der ärmsten Länder der EU, Rumänien. Nur die wenigsten, die diesen psychisch extrem fordernden, für die Altenversorgung aber wichtiger werdenden Beruf ausüben, sind Österreicher.

14 Tage lang weicht die gut ausgebildete Betreuerin so gut wie nicht von der Seite der Hilfebedürftigen, ist rund um die Uhr für sie da, kocht für sie, schupft den Haushalt, leiht ihr immer ein Ohr und leistet dabei eine Form von Gesellschaft, in der für trübe Gedanken wenig Platz ist.

Ohne ihre Unterstützung wäre es für Hilda Kothbauer nicht mehr möglich, in ihrem Haus zu bleiben. Was ihr viel mehr Lebensqualität bringt. Was ihr und ihrer Familie aber auch die Frage erspart, welche soziale Einrichtung sie aufnehmen würde. Auch sie hat davon gehört: Im Zuge der Covid-Pandemie sind die Engpässe im Pflegebereich bereits heute eklatant.

Bevor es Mittag wird und die um fünfzig Jahre Jüngere in die Küche geht, stellen die beiden Frauen noch fest, dass ihre Agentur die Hausaufgabe gemacht hat: Es sei gelungen, zwei Menschen, die sehr gut miteinander können, unter einem Dach zu vereinen. Das ist leider noch immer nicht die Regel, wie etliche Klagen in dieser Branche beweisen.

Die eine hört gerne zu, wenn die Ältere erzählt. Die andere schätzt die positive Ausstrahlung ihrer Zuhörerin, die ihre Enkelin sein könnte.

„Wir zwei haben noch nie gestritten“, sagen beide stolz. Dazu trägt auch eine weise Entscheidung der ehemaligen Powerfrau bei: „Ich geh’ nicht mehr in die Küche.“

In der Küche sind – diese Einsicht hat man auch schon anderswo gewonnen – die Brösel vorprogrammiert. Aus diesem Grund will sich Hilda Kothbauer „nur für den netten KURIER-Fotografen“ zu ihren Kochtöpfen begeben. Sie mag sich nicht mehr in die Arbeit ihrer Betreuerin einmischen. Und sagt dazu, wie die Leute in ihrem Dorf (Leobendorf) sagen: „Das tuat ka guat.“

Eiernockerln wie früher

Hilfreich mag auch sein, dass viele Speisen in der Slowakei gleich oder ähnlich zubereitet werden. Das Backhenderl am Sonntag oder das Szegediner Gulasch im Winter, nennen die beiden Frauen. Lediglich bei der Eierspeis’ konnte die Jüngere von der Älteren noch etwas lernen. Und ja, ob sie jemals die Eiernockerln exakt so hinbekommen kann, wie sie die Frau Hilda in jungen Jahren gelernt und gekocht hat, ist auch noch die Frage.

Nach dem Mittagessen ist es dann einmal ganz ruhig im Haus Kothbauer. Mit 90 plus dürfen einem schon einmal kurz die Augen zufallen, und die Betreuerin darf für zwei Stunden in eine Pause gehen, die ihr laut Vertrag zusteht.

Danach erzählen sie sich wieder. Von früher, und gerne auch von heute, wie Klaudia Krnačova mit freundlichem Lächeln hinzufügt. „Zuletzt durfte ich der Frau Hilda via Skype meinen Freund in der Slowakei vorstellen. Schön. Wir sind wie eine Familie.“

62.000 Betreuerinnen sind in Österreich  tätig. Die meisten kommen aus der Slowakei und aus Rumänien.

30.000 ältere Menschen in Österreich werden von ihnen zu Hause rund um die Uhr betreut.

468.000 Menschen beziehen in Österreich Pflegegeld – 79 % davon wohnen zu Hause.

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