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Interview
07/20/2021

Thema Pflege: „Die 1:1-Betreuung ist kein Zukunftsmodell“

Neue Studie belegt: Die Situation der 24-Stunden-Betreuer ist auch in Deutschland und der Schweiz nicht optimal.

von Uwe Mauch

Drei Länder – ein Problem: die Arbeitsbedingungen jener Menschen, die in der 24-Stunden-Betreuung beschäftigt sind, sowie die sich weiter öffnende Schere zwischen Nachfrage und Angebot in der häuslichen Pflege.

Die Soziologin Brigitte Aulenbacher von der Johannes-Kepler-Universität in Linz hat mit zwei Kolleginnen aus Frankfurt am Main und Zürich den Status quo in Österreich, Deutschland und der Schweiz erhoben und miteinander verglichen.

KURIER: In der Schweiz sind 24-Stunden-Betreuerinnen bei Agenturen beschäftigt oder bei den Haushalten angestellt. Selbstständig arbeiten ist bei Strafe verboten. Können sich das alle leisten?

Brigitte Aulenbacher: Mittelschichten können sich diese Betreuungsform leisten.

Warum nicht auch andere?

Dies liegt vor allem an der Sozialpolitik. In der Schweiz bekommt nur Pflege, nicht aber Betreuung Förderung. Es gibt für sie kein Pflegegeld. Haushalte müssen die Kosten für das Betreuungsmodell aus eigener Kraft bestreiten.

In Deutschland gibt es Angestellte, Selbstständige und noch eine dritte Beschäftigungsform: die Entsendearbeit. Was ist das genau?

Da sind Betreuer und vor allem Betreuerinnen bei einer Agentur im Sendeland angestellt – die meisten in Polen. Sie unterliegen der dortigen Steuer- und Sozialversicherungspflicht. Die Entsendung ist innerhalb der EU erlaubt. Deutsche Partneragenturen vermitteln sie und ihre Dienstleistungen.

Haben die Entsendeten dieselben Arbeitsrechte wie ihre deutschen Kollegen?

Volle Arbeitsrechte gelten in Deutschland frühestens nach zwölf Monaten. Viele Entsendete bleiben jedoch kürzer. Daher bewegt sich Entsendearbeit unterhalb der Beschäftigungsstandards, die bei voller Geltung des deutschen Arbeitsrechts bestehen.

Was haben uns eigentlich die Schweizer voraus?

Früher als in Deutschland und in Österreich haben die Schweizer Gewerkschaften die Betreuer organisiert bzw. haben sich diese zusammengeschlossen. Gleichzeitig rüttelt die Caritas unter dem Motto der Fairness an einem Grundproblem der 24-Stunden-Betreuung: der Abgrenzung von Arbeitszeit und Freizeit im Betreuungsalltag.

Und die Deutschen?

Bei ihnen ist die Diskussion um alternative Betreuungsformen wie Wohn-Pflege-Gemeinschaften weiter vorangeschritten. Und es finden sich Modellversuche, die 24-Stunden-Betreuung umzugestalten, stets mit Angestelltenformen als Grundlage.

Und was ist nun spezifisch für Österreich?

In Österreich ist das Selbstständigenmodell mit sozialer Absicherung der Betreuungskräfte verbunden. Dieses fällt aber hinter Angestelltenmodelle zurück, was Arbeitszeitfragen, Haftungsrisiken, Urlaubsanspruch und vieles mehr angeht.

Wo besitzen 24-Stunden-Betreuer das höchste Ansehen?

Wir haben keine Unterschiede festgestellt. Die geringe Wertschätzung der Arbeit zieht sich aber als Empfinden in allen drei Ländern durch.

Was sind die größten Probleme der Beschäftigten?

Das verbreitete Missverständnis einer 24-stündigen Verfügbarkeit führt zu überbordenden Arbeitsanforderungen: zum Beispiel zu zusätzlicher Gartenarbeit, Mithilfe in der Landwirtschaft, Haushaltsarbeit für Verwandte und Bekannte sowie zu Konflikten um Pausenregelungen. Haushaltsgeld ist ein Streitpunkt. Wo es kein eigenes Zimmer für die Personenbetreuer gibt, fehlt der Rückzugsraum. Die Nähe zu den Betreuten kann bei Angehörigen Eifersucht auslösen.

Was wünschen sich Betreute und deren Angehörige?

Tritt der Betreuungsfall kurzfristig auf, wünschen sie sich schnelle und zuverlässige Abhilfe. Liegt eine längere, schwierige Betreuung durch Angehörige vor, wünschen sie sich eine professionelle Lösung und Entlastung. Erwartet wird, dass die Betreuten in guten Händen sind. Ansonsten sind es Erwartungen an die fachliche Qualifikation wie Ausbildung in einem Gesundheitsberuf, Erfahrung in der Betreuung, Sprach- und Kochkenntnisse, Allgemeinbildung, Bodenständigkeit.

Konnten Sie eigentlich auch Preisdumping beobachten?

Das ist eine bedeutende Strategie. Sie macht sich zunutze, dass Betreuer aufgrund ihrer wirtschaftlichen Notsituation keine Alternative haben und daher ausbeutbar sind. Agenturen, die hier nicht mitziehen wollen, sehen sich bisweilen mit der Situation konfrontiert, dass Haushalte zunächst zur billigeren Konkurrenz gehen und erst nach negativen Erfahrungen zu ihnen kommen.

Eine Zwickmühle.

Ja, denn sie können ihre Dienstleistungen nur einer zahlungskräftigeren Klientel anbieten, zugleich müssen sie aber qualifizierte Betreuer an sich binden, was die Arbeitsbedingungen beeinflusst.

Was ist das Fazit der Studie? Welche Maßnahmen sind in Österreich dringend erforderlich, damit die Alten in der alternden Gesellschaft auf Dauer menschenwürdig betreut werden können?

Angesichts des demografischen Wandels wird die 1:1-Betreuung kein Zukunftsmodell sein können. Zwar muss das österreichische Modell der 24-Stunden-Betreuung – allein schon, weil mehr als 62.000 Betreuer und etwa halb so viele Haushalte betroffen sind – weiter ausgestaltet werden. Es wird aber auch notwendig sein, alternative Betreuungsformen zu entwickeln und zu erproben und den stationären Sektor in neuer Weise auszubauen.

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