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Leben
03/20/2019

Gepolstert und wattiert: Wie sexy dürfen Kinder-Bikinis sein?

Bei Kindermode-Anbietern wie "Ernsting's family" und "C&A" sorgen gefütterte Oberteile für junge Mädchen für Kritik.

von Laila Daneshmandi, Axel Halbhuber, Elisabeth Mittendorfer

Der Übergang vom Kindsein in die Pubertät ist nicht einfach – die einen haben schon einen Brustansatz, die anderen hätten gerne einen. Die Modeindustrie erfüllt jeden Wunsch und bietet jetzt schon in der Kinderabteilung Oberteile an, die weibliche Kurven andeuten: Wattierte Büstenhalter und Bikini-Oberteile mit Pölsterchen gibt es schon ab Größe 146.

Da sind die Mädchen etwa zehn Jahre alt und bauen gerade erst ein Körperbild von sich auf. „Damit sexualisiert man Kinder in einer Art, die nicht alters- und entwicklungsgemäß ist“, warnt Olaf Kapella vom Österreichischen Institut für Familienforschung. „Warum muss ich ein Kind, dessen Körper in Entwicklung ist, mit sexuellen Attributen von Erwachsenen versehen?“ Der Sozialpädagoge warnt davor, dass Kinder damit nicht nur sexualisiert, sondern auch zu Opfern gemacht werden könnten.

Großer Druck

Dazu kommt, dass Kinder in diesem Alter ohnehin schon unter großem Druck stehen, wie sie auszusehen haben und was normal ist. „Da muss Raum für Entwicklung sein. Die Gefahr ist, dass ich ein Bild erschaffe, wie ein Körper auszusehen hat und den Druck erhöhe, einem bestimmten Schema entsprechen zu müssen.“

Diese Gefahr sieht auch Bettina Weidinger vom österreichischen Institut für Sexualpädagogik: „Heranwachsende lernen schnell, dass die Darstellung nach außen mehr zählt als die innere Wahrnehmung, wer oder was ich eigentlich sein will.“

Deswegen sei es für junge Mädchen schwierig, ein Bewusstsein für ihren Körper zu entwickeln. „Sie lernen weder, ihren Körper anzunehmen noch was ihm eigentlich guttut.“ Auch Burschen hätten diesbezüglich Probleme, dennoch gebe es hier einen Unterschied zwischen den Geschlechtern: „Vor allem Mädchen lernen sehr schnell, dass es wichtig ist, hübsch zu sein und bekommen viel mehr Rückmeldung auf ihre Kleidung.“

Rechtfertigungen

„Sie haben da etwas gehörig missverstanden“, reagiert der Kindermoden-Hersteller „Ernsting’s family“ auf die KURIER-Anfrage, zu den sexualisierten Kinder-Produkten in ihren Filialen Stellung zu nehmen. „Selbstredend verfolgen die Einlagen in den Kinderbadeanzügen nicht das Ziel, eine größere Brust zu simulieren, sondern dienen eher dem Schutz der Minderjährigen, da sie an den entscheidenden Stellen für Sichtschutz auch bei Nässe sorgen. Also das genaue Gegenteil von sexualisierter Kleidung, was sich davon abgesehen auch niemals mit unseren Unternehmenswerten als Familienverbündeter verbinden ließe“, antwortet die Presseabteilung.

Bei „C&A“ verweist man darauf, dass diese Produkte von den Kundinnen sehr gefragt sind und sich auch gut verkaufen: „Gemeinsam mit unseren Design- und Einkaufsteams werden aufgrund von Kundennachfragen nur solche Formen entwickelt, die beim Tragen Halt geben sollen – bitte nicht zu verwechseln mit Push-up-Formen. Diese bieten wir in diesem Bereich nicht an.“

Frühere Pubertät

Erklärungsansätze, die Sozialpädagoge Kapella nicht ganz vom Tisch wischen will: „Wir wissen, dass die Pubertät immer früher beginnt und es kann heute schon sein, dass Zehnjährige erste Brustentwicklungen und damit auch mehr Intimitätsbedürfnis haben.“

Dass Push-up BHs bereits in jungen Jahren nachgefragt werden, sei Weidinger zufolge nur möglich, wenn der Blick auf Frauen als Objekt bereits verinnerlicht wurde. „Das geschieht zum Beispiel, indem eine erwachsene Frau zum Vorbild genommen wird, die erst dann als wertvoll gilt, wenn sie sich als sexuelles Objekt zeigt.“

Für Kapella ist es wichtig zu hinterfragen, was man Kindern als Normalität verkauft: „Es gibt heute nicht wenige Volksschulklassen, wo Essstörungen und Diäten schon großes Thema sind.“ Bei der Vermittlung von Körperbildern bewege man sich auf einem schmalen Grat. „Es gibt immer noch das Problem, dass die Werbung nicht Diversität, sondern bestimmte Schönheitsideale im Rahmen einer Uniformiertheit transportiert.“ Damit könnten Körperbilder vermittelt werden, unter denen die Kinder dann später als junge Erwachsene leiden. Die Herausforderung sei, den Kindern die Möglichkeiten offen zu lassen, sich auszuprobieren und selbst zu entdecken. „Wenn ein Kind Spaß damit hat, ist es ja ok – es sollte aber nicht den Druck haben, dass es sich selbst nicht mehr schön findet, wenn es nicht mitmacht“, erklärt Kapella (siehe auch Tipps unten).

Vor einigen Jahren war übrigens schon die Modekette „Primark“ mit einer internationalen Welle der Kritik wegen gepolsterter Kinder-Bikinis konfrontiert – inzwischen werden diese Produkte nicht mehr in ihrem Sortiment angeboten.

Wie Eltern zeigen: "Es ist in Ordnung wie du bist"

Wenn Mädchen sich plötzlich irrsinnig für Make-up interessieren oder Buben einmal ins Kleid von der Mama schlüpfen wollen, sind Eltern oft  verunsichert, wann und wo sie Grenzen setzen. Der wichtigste Tipp des Sozialpädagogen Olaf Kapella ist daher: „Nicht verbieten, aber auch nicht zur Obsession werden lassen.“

Eltern können immer wieder versuchen, Gegenimpulse zu setzen: „Bewusst andere Dinge  anbieten, um vielfältig zu sein.“ Wenn das Kind Interessen hat, sie nicht festigen und nur noch in diese Richtung gehen, sondern Spielraum fürs Probieren lassen. „Da müssen Eltern es auch aushalten, dass Kinder manchmal etwas toll finden, für das man sich selbst nicht begeistern kann.“
In der Schule sei es hilfreich, über Körperdiversität zu reden und Medienkompetenz zu fördern. Etwa, indem die Kinder lernen, wie einfach  Bilder und Informationen in sozialen Medien manipuliert werden.