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Debatte
05/22/2016

Teenies in der Beauty-Falle

Die Werbeaktion eines Waxing-Studios stieß auf heftige Kritik. Doch der Druck, einem Ideal zu entsprechen, steigt.

von Julia Pfligl

Ein rotblondes Mädchen im Teenager-Alter mit trotzigem "Duckface" und verschränkten Armen, daneben ein Satz in Großbuchstaben: "Warum soll ich mich erst mit 18 wohl auf meiner Haut fühlen?" Der Flyer einer Berliner Filiale der Kosmetikkette Wax in the City sorgte in der vergangenen Woche für Empörung in den sozialen Netzwerken. "Waxing für Teens", steht auf der Rückseite, darunter eine Liste mit vergünstigten Preisen für Haarentfernung: Achseln, Unterschenkel, Bikinizone. Gültig nur für Jugendliche von zwölf bis 17 Jahren.

"In was für einer Welt leben wir eigentlich?", fragte jene Berlinerin, die die Werbeaktion entdeckt und ein Foto davon auf ihre Facebook-Seite gestellt hatte. In einem offenen Brief appellierte sie an das Waxing-Unternehmen, Kinder Kinder sein zu lassen und den Rabatt stattdessen Studenten oder Arbeitslosen anzubieten. "Schreibt ihnen doch nicht vor, wie sie sich wohlzufühlen haben. Oder kann man sich als Kind nur ohne Haare wohlfühlen?"

Die bekannte feministische Modebloggerin Nike Jane (This is Jane Wayne) verbreitete das wütende Schreiben der Berlinerin auf ihrer Website und legte noch eines nach: "Der oft proklamierte Drang unserer Generation nach Individualität scheint da aufzuhören, wo die Natur vergessen hat, einen Photoshop-Filter anzuwenden. Das ist nicht neu. Neu ist aber, dass nun offenbar auch Kinder den Schemen der radikalen ‚Selbstoptimierung‘ unterliegen." Mit zwölf, so die Kritikerinnen, sei man nämlich noch kein Teenie.

Bilderflut & Fitnesssucht

Ähnlich empört reagiert die Wiener Psychologin Brigitte Moshammer-Peter, als sie von der Werbeaktion der Waxing-Studio-Kette erfährt. "Man lässt Kinder immer weniger Kinder sein", klagt die Expertin. "14-jährige Models sind heute schon etwas ganz Normales. Die Jugend wird immer kürzer und der Druck, einem Ideal zu entsprechen, steigt seit einigen Jahren permanent an."

Zwölfjährige seien mit den Veränderungen an ihrem Körper und ihrem Kopf ohnehin massiv überfordert. "Sie mögen sexuell reif sein, psychisch aber noch nicht", sagt Moshammer-Peter. Sie spricht die Bilderflut an, mit der Jugendliche täglich konfrontiert sind: dürre Mädchen in Germany’s Next Topmodel, durch Filter perfektionierte Selfies von Gleichaltrigen auf Snapchat und Instagram. Und nicht zuletzt Werbezettel, die die Notwendigkeit einer Komplett-Enthaarung von Teenager-Körpern suggerieren. "Dadurch wird eine fatale Botschaft vermittelt", warnt die Psychologin: "So, wie du bist, bist du nicht perfekt."

Der Trend zur körperlichen Selbstoptimierung spiegelt sich auch im aktuellen Fitnesshype wider. "Das Problem ist gar nicht so sehr die Mager-, sondern die Fitnesssucht", stellt Moshammer-Peter in ihrer Praxis fest. Wer es sich leisten kann, verbringt die schulfreie Zeit in der Muckibude – dort sind 16-jährige Burschen und Mädels längst keine Seltenheit mehr. Auf dem bei Jugendlichen beliebten Fotoportal Instagram beklatschen sich die trainierenden Teenies gegenseitig – in ist, wer an sich arbeitet. Das gilt für die Oberarme so wie für den Intimbereich.

Die Wiener Kosmetikerin Vanessa bedient immer öfter minderjährige Kundinnen. "Viele Jugendliche kommen mit ihrer Mutter zum ersten Kosmetiktermin", berichtet sie. "Die meisten jungen Frauen entscheiden sich beim ersten Besuch für ein Wachsen der Achseln und Unterschenkel." Vanessa sieht die neue Offenheit gegenüber der erweiterten Körperpflege positiv. "Es ist wichtig, darüber zu sprechen. Besser, die Jugendlichen kommen zu einem Profi, als sie experimentieren selber zuhause." Eindeutiger Trend unter den Teenie-Bikinihöschen: Kahlschlag – oder, wie es in der Szene heißt, "Brazilian Style". Eine repräsentative Umfrage von 2013 bestätigt die Tendenz: 67 Prozent der 14- bis 17-Jährigen ekeln sich demnach vor ihren Schamhaaren und entfernen sie regelmäßig.

Zensur für Natürlichkeit

Hat unsere Gesellschaft ein Problem mit natürlichen, erwachsenen Körpern? Ja, meint Sexualtherapeutin Elia Bragagna. "Früher war Sexualität fleischlicher und sinnlicher, während heute alles steril und schön sein muss. Der natürliche Körper wird von jungen Menschen zunehmend als etwas Ekelhaftes empfunden." Dass Filmgöttin Sophia Loren vor 50 Jahren in Filmen mitsamt Intimbehaarung zu sehen war – und auch noch als erotisch empfunden wurde –, scheint heute unvorstellbar. Das zeigt das Beispiel der Künstlerin Petra Collins, die vor zwei Jahren ein Foto ihres Slips auf Instagram stellte – links und rechts kräuselten sich dunkle Schamhaare. Zu viel für das Feelgood-Portal: Collins’ Profil wurde gelöscht. Als sich Superstar Cameron Diaz in ihrem Bestseller-Buch über die Vorteile von vollem Schamhaar ausließ, reagierten US-Medien ähnlich aufgescheucht wie nach einer geschlagenen Präsidentschaftswahl.

Bragagna: "In der Werbung und in den Medien wird das Bild eines perfekten haarlosen Körpers gezeichnet, das dem Menschen aber nicht entspricht. Trotzdem wird dieser Zustand als die Norm dargestellt, was bei jungen Menschen einen Druck erzeugt, genau so aussehen zu müssen. Dabei sind wir von Natur aus nicht perfekt und schon gar nicht haarlos." Die Medizinerin warnt davor, Zwölf-, 13-Jährigen ein Waxing zu verpassen. "Wenn man so früh anfängt, sämtliche Haare zu entfernen, führt das dazu, dass man diesen Zustand später als normal betrachtet. Man lernt den Körper gar nicht in seinem natürlichen Zustand kennen und kann kein Gespür für ihn entwickelt. Dadurch wird es schwierig, eine gesunde Beziehung zu sich selbst aufzubauen. Man läuft Gefahr, als Erwachsener in sexuellen Angelegenheiten unentspannt zu sein."

Sind die Härchen erst einmal weg, wird der nächste potenzielle Makel sichtbar: die Genitalien. "Immer mehr junge Frauen halten deren Aussehen für abnormal und lassen operative Schamlippenverkleinerungen durchführen", sagt Bragagna.

Kein Kahlschlag unter 16

Wax in the City hat inzwischen auf die mediale Kritik reagiert. Zwar sei man daran gewöhnt, dass das Thema Waxing Diskussionen hervorrufe – dieser Shitstorm hätte sie dann doch überrascht, heißt es aus der Geschäftsführung. "Wir haben den Trend nicht kreiert, sondern auf die steigende Nachfrage reagiert – auch seitens der Eltern." Ein "Brazilian Waxing" werde ohnehin erst ab 16 angeboten, für alle Behandlungen sei eine Unterschrift der Eltern notwendig. "Wir versuchen, verantwortungsvoll mit diesem heiklen Thema umzugehen."

Denn letztlich geht es nicht darum, sich auf seiner Haut wohlzufühlen – sondern darin.

Mitarbeit: Elisabeth MIittendorfer

KURIER: Spricht aus medizinischer Sicht etwas dagegen, dass Teenager zum Bikini-Waxing gehen?

Elke Janig: Ich empfehle, erst ab 18 mit dem Bikini-Waxing zu beginnen. Die junge Haut ist davor noch nicht vollständig ausgewachsen und zu sensibel.

Beim Waxing gerät heißes Wachs an empfindliche Körperstellen. Welche Risiken gibt es?

Ich habe schon Patienten behandelt, bei denen es durch das Waxing zu schweren Verbrennungen und sogar zur dauerhafter Narbenbildung gekommen ist. Man sollte unbedingt auf die Qualität des Waxing-Anbieters achten. Ein weiteres Risiko ist die Pigmentierung; gerade der Intimbereich neigt zur Hyperpigmentierung (dunkle Flecken, Anm.).

Ist Wachsen schonender als die Nassrasur?

Das Waxing ist eine eher aggressive Methode zur Haarentfernung. Ich empfehle Rasieren, am besten mit einem pflegenden Rasierschaum – es ist sicher und vor allem für sensible Hauttypen besser geeignet.

Sugaring ist teurer als Waxing, aber ist es auch besser für die Haut?

Sugaring hat den Vorteil, dass es zu weniger Hautirritationen und Entzündungen kommen kann. Zum einen weil die Haare in Wuchsrichtung ausgerissen werden, zum anderen weil die Zuckerpaste antibakteriell sein soll. Sugaring kann aus Zucker, Salz und Zitronensaft auch selbst hergestellt werden.

Wann raten Sie vom Waxing ab?

Wenn man sehr empfindliche Haut hat und zu Entzündungen im Intimbereich neigt. Auch dunkleren Hauttypen rate ich aufgrund der Gefahr der Hyperpigmentierung eher von dieser Methode ab. Man sollte nicht zu schmerzempfindlich sein. Grundsätzlich empfehle ich eine dauerhafte Haarentfernung mit IPL-Blitzlicht beim Dermatologen. Es ist die schonendste Variante und das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt.

Vergangene Zeiten, andere Kulturen

Unglaublich, aber wahr: Das "Brazilian Waxing" unserer Tage gehört zum intellektuellen Erbe Charles Darwins. So beschreibt es Rebecca M. Herzig in ihrem Buch "Plucked" (zu Deutsch: "Gezupft"), das im Vorjahr im Verlag der New York University erschienen ist. Darin beschäftigt sich die Forscherin, die an einem kleinen College in Neuengland eine Professur für "interdisziplinäre Studien" innehat, mit der Geschichte der Körperhaarentfernung.

Lange war wild wucherndes Körperhaar eine Selbstverständlichkeit, schreibt Herzig. Zumindest unter Europäern. Die unbehaarten Köpfe und Brüste einiger "indianischer" Männer seien von weißen Siedlern mit Befremden zur Kenntnis genommen worden. Denn Haarentfernung galt bis ins 19. Jahrhundert als eine lästige, schmerzhafte und potenziell gesundheitsgefährdende Angelegenheit. Oberhalb des Hemdkragens zumutbar, darunter nicht. Die Vorstellung, Körperbehaarung könnte "übermäßig" sein, war Weißen offenbar fremd. Das galt für Männer und Frauen gleichermaßen.

Das änderte sich wie gesagt ausgerechnet mit Charles Darwin. Er brütete über der Frage, warum Menschen weniger behaart sind als ihre Vorfahren. Ist das ein Fortschritt? Muss es sein, dachten Darwin und seine Anhänger – und deuteten Haarlosigkeit als Zeichen überlegener Schönheit und Sauberkeit. Während kahle Körper vor Darwin als barbarisch galten, glaubten manche darin nun eine Vorbedingung der Zivilisation zu erkennen, schreibt Herzig.

Haarlosigkeit wurde zunehmend gleichbedeutend mit Gesundheit und sexueller Attraktivität. Vor allem bei Frauen vor der Menopause wurde starke Körperbehaarung als krankhafte Abweichung vom evolutionär bestätigten Ideal gedeutet.

Wer jetzt meint, wir seien unseren Vorfahren eben haarlos überlegen, irrt: Bereits vor mehr als 3000 Jahren schabten sich Menschen mit Muscheln, scharf geschliffenen Haifischzähnen oder Feuersteinen ihr Fell vom Körper. Die frühen Hochkulturen in Mesopotamien und Ägypten verwendeten Harz, Pflanzenextrakte, Pech der Fledermausblut zur Haarentfernung. Denn bereits ihnen galt der haarlose Körper (einschließlich Schamhaar) als Schönheitsideal. Dabei spielten praktische Gründe durchaus eine Rolle: Ohne Körperbehaarung war es für Parasiten wie Läuse und Milben schwieriger, sich festzusetzen.Die alten Griechen hatten mit dem Schamhaar von Frauen ebenfalls wenig am Hut. Einigen Quellen zufolge soll bei Männern der klassischen Epoche diesbezüglich regelrecht Abscheu geherrscht haben. Ganz ähnlich im alten Rom: Römische Frauen entfernten Bein-, Achsel- und Schambehaarung. Die Augenbrauen wurden mit Pinzetten gezupft.

Die nächste Hochzeit der Haarlosigkeit war das Mittelalter. "Oeconomia Ruralis", ein Buch aus 1604, listet 19 Rezepte für Haarentfernungsmittel auf.

Und dann? Über Jahrhunderte herrschte Wildwuchs. Erst als die Röcke kürzer wurden, begannen die Damen, ihre Beine zu rasieren. In den 1920er-Jahren wurde auch die Intimrasur wieder modern – aber nur innerhalb der Bohème. Mit dem Nationalsozialismus war aber Schluss damit: Die deutsche Frau hatte dem Ideal zufolge volle Schambehaarung zu tragen.

Verlängerung

Heute gilt ein vollständig oder bis auf einen schmalen Streifen enthaarter Intimbereich als Ideal – und nicht nur das: Seit einigen Jahren berichten Chirurgen von einer steigenden Anzahl an Patientinnen, die sich ihre inneren Schamlippen verkleinern lassen, weil sie ihre als zu lang und nicht ästhetisch empfinden.

Nicht hervorstehende innere Schamlippen gelten vor allem in der westlichen Welt als Ideal. In Uganda ist es genau umgekehrt: Sobald Mädchen geschlechtsreif werden, lernen sie das sogenannte "Gukuna" – eine Technik, bei der die inneren Schamlippen durch Langziehen verlängert werden. In seltenen Fällen werden sogar Gewichte daran befestigt. Der Glaube dahinter: Je länger die Schamlippen, desto besser ist die Wirkung auf Männer – und der Sex.