Leben
25.07.2018

Forscherinnen fördern: Akademikerin schreibt 270 Wikipedia-Artikel

Jess Wade fordert für jede Frau, die wissenschaftliche Erkenntnisse hervorgebracht hat, die entsprechende Anerkennung.

Jess Wade hat eine Mission: Sie will, dass Frauen, die wissenschaftliche Erkenntnisse zutage fördern, Wertschätzung, Aufmerksamkeit und Anerkennung zuteilwerden. Was logisch klingt, ist für viele Forscherinnen in einer männerdominierten Branche keine Realität. Wade, die im Bereich Kunststoffelektronik am Londoner Imperial College forscht, setzt bei der Umsetzung ihrer Mission auf einen unkonventionellen Zugang – und auf Wikipedia.

270 Einträge in einem Jahr

"Ich habe rund 270 im vergangenen Jahr erstellt", erzählt die Britin im Interview mit dem Guardian. "Mein Ziel war, einen pro Tag zu verfassen, aber manchmal bin ich so eifrig, dass ich drei mache."

Damit will Wade die akademische Welt von innen verändern. Wikipedia sei dafür ein probates und gleichsam wirkungsvolles Mittel, sagt die Akademikerin: "Je mehr man über diese großartigen Frauen liest, desto mehr wird man durch ihre persönlichen Geschichten motiviert und inspiriert."

Wade, die selbst eine Mädchenschule besucht hat, wurde die Wissenschaft in die Wiege gelegt. Ihre Eltern besitzen beide Doktortitel. Als sie den Entschluss fasste, am Londoner Imperial College Physik zu studieren, seien ihr keine Steine in den Weg gelegt worden, erinnert sich die junge Frau. Als sie mit dem Studium begann, sei sie so fokussiert auf ihren Erfolg gewesen, dass ihr nicht aufgefallen sei, dass sie als Frau unter den Studierenden einer Minderheit angehörte. Erst als sie mit ihrer Doktorarbeit begann, erkannte Wade, dass die Unterrepräsentanz von Frauen ihren akademischen Alltag prägt. "Isoliert zu sein ist hart – das gilt für alle Minderheiten", schildert sie.

Projekte ohne Wirkung

Wade begann sich für Frauen in der Wissenschaft zu engagieren, wurde jedoch schnell frustriert zurückgelassen. Mit dem weitverbreiteten Claim "Frauen in die Technik", unter dem viele Projekte zur Förderung von Frauen subsummiert werden, kann sich die Britin nicht anfreunden. Für sie ist die subtile Botschaft, die dadurch transportier wird, negativ konnotiert. Auch Slogans wie jener einer Kampagne der Institution of Engineering and Technology ("9% sind nicht genug") stoßen Wade sauer auf.

Eine Initiative der EU-Kommission, die darauf abzielt der Wissenschaft einen femininen Anstrich zu verpassen, sieht sie ebenfalls kritisch. Im Zuge des Projekts wurden Frauen auf dem Catwalk gezeigt, während sie die chemischen Zusammensetzungen von Lippenstift und Nagellack entschlüsselten. "Es macht mich wütend, dass jemand auch nur einen Augenblick lang denken könnte, dass das etwas ändern wird", sagt Wade.

Während die genannten Projekte, die mitunter großzügig finanziert werden, meist in Leere laufen würden, seien unaufdringliche, ganzheitlich gedachte Ansätze effektiver. Neben der Kommunikation mit Studierenden auf Augenhöhe, holt Wade bei Vorträgen und Info-Veranstaltungen Lehrende und Eltern ins Boot. Das schaffe Bewusstsein auf allen Ebenen.

Reichweite

Mit ihrem Wikipedia-Projekt macht sich Wade die Reichweite der Plattform zunutze, um Wissenschafterinn sichtbarer zu machen. Von Kritik bleibt sie nicht verschont. So erklärte ein User auf Twitter kürzlich etwa, dass sie die Plattform "missbrauche", um ihre Freunde "öffentlich zu promoten". Damit schade sie der Community und folge nicht dem Grundgedanken des Netzwerks. Der Großteil der Reaktionen, die Wade für ihr Engagement erhält, ist allerdings positiver Natur.

Letzten Endes will Wade die Wissenschaft zu einem "besseren Ort für alle machen". Das würde Frauen, die in dieses Berufsfeld drängen, ein unterstützendes Umfeld bieten - "dann kommen sie ganz bestimmt."

Frau besteht auf Doktortitel

Erst vor wenigen Monaten sorgte die US-amerikanische Dozentin Shannon McGregor für Aufsehen, weil sie auf Twitter darüber ärgerte, dass sie vom Großteil ihrer Studierenden nicht mit Titel angesprochen werde. McGregor sieht darin ein strukturelles Problem. Denn dies würde zur Folge haben, dass auch Frauen salopp und ohne Titel angesprochen werden – und das obwohl sie sich diesen hart erarbeitet hätten (mehr dazu hier).

Um die ihnen gebührende akademische Anerkennung einzufordern, fügen Frauen ihren Twitter-Accounts derzeit außerdem ihren Titel hinzu. Mit dem dazugehörigen Hashtag #immodestwomen teilen viele auch den Grund für die bewusste Betonung ihrer akademischen Errungenschaften. Man wolle sich solidarisch zeigen und ein Zeichen setzen – gegen die männliche Vormachtstellung in akademischen Kreisen und mangelnden Respekt für Frauen mit Titel (mehr dazu hier).