Leben
19.06.2018

Warum Frauen auf Twitter auf ihren Doktortitel bestehen

Frauen fügen ihren Twitter-Accounts derzeit ihren Titel hinzu, um die ihnen gebührende akademische Anerkennung einzufordern.

#immodestwomen (unbescheidene Frauen, Anm.): Unter diesem Hashtag posten Tausende Frauen derzeit Beiträge, mit denen sie die Änderung ihres Usernamens unterstreichen  indem sie diesem ihren akademischen Titel hinzugefügt haben.

"Mein Titel ist Dr. Fern Riddell"

Initiiert wurde die Aktion von Fern Riddell, einer studierten Historikerin, die einen Doktortitel trägt. "Mein Titel ist Dr. Fern Riddell, nicht Ms oder Miss Riddell. Ich habe ihn, weil ich eine Expertin bin und mein Leben und meine Karriere daraus bestehen, dass ich diese Expertin auf so viele Arten wie möglich verkörpere. Ich habe hart für meine Kompetenz gearbeitet und ich werde sie für niemanden aufgeben", schrieb sie vor einigen Tagen auf dem Kurznachrichtendienst. Seit der Veröffentlichung ihres Tweets haben sich viele Frauen Riddells Anliegen angeschlossen und fügen ihrem Usernamen ebenfalls den Doktortitel hinzu.

Mit dem dazugehörigen Hashtag #immodestwomen teilen viele auch den Grund für die bewusste Betonung ihrer akademischen Errungenschaften. Man wolle sich solidarisch zeigen und ein Zeichen setzen – gegen die männliche Vormachtstellung in akademischen Kreisen und mangelnden Respekt für Frauen mit Titel. So der Tenor.

Akademisches Mansplaining

In ihren Postings erwähnen auffallend viele Userinnen außerdem, dass ihnen Männer in der Vergangenheit ihre Expertise in genau dem Fach, in dem sie ihren Doktortitel erlangt haben, abgesprochen hätten: "Mit wurde das Thema meiner eigenen Doktorarbeit (inkorrekt) gemansplaint", schreibt eine Userin etwa. "Mir wurde heute von einem Student gemansplaint, wie man seinen Doktor macht, also kann ich den Doktortitel hier gleich für immer anführen", schreibt eine andere.

Mansplaining bezeichnet die sexistische Praktik, wenn Männer Frauen ungefragt die Welt erklären, sie belehren oder ihre Aussagen korrigieren. Ob sich die Frau auf dem Gebiet besser auskennt als der Mann ist dabei unwesentlich.

Kritik am Oxford English Dictionary

Im Zuge der Diskussion rund um akademische Titel merkten einige Nutzerinnen zudem an, dass das renommierte Oxford English Dictionary beim Eintrag für das Wort "Experte" keine weiblichen Beispiele listet. Via Twitter wurde das Oxford English Dictionary auf die Kritik aufmerksam, reagierte prompt und änderte den Eintrag entsprechend ab.

Erwartungsgemäß formte sich auch Protest gegen die Hashtag-Kampagne auf Twitter. So wurde unter anderem ein Account gegründet, dessen Ziel es ist, Fern Riddell für ihr Anliegen zu beleidigen.

In einem Kommentar für den Guardian schreibt Frances Ryan, die einen Doktortitel in Politikwissenschaft trägt und sich auf Twitter ebenfalls der Bewegung angeschlossen hat, dass es einfach sei, Frauen, die ihren Doktortitel betonen, dafür anzugreifen – und die Tatsache, dass sie darauf bestehen, als unwichtig abzutun. Es sei jedoch Ausdruck dessen, dass Frauen untergraben und weibliche Leistung und Expertise kleingeredet werden. Und fördere damit geschlechtsspezifische soziale akzeptierte Rollen.

"Egal ob es ein Doktortitel oder irgendeine andere Fähigkeit ist, das Herunterspielen unserer Talente und harten Arbeit zu stoppen nährt eine gewisse Befriedigung – indem wir uns weigern in die harmlose und untergebene und Schublade, in die uns Männer stecken, hinzupassen."

Frau besteht auf Doktortitel

Erst kürzlich sorgte die US-amerikanische Dozentin Shannon McGregor für Aufsehen, weil sie auf Twitter darüber ärgerte, dass sie vom Großteil ihrer Studierenden nicht mit Titel angesprochen werde. McGregor sieht darin ein strukturelles Problem. Denn dies würde zur Folge haben, dass auch Frauen salopp und ohne Titel angesprochen werden – und das obwohl sie sich diesen hart erarbeitet hätten. McGregor schrieb dazu auf Twitter: "Eine wichtige Botschaft für alle männlichen Professoren: Wenn ihr Studierenden erlaubt, euch mit eurem Vornamen anzusprechen, macht mich das zu der 'anderen Person', die auf ihren hart erarbeiteten Respekt besteht." McGregor ist demnach verärgert darüber, dass sie durch den betont lässigen Umgang, den männliche Professoren oftmals mit ihren Studierenden pflegen, zu einem Außenseiter degradiert wird, der auf der Nennung seines Titels besteht – und dafür nicht selten mit Spott bedacht wird (mehr dazu hier).