Ökologin Franziska Miller-Aichholz schützt die Narzissenwiesen

© Halbhuber Axel

Leben
05/24/2019

Axels Terrasseneintopf: Pflücken auf der Ausseer Narzissenwiese

Pflücken rettet: Für das Ausseer Narzissenfest wird über eine Million Blumen abgeschnitten. Und das ist gut so.

Von Wien aus gesehen ist das Narzissenfest im Ausseerland einfach besonders schöne, weil bodenständige Folklore. Genauer betrachtet erzählt die Veranstaltung viel über Tradition. Nicht nur über jene, wegen der jetzt wieder 3000 Menschen fast alles liegen lassen, um ein bis eineinhalb Millionen Narzissen zu pflücken (selbst Kinder gehen mit der Schule auf die Wiesen). Auch über die Tradition bei der Bewirtschaftung der Wiesen. Denn wegen der gibt es überhaupt noch so viele dieser Wildblumen im Ausseerland.

Die Stern-Narzisse (Narcissus radiiflorus) kommt zwar neben der Steiermark auch in Kärnten, Nieder- und Oberösterreich vor. „Aber hier hat sie einen Verbreitungsschwerpunkt“, erklärt die Ökologin und Narzissen-Expertin Franziska Miller-Aichholz. Das liegt vor allem am frischen Klima, denn an den Boden hat das hübsche Blümchen überraschend wenig Ansprüche – was den Hobbygartler freut, Narzissen lassen sich locker im Topf halten. „Sie kommen auf nassen wie trockenen Wiesen vor, bevorzugen aber frische Böden mit Wasserspeicherkapazität. Vor allem nährstoffarme Böden.“

Da kommt wieder die Tradition ins Spiel. Moderne Landwirtschaft möchte ertragreiche Wiesen, durch die Gülle-Düngung verdrängen Pflanzen wie Löwenzahn die Wildblumen. Deshalb wirbt der Narzissenfestverein für den „Schutz und Erhalt der Narzissenwiesen“. Das Fest braucht die Blume, die Blume braucht den Menschen – eine fast kitschige Symbiose.

Artenreich

Derzeit blühen die weißen Blumen gerade auf und das ist für das Narzissenfest (30. Mai bis 2. Juni, www.narzissenfest.at) eine Punktlandung. Miller-Aichholz: „Anfang April war es schon sehr warm, zum Glück hat der Kälteeinbruch im Mai die Narzissen noch einmal gebremst.“ Jetzt färben sich die Wiesen weiß, aber nicht nur weiß, denn Narzissenwiesen sind extrem artenreiche Lebensräume.

„Auf 50 Quadratmetern kommen bis zu 70 Pflanzenarten vor“, sagt die Ökologin und zeigt rund um sich auf den Boden: „Hahnenfuß, Schlüsselblume, Knabenkraut – eine heimische Orchidee, Trollblume“. Die Vielfalt ergibt sich, weil diese Wiesen spät gemäht werden – der zweite wichtige Punkt für die Narzisse. Sie braucht nach der Blüte Zeit, um die Nährstoffe aus den Blättern in die Zwiebel zu ziehen. „Die überdauert dann den Sommer im Boden und nimmt erst im Winter wieder Wasser auf.“ Jeder Gartler kennt die welken Blätter der Frühjahrsblüher, die man nicht schneiden darf.

Über die Zwiebel verbreitet sich die Narzisse auch. „Schon auch über Samen, aber wenn sie früh gepflückt wird, regt das die vegetative Vermehrung an, weil die Pflanze immer danach strebt, sich zu vermehren.“ Das millionenfache Abschneiden ist also förderlich, die geschützte Zwiebel hingegen darf nicht ausgraben werden.

Wer also zum Stadtkorso (Bad Aussee) und Bootskorso (heuer auf dem Grundlsee) anreist, um die kunstvollen meterhohen Figuren zu bestaunen, sollte auch Zeit für eine Wanderung zu einer der Blühwiesen einplanen. Und ein bisschen pflücken, Narzissen retten. Denn es gibt auch ein „zu wenig“: Schwer zugängliche Wiesen können überwuchern. Und das – richtig – vertreibt die Narzisse.

axel.halbhuber@kurier.at