Crashtest-Dummys sind im Schnitt 1,77 Meter groß und 76 Kilo schwer – größer und schwerer als die durchschnittliche Frau.

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Leben
04/14/2019

Autos bis Smartphones: 7 Dinge von Männern für Männer

Die Gestaltung vieler Lebensbereiche orientiert sich an männlichen Bedürfnissen. Für Frauen kann das mitunter lebensgefährlich sein.

Mit voller Wucht prallt der Kopf der hellgelben Puppe auf den aufgeblasenen Airbag. Die Arme knallen neben dem Lenkrad auf das Armaturenbrett. Der Rückstoß drückt sie tief in den Autositz. Szenen wie diese kennt man aus Crashtests, bei denen mit sogenannten Dummys Verkehrsunfälle und deren Auswirkungen auf den menschlichen Körper simuliert werden.

Frauen bleiben dabei auf der Strecke. Weil die Sicherheitskonzepte in der Automobilindustrie überwiegend auf Daten männlicher Crashtest-Dummys basieren, ist das Verletzungsrisiko für Frauen drastisch erhöht. Verschleiert wird das, weil Männer häufiger in Autounfälle verwickelt sind und daher häufiger verletzt werden.

Forschungsdaten des Automobilherstellers Volvo belegen: Autofahrerinnen sind bei einem Unfall aufgrund ihrer Anatomie und Nackenstärke häufiger von Schleudertraumata betroffen. Laut dem EU-Bericht "Gendered Innovations" ist das Risiko für Frauen, bei einem Unfall schwere Verletzungen davonzutragen, um 47 Prozent und das einer leichten Verletzung um 71 Prozent höher als bei Männern. Die Wahrscheinlichkeit eines tödlichen Ausgangs ist laut US-Verkehrsministerium für Frauen um 17 Prozent erhöht.

Ihre Sitzposition entspricht auch nicht dem Standard, der bei der Autokonzeption und in Crashtests angenommen wird. Frauen sitzen tendenziell weiter vorne im Auto, weil sie im Schnitt kleiner sind. Um die Pedale zu erreichen, müssen sie den Sitz nach vor bewegen – und die Lehne aufrechter kurbeln, um gute Sicht zu haben.

Crashtest-Dummys wurden erstmals in den Fünfzigerjahren eingeführt und waren damals ausschließlich dem männlichen Körper nachempfunden. Erst im Jahr 2011 begann man in den USA, weibliche Dummys einzusetzen.

Nachholbedarf

In der EU gibt es einen einzigen Verordnungstest, in dem ein weiblicher Dummy verlangt wird. Damit sind Fahrerinnen zumindest von der Körpergröße her weitgehend abgedeckt. Doch der Dummy wird in Tests stets auf den Beifahrersitz gesetzt. Daten darüber, was mit ihm auf dem Fahrersitz im Fall eines Unfalls passieren würde, gibt es nicht. Zudem ist der weibliche Dummy bloß ein verkleinerter männlicher.

Doch Transportmittel sind nicht der einzige Lebensbereich, in dem männliche Bedürfnisse Vorrang haben. Die britische Journalistin und Autorin Caroline Criado-Perez schreibt in einem Artikel des Guardian, dass das Leben von Männern seit jeher als repräsentativ für alle galt. Geht es um die andere Hälfte der Menschheit, sei da oft nichts als Stille. "Diese Stille ist überall. Filme, Nachrichten, Literatur, Wissenschaft, Stadtplanung, Wirtschaft, die Geschichten, die wir uns selbst über unsere Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erzählen – sie sind alle gekennzeichnet von einer weiblichen abwesenden Präsenz." Das, so Criado-Perez, sei die geschlechtsspezifische Datenlücke. Sie sei sowohl Ursache als auch Folge eines Denkens, das die Welt aus einem männlichen Blickwinkel betrachtet.

Für ihr Buch "Invisible Women" hat Criado-Perez diese Lücke drei Jahre erforscht und hat sie auch in Bereichen gefunden, die vermeintlich nichts mit dem Geschlecht zu tun haben. Vom Smartphone-Design über Medizin, Wirtschaft bis hin zu Mobilität wird die weibliche Perspektive häufig ignoriert.

Das zeigt sich auch in der noch jungen Tech-Branche, wie etwa die Einführung von Apples HealthKit beweist. Dabei handelt es sich um eine Software, die auf iOS-Geräten wie dem iPhone vorinstalliert ist. Sie ermöglicht Nutzern, sämtliche körperbezogene Daten wie Schritte, Flüssigkeitszufuhr oder Blutdruck zu dokumentieren. Erst nachdem Kritik laut wurde, kündigte Apple an, dass Nutzerinnen in einer neuen Version auch ihre Menstruation mit der App tracken können.

Frauen ausgeklammert

"Das ist keine große Verschwörung von Männern gegen Frauen. Es ist einfach nur das Versagen, sich daran zu erinnern, dass 51 Prozent der Weltbevölkerung existieren", schreibt Criado-Perez in der Washington Post. Dass geschlechtsspezifische Unterschiede vorsätzlich ignoriert werden, glaubt sie nicht. Die Folgen für das Leben von Frauen seien dennoch erheblich und würden von lästig bis hin zu lebensbedrohlich reichen.

Das steigende Bewusstsein für die Thematik begrüßt die Autorin. "Aber es macht mich wütend, über all diese Frauen nachzudenken, die ihr Leben leben und glauben, dass etwas mit ihnen falsch ist – dass sie zu klein oder nicht konform sind. Dabei waren Frauen einfach nicht Teil der Überlegungen."

Wenn Männer die Norm sind: Sieben Lebensbereiche

Die Schlange am Frauen-Klo

Zwei-Klassen-Gesellschaft. Das Phänomen ist bekannt: Während sich vor der Damentoilette eine Schlange bildet, herrscht am Männerklo gähnende Leere. Das liegt unter anderem daran, dass Urinale – wie in öffentlichen Toiletten für Männer üblich – mehr Möglichkeiten zur Bedürfnisverrichtung  bieten. Im Frauenbereich sind meist ausschließlich Toilettenkabinen mit Sitzklos vorhanden, die mehr Platz brauchen.

Doch auch die gleiche Anzahl an Toilettenplätzen, zum Beispiel durch den Einsatz von Frauenurinalen, würde das Problem nicht lösen, schreibt Caroline Criado-Perez. Denn Frauen würden 2,3 Mal so lange auf dem stillen Örtchen brauchen wie Männer. Sie begründet das einerseits damit, dass Frauen den Großteil an älteren und behinderten Menschen ausmachen, für die der Klogang aufwendiger ist. Andererseits müssen Frauen manchmal einen Tampon oder eine Binde wechseln und leiden achtmal häufiger an  Harnwegsinfektionen. Bei Schwangeren ist zudem die Blasenkapazität verringert.

Handys für Männerhände

Zu groß. 14 Zentimeter misst das Smartphone von heute im Schnitt. Eine angenehme Größe – vorausgesetzt man hat Männerhände. 2018 sorgte die Einstellung der kompakten iPhone-SE-Modelle für Kritik, denn das Bedienen großer Touchscreens ist für viele Frauen eine Herausforderung. Das Risiko, dass die Geräte zu Boden fallen, ist größer, weil sie nicht sicher in der Hand liegen. Auch gesundheitliche Probleme, etwa eine Überbelastung der Handsehnen, drohen.

Mangelhafter Schutz

Schutzkleidung kann in Branchen wie Polizei oder Militär lebensrettend sein. Deren Passform ist für Frauen häufig nicht geeignet. Eine britische Polizistin ließ sich im 1999 die Brüste verkleinern, weil sie gesundheitliche Schäden durch die schlecht sitzende Schutzweste hatte. Kolleginnen meldeten, ebenfalls betroffen zu sein.

Nichts anzuziehen – im All

Raumanzugmangel. Es hätte ein Meilenstein in der Geschichte der Raumfahrt sein können: der erste ausschließlich mit Frauen besetzte Außeneinsatz an der Internationalen Raumstation (ISS). Doch daraus wurde nichts. Die Raumanzüge passten nicht. Bei einem Reparatureinsatz mit ihrem Kollegen Nick Hague hatte Astronautin Anne McClain gemerkt, dass ihr ein Raumanzug-Oberteil in mittlerer Größe am besten passt. Das Problem: Auch ihre für den Außeneinsatz eingeteilte Kollegin Christina Koch benötigt ein Oberteil in dieser Größe.

Bis zum Einsatz am 29. März konnte nur einer der Anzüge für einen Weltraumspaziergang einsatzfähig gemacht werden. Anstatt den Außeneinsatz wie geplant mit Anne McClain durchzuführen, unternahm Christina Koch mit einem männlichen Kollegen, US-Amerikaner Nick Hague, den Spacewalk.

Im Internet stieß das auf Kritik. Die NASA könne zwar Menschen "zum Mond bringen, aber sie kann nicht genug Raumanzüge für Frauen herstellen", twitterte ein Nutzer polemisch. Dass es überhaupt zu dem Engpass gekommen ist, sei ein Beleg dafür, dass man sich auch bei der NASA nach wie vor nur an der männlichen Norm orientiere.

Männernorm als Gefahrenquelle

Passformproblematik. Das Größenproblem betrifft nicht nur Raumanzüge der NASA. Forscherinnen, die für ihre Tätigkeiten, etwa im Labor oder bei Feldeinsätzen, spezielle Ausrüstung und Schutzkleidung benötigen, fallen mit ihren Maßen ebenfalls oft aus der männlichen Norm.

Jessica Mounts, Biologin und Leiterin der Naturschutzorganisation Kansas Alliance for Wetlands and Streams, schilderte ihr Dilemma anlässlich der Raumanzug-Debatte kürzlich im Interview mit der BBC: "Das verursacht Probleme, die weit über Ärgernisse hinausgehen – sie betreffen unsere Sicherheit." Mit zu weit geschnittener Kleidung könne man sich etwa verheddern, zu große Stiefel würden Stolpern und Stürze begünstigen. Alternativen seien nach wie vor Mangelware: "Die Modelle, die für Frauen konzipiert sind, sind häufig teurer, haben kleinere Taschen und sitzen immer noch schlecht."

Für Mounts hat die Passformproblematik unschönen Symbolcharakter: "Wenn wir Frauen nicht die Ausrüstung zur Verfügung stellen können, die sie für ihre Arbeit als Astronautinnen oder Wissenschafterinnen benötigen, wie können wir dann Fortschritte auf dem Weg zur Gleichberechtigung erwarten?"

Warum Frauen im Büro frieren

Männliche Standards. Sie friert, er schwitzt: Die Frage nach der optimalen Raumtemperatur am Arbeitsplatz entzweit die Geschlechter. Vor allem im Sommer sind Männer im Anzug wärmer gekleidet als Frauen, die auf Röcke oder nicht geschlossene Schuhe zurückgreifen. In puncto Temperaturempfinden spielt das aber nicht die ausschlaggebende Rolle.

Zu diesem Schluss kamen zwei niederländische Forscher in einer Studie, die 2015 veröffentlicht wurde. Dieser zufolge ist die Raumtemperatur in vielen Gebäuden nach der Körperwärme von Männern ausgerichtet. Zurückzuführen sei das auf ein Modell zur Temperaturberechnung aus den Sechzigerjahren. Bei dieser orientierte man sich am Stoffwechsel eines 40 Jahre alten und 70 Kilogramm schweren Mannes.

Nicht berücksichtigt wurde, dass Frauen bei gleicher Tätigkeit weniger Wärme produzieren. Im Rahmen der Studie wurden Frauen angehalten, in einem speziellen Raum Büroarbeiten zu verrichten. Dabei konnte festgestellt werden, dass ihre Stoffwechselrate 20 bis 32 Prozent niedriger ist, als im Modell vorgesehen.

Außerdem haben Frauen in der Regel eine geringere Muskelmasse als Männer, weswegen sie ebenfalls leichter frieren. Das kann auch aus geschäftlicher Sicht negative Folgen haben: Wer sich nicht wohl fühlt, arbeitet möglicherweise weniger effizient und wird öfter krank.