Kultur
16.05.2018

Yung Hurn: Die ganze Zeit auf Instagram

"1220", das erste Album des Wiener Rappers Yung Hurn, stieg in den deutschen Charts auf Platz zwei ein.

An Helene Fischer gibt es kein Vorbeikommen. Das musste auch Yung Hurn zur Kenntnis nehmen. Aber immerhin hat der Wiener Rapper vergangene Woche mit Platz zwei in den deutschen Charts Die Fantastischen Vier hinter sich gelassen. Diese Momentaufnahme ist auch als Wachablöse im deutschsprachigen Hip-Hop zu sehen. Ein Erfolg, mit dem Yung Hurn auch Bilderbuch (höchste Chartposition in Deutschland bisher: Platz 8) und Wanda (Platz 5) geschnupft hat.

Bislang veröffentlichte der Musiker ausschließlich Mixtapes und einzelne Songs im Netz. Mit „1220“ legt er nun sein erstes Album vor. Für den Rapper ist 1220 aber mehr als eine Zahl. Sie steht für seine Wurzeln, seinen Block, wie man im Hip-Hop-Jargon sagt. 1220, die Postleitzahl seines Bezirks Wien-Donaustadt, hat er sich auch auf seinen Oberkörper tätowiert, um sie ja nicht zu vergessen ...

„Bianco“

Der Name Yung Hurn steht nicht im Reisepass des Twentysomethings. Er verrät sein Alter so wenig wie seinen wirklichen Namen. Die Liste an Pseudonymen und Formationen, unter denen er Musik veröffentlicht, variiert je nach Situation und Dichtheitsgrad – die bekanntesten sind K. Ronaldo und Love Hotel Band. Letztere veröffentlichte mit „Diamant“ (2017) einen lässigen L'amour-Hatscher.

Sein erstes, musikalisch ernst zu nehmendes Ausrufezeichen setzte Yung Hurn 2016 mit dem Song „Bianco“. Mehr als 11 Millionen Aufrufe auf YouTube später ist er so etwas wie das Aushängeschild der österreichischen Hip-Hop-Szene, die auch in Deutschland heftig gefeiert wird. Yung Hurn, der zwischen 1220 und Berlin hin- und herpendelt, ist Teil des an der Spree ansässigen Künstlerkollektivs Live From Earth. Das ist zugleich sein Management, das Anfragen zu Interviews, Pressematerial gekonnt ignoriert. Klassische Presse hat Yung Hurn auch nicht nötig, denn seine Vermarktungswege sind andere, befinden sich im Internet. Dort, wo die Social-Media-Kanäle täglich gefüllt werden wollen – mit Storys, neuen Videos und Fotos, die binnen Minuten Tausende Likes bekommen. Aktuell haben rund 269.000 Menschen seinen Instagram-Account abonniert. Dort liefert einem der mit einer Strizzifrisur und einem durchsichtigen Oberlippenbart ausgestattete Hurn Einblicke in sein – ähm – Gangsterleben.

Leere

Insgesamt 14 Tracks hat Yung Hurn nun auf seinem ersten Album zusammengesammelt, manche älter, einige noch unveröffentlicht. Zu hören sind dichte, zugleich luftige Synthesizerflächen, die die ohnehin schon zäh dahinkriechenden, tiefen wie Beats narkotisieren.

Die Musik für seine Tracks gibt Yung Hurn gerne bei einem gewissen Lex Lugner in Auftrag, der den Sound stets mit einer angenehmen Leere aufbläst. So simple Beats wie möglich und darauf hingerotzt rappen, lautet in etwa das Credo. Dass man seine gelallten Wortfetzen, seine Einzeiler über das Leben, die Party, Geld und Sexpraktiken, oftmals schwer versteht, ist Teil des Konzepts, das man dem Genre Cloud Rap zuordnen kann. Yung Hurn ist ein Star dieser Szene, die – beeinflusst von US-Rappern wie Lil B und A$AP Rocky – in Österreich auf fruchtbaren Boden fällt. Zu erwähnen sind hierbei noch Acts wie der Wiener Money Boy, die Salzburger Hanuschplatzflow-Bewegung und Crack Ignaz.

Benebelt

Die Songs auf „1220“ sind verstrahlte Lieder, die den Rausch, die Liebe, und Drogenexzesse feiern. Für seine bis aufs Grundgerüst reduzierten Rap-Phrasen braucht Yung Hurn angeblich nicht länger als zehn Minuten.

Einfach machen, sich nichts dabei scheren. Mit dieser Punk-Attitüde ist er zum Posterboy für Verweigerer der Leistungsgesellschaft geworden. Anstatt Masterstudium in Rekordzeit, Karriere mit Lehre wird gechillt – mit Wodka, Marihuana, Ecstasy und Kokain, das Yung Hurn in seinen Liedern gerne „Cocobello“ nennt. Dass sich an solchen Kunstfiguren die Geister scheiden, ist verständlich. Die einen sehen in ihm die Rettung des deutschsprachigen Hip-Hop, anderen den Untergang des Abendlandes: „Alle hassen uns, aber sie schauen“, antwortet Yung Hurn im Song „Sie schauen“.

„1220“ ist ein „ok cooles“ Abziehbild der 24/7-Social-Media-Generation: „Sie ist die ganze Zeit auf Instagram, ja. Mein Baby schaut sich meine Bilder an, jaja ...“

KURIER:Wertung: Vier von fünf möglichen Instagram-Herzen.