© Belvedere, Wien/Johannes Stoll

Kultur
10/25/2020

Wolkiger Himmel, stürmische Zeiten in der Kunst

Das Motiv der Wolke erhält gegenwärtig neue Bedeutungen, wie eine Reihe von Ausstellungen vorführt

von Michael Huber

Gäbe es das Fach der Kulturmetereologie wirklich, würde man vielleicht von einem „Cirrocumulus floccus artisticus“ über Wien sprechen: Einer Anhäufung von Wolken in den Kunstinstitutionen in der Stadt, zufällig, aber vielleicht doch aussagekräftig über die Großwetterlage.

Die Wolken wabern im Kunsthistorischen Museum, wo herrlich dunstige Gemälde des Romantikers Caspar David Friedrich und Wolken-Aquarelle von J.M.W. Turner zu schwebenden Klängen in der Schau „Beethoven bewegt“ zu erleben sind. Das mumok lässt in seiner Herbstausstellung Andy Warhols „Silver Clouds“ steigen – verspiegelte Ballons, die der Künstler erstmals 1966 in einer Ausstellung präsentierte. Das Kunstforum präsentiert große Wolkenbilder von Gerhard Richter, die romantische Atmosphäre beschwören, sich dann aber als artifizielle Gebilde nach Foto-Vorlagen herausstellen. Einen Steinwurf vom Kunstforum entfernt, im Kunstraum NÖ in der Herrengasse, ruft die Ausstellung „Stormy Weather“ dagegen das Zeitalter der digitalen Wolke aus.

Wolke und „Cloud“

Tatsächlich ist die letztgenannte Schau, in Umfang und Prominenz bei Weitem die bescheidenste, in der Lage, den Blick auf die Wolke als eine höchst zeitgemäße bildnerische Metapher unserer Zeit zu schärfen. Denn die digitale „Cloud“ ist zu unserem bevorzugten Aufenthaltsort geworden, wenn wir einander in Videokonferenzen begegnen, an digitalen Dokumenten arbeiten oder mit Personen aus aller Welt Online-Games spielen. Der Energieverbrauch, der beim Betrieb der dezentralen Computernetze anfällt, wirkt dabei wieder auf das „reale“ Klima zurück.

2013, als das Leopold Museum dem Wolkenmotiv eine Themenschau widmete, lag der Fokus noch auf Darstellungen des 19. und 20. Jahrhunderts: Schon früh zeichnete sich dabei das Bestreben ab, den flüchtigen Formen der Natur mit den jungen Mitteln der Wissenschaft und Technik beizukommen. Künstler, insbesondere jene des Impressionismus, suchten atmosphärische Erscheinungen in ihre Farbbestandteile zu zerlegen. Die Schwaden, die in Claude Monets leuchtenden Bildern von Flüssen, Brücken und Bahnhöfen zu sehen sind, waren auch damals schon weniger schwelgerisch als gemeinhin angenommen, zumal der atmosphärische Schleier nicht selten von Lokomotiven und Industrieschloten herrührte.

Mediale Wolkenbildung

„Das Wetter war auch immer schon ein Treiber der Medientechnologie“, sagt Katharina Brandl, Leiterin des Kunstraum NÖ und Co-Kuratorin der „Stormy Weather“-Schau. Wetterinformationen mussten stets schnell verfügbar sein, die Datenauswertung und Erstellung von Vorhersagen braucht Rechenkraft, schnelle Datenverbindungen und gutes Bildmaterial. Die davon ableitbaren Fragen – über die Verbindung von Sehen und Macht, über die Beherrschbarkeit und Reglementierbarkeit des Wetters – verkomplizieren schon Gerhard Richters nach Fotos angefertigte Wolken-Gemälde.

Andy Warhol wiederum brach mit seinen „Silver Cloud“-Ballons die Unnahbarkeit von Wolken auf die größtmögliche Banalität herunter – dass er es dabei anders als bei seinen Siebdrucken verweigerte, am Kunstmarkt leicht handelbare Ware herzustellen, war vielleicht der letzte Rest von wolkenhafter Flüchtigkeit.

Im digitalen Zeitalter treibt der Wunsch nach Herrschaft über Wolken indes andere Blüten, wie „Stormy Weather“ vorführt: So sammelt etwa das Schweizer Kollektiv Fragmentin Daten zum sogenannten „Cloud Seeding“, bei dem Wolkenbildung durch technische Hilfsmittel beeinflusst wird, um Niederschläge zu steigern, Hagel zu vermeiden oder den Himmel – etwa über Flughäfen – klar zu halten. Dargestellt werden diese Eingriffe durch spezielle Muster künstlicher „Regentropfen“ in einem Wasserbassin.

Die Verschwörungstheorien um „Chemtrails“, die in jedem Kondensstreifen schon geheime Wettermanipulationen erblicken, bleiben dabei ausgespart. Doch auch die Entstehung solcher Theorien in der heißkalten Atmosphäre digitaler Netze ließe sich als Wetterphänomen beschreiben – etwa als Gewitterzelle.

Künstler, die in der Vergangenheit Wolken malerisch zu fassen versuchten, dürfen vor diesem Hintergrund neu betrachtet werden, ohne dass ihre Kunst dabei etwas verlöre. Denn die Differenz zwischen Künstlichkeit und der Komplexität der Natur füllen wir gern mit der Empfindung von Schönheit und Erhabenheit auf. Und so geben Wolken wohl noch auf lange Sicht einige der flüchtigsten und zugleich haltbarsten Motive der bildenden Kunst ab.

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