De Keersmaeker eröffnete die Wiener Festwochen 2020

© Wiener Festwochen/Anne Van Aerschot

Kritik
08/27/2020

Wiener Festwochen: Neuvermessung des Seins

Anne Teresa De Keersmaeker eröffnete mit den „Goldberg-Variationen“ die Wiener Festwochen 2020.

von Peter Jarolin

„Vielen Dank, dass Sie hier sind! Es ist so wichtig, dass sie gekommen sind!“ Fast unter Tränen dankte Anne Teresa De Keersmaeker dem frenetisch jubelnden Publikum am Ende ihres furiosen Solos zu Johann Sebastian Bachs „Goldberg-Variationen“ in der Halle E des Museumsquartiers allen Besuchern für ihre Anwesenheit.

Und um das Sein, das Da-Sein, das nicht Nicht-Mehr-Dasein geht es auch in der neuen Arbeit der inzwischen 60-jährigen belgischen Starchoreografin und Tanzikone, mit der die Wiener Festwochen 2020 nun doch noch eröffnet wurden.

Ein corona-bedingtes, jedoch hochkarätiges Rumpfprogramm konnte Intendant Christophe Slagmuylder für die diesjährige Ausgabe des Festivals retten, wobei den „Goldberg-Variationen“ von De Keersmaeker auch im regulären Spielplan eine zentrale Rolle zugekommen wäre. Verständlich, denn De Keersmaekers bereits sechste Auseinandersetzung mit Johann Bach ist grandios.

Reduktion

Eine Blackbox als Bühne, ein Klavier, eine silbrige Folie an der Wand und eine ausgeklügelte Lichtregie (Minna Tikkainen) – mehr benötigt De Keersmaeker nicht, um in den Kosmos von Bach einzutauchen, um dessen Aria und deren Variationen mit tänzerischem Leben zu erfüllen.

Barfuß, mit silberfarbigem Zopf und im durchsichtigen schwarzen Chiffonkleid betritt De Keersmaeker die Bühne, erkundet noch vor dem ersten Ton den Raum. Am Klavier nimmt der russische Pianist Pavel Kolesnikov in T-Shirt und Shorts Platz, die Spurensuche zum Thema Bach kann bei dieser Uraufführung beginnen.

Wie so oft hat De Keersmaeker dafür einen geometrischen Ansatz gewählt, den sie aber immer wieder durch Improvisationen bricht. Formale Strenge hier, emotionale Verlorenheit und Lebensfreude da – De Keersmaeker taucht stets in ein Wechselbad der Gefühle ein.

Improvisation

Sie springt fröhlich, kauert sich dann unter das Klavier, verliert sich im Bühnendunkel, um gleich danach ins Licht zurückzukehren. Zwei, drei Posen – etwa jene (starke) der Sensenfrau – haben Leitmotivcharakter; auch ein nur mit den Fingern geformtes Rechteck kehrt als Stilmittel immer wieder zurück.

Zum Spiel von Pavel Kolesnikov setzt De Keersmaeker (im zweiten Teil im Hosenanzug) auf Kraft, Leichtigkeit, Selbstironie und huldigt sogar John Travolta in „Saturday Night Fever“. Bach zwischen Humor und Verzweiflung, zwischen euphorischer Lebensbejahung und völliger Resignation. So, als wäre es auch ein Kommentar zur Corona-Pandemie.

Denn De Keersmaeker illustriert Bach nicht, sie spielt mit ihm, bricht ihn oder verstärkt ihn körperlich. Ganz am Ende (nach einem physischen wie psychischen Kraftakt) steht De Keersmaeker mit entblößtem Oberkörper mit dem Rücken zum Publikum. Sie ist in stimmungsvoll-oranges Licht getaucht. Ein Sonnenuntergang oder doch ein Sonnenaufgang? Auf jeden Fall betörend!

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