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Analyse
08/10/2021

Wie man den ORF digital neu aufstellt

Von TV bis Radio bis Newsroom: Hierum geht es ab sofort.

von Philipp Wilhelmer

Es könnte tatsächlich sein, dass mit Roland Weißmann der richtige Mann am richtigen Ort ist, um endlich die Tür zur Gegenwart aufzustoßen: Der ORF muss – wie alle Medienunternehmen – digital neu gedacht werden. Dieser Gedanke zieht sich wie ein roter Faden durch sein Konzept.

Das mag jetzt noch nicht besonders visionär klingen, ist aber angesichts des Status quo eine unentbehrliche Grundeinstellung: Mit der Zahl der Smartphones, Tablets und Computer im Alltag nimmt die Bereitschaft, Medien auf herkömmlichen Kanälen zu konsumieren, rapide ab. Es wird auch dem ORF nicht helfen, gebührenfinanziert zu sein, wenn er Programm produziert, das keiner anschaut, wenn klassisches Fernsehen schlicht ausgedient hat.

Und die türkis-grüne Mehrheit im obersten ORF-Gremium ist nicht nur Bürde, sondern auch Chance: Wenn die Regierung es diesmal wirklich ernst damit meint, den Medienmarkt neu aufzustellen, wird sie einem Generaldirektor, den sie gerade selbst bestellt hat, vielleicht wirklich jene Mittel in die Hand geben, die er braucht.

Um sein digitales Konzept umzusetzen, braucht es eine Gesetzesnovelle. Der sogenannte ORF-Player soll mehr sein als die angestaubte TVthek, die eigentlich nur sendungsbegleitende Inhalte zum Abruf darbieten durfte (und das für sieben Tage). Das ist antiquiert.

Losketten

Wenn der ORF beim Thema Bewegtbild im Internet erfolgreich sein will, muss er das auch streamen dürfen, ohne an altvaterische Kanäle gekettet zu sein. Netflix, Youtube und Tiktok warten nicht, bis sich der rot-weiß-rote Riese zum digitalen Aufschwung erhebt.

Ähnlich ist es im Bereich Radio: Die Spotify-Revolution brachte zwei neue Phänomene mit sich, die die Hörzeit der Kundschaft massiv in die Höhe trieben: Playlists und Podcasts. Vereinfacht gesagt: Wer in den 90er-Jahren FM4 brauchte, um popkulturell am Laufenden zu bleiben, braucht heute nur mehr den Empfehlungsalgorithmus, gepaart mit Tipps von großen Influencern. Weißmann hat recht, dass FM4 zu alt geworden ist. Allerdings sollte die Neuausrichtung tunlichst nicht politisch erfolgen: Einen JVP-tauglichen Jugendsender aus einem der innovativsten Programme, das der ORF je hervorgebracht hat, zu machen, wäre ein Skandal. Aber: Es gibt etwas zu tun.

Politisch heikler Schauplatz

Das gilt auch – Stichwort Podcast – für die Wundermaschine Ö1: Kaum ein Medium in Österreich hat derart vielseitige, hochwertige Angebote im Programm: Nachrichten, Dokumentationen, Magazine, Opern ... Ö1 ist DAS Feuilleton im Hörfunk. Die Entsprechung am Smartphone ist noch ausbaufähig. Der Anspruch, „das non-lineare Angebot und die passende Distribution“ zu entwickeln, lässt die Hoffnung aufkommen, dass ein umfangreiches Angebot so sortiert wird, dass man sich downloaden kann, was man wann will.

Der politisch heikelste Schauplatz wird der neue multimediale Newsroom: Diese zentrale Redaktion, die derzeit am Küniglberg neu gebaut wird, soll im Laufe des Jahres 2022 bezogen werden. Hier wird auch Schlüsselpersonal wie Ressortleiter und Redaktionsleitung neu zu bestellen sein. Wer darf das tun? Im Vorfeld der Wahl beanspruchte der nun abgewählte Wrabetz diese Aufgabe für sich.

Weißmann will hingegen noch zuwarten, um – so sagt er – „das Wissen und die Spielregeln, die sich alle Beteiligten im Lauf der letzten Jahre theoretisch angeeignet haben, anzuwenden“. Oder aber politisch genehmes Personal zu bestellen – wie er diese Aufgabe erledigen wird, wird auch zeigen, ob er tatsächlich ohne politische Zurufe agiert, wie er behauptet.

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