Der Zusammenhang ist möglich: Michikazu Matsune und sein Pappfiguren-Personal

© Nurith Wagner-Strauss

Kritik
08/26/2021

Wenn ein Parfum wie ein japanischer Frauenname klingt ...

Michikazu Matsune brachte bei den Wiener Festwochen seine raffinierte Performance „Mitsouko & Mitsuko“ zur Uraufführung

von Thomas Trenkler

Im Frühling 2019 stellten sich der in Wien lebende Performer Michikazu Matsune und die Kuratorin Miwa Negoro mehr oder weniger zufällig die Frage, warum Jacques Guerlain exakt 100 Jahre zuvor ein von ihm kreiertes Parfum „Mitsouko“ nannte. Denn dieses klingt wie ein japanischer Frauenname.

Wenig später stießen die beiden auf Mitsuko Aoyama, die Ende des 19. Jahrhunderts von Tokio nach Wien emigriert war, und auf deren Sohn Richard Coudenhove-Kalergi, der 1924 die Paneuropa-Union, die älteste europäische Einigungsbewegung, gegründet hatte.

Matsune und Negoro begannen zu recherchieren. Und je mehr sie recherchierten, desto größer wurde ihr Staunen. Denn sie stießen auf sonderbare Fakten und innere Zusammenhänge, auf ein Geflecht aus Geschichten rund um Japonismus und die Angst vor der „Gelben Gefahr“, also die zwei Seiten der gleichen Münze.

Irgendwann fiel die Entscheidung, daraus eine Performance zu machen. Aufgrund der Pandemie kam „Mitsouko & Mitsuko“ erst jetzt, am Mittwoch, im Kasino am Schwarzenbergplatz zur eifrig akklamierten Uraufführung – im Rahmen der zu Festmonaten zerdehnten Wiener Festwochen.

 

Von Anfang an stellt man sich als Zuschauer die Frage nach dem Zusammenhang. Denn auf der mit einem blauen Teppich ausgelegten Bühne stehen rund um einen Originalflacon des nach wie vor (wenn auch mit teilweise anderen Ingredienzien) produzierten Parfums sieben Pappkameraden. Beziehungsweise nur die Köpfe von Charlie Chaplin, Ingrid Bergman, Paul Henreid, Sexbombe Jean Harlow und so weiter.

Äußerst leichtfüßig, einnehmend und unterhaltsam, von Posen oder Bewegungen unterstützt, erzählt Michikazu Matsune seine Geschichten über die betörende Wirkung des Duftes und die Filmstars, er geht jede Sackgasse aus, kehrt aber immer wieder auf den Sunset Boulevard beziehungsweise das Hollywood der Stummfilmzeit zurück – und dieses wirkt auch auf die dezidiert schlichte Ästhetik der Performance ein: Zusehends übernehmen Videoprojektionen von Schwarzweißfilmen, ergänzt um eingeblendete Textpassagen, eine tragende Rolle.

 

Man kann gar nicht nacherzählen, welche Volten Michikazu Matsune in nur 80 Minuten schlägt. Man erfährt zum Beispiel, dass es im 1909 veröffentlichten Roman „La Bataille“ um ein Dreiecksverhältnis geht. Die Frau, zwischen einem englischen und einem japanischen Offizier hin- und hergerissen, heißt – erraten – Mitsouko. Der Autor, Claude Ferrère, schenkte seinem Freund Guerlain ein Exemplar des Bestsellers. Und nicht nur Charlie Chaplin, auch Ingrid Bergman liebte das Parfum. Und in „Casablanca“ geht es um ein Dreiecksverhältnis. Und als Inspirationsquelle soll die Geschichte von Richard Coudenhove-Kalergi und seiner jüdischen Frau, der gefeierten Burgtheater-Schauspielerin Ida Roland, gedient haben, die 1938 aus Wien geflohen waren.

Und so weiter. Ob tatsächlich auch die Großmutter in Kobe, wie Michikazu Matsune erzählt, den Guerlain-Duft mit zwölf Komponenten verwendete? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Ein Geheimnis muss ja bleiben. Und genau das bedeutet angeblich Mitsouko.

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