In der Schleudertrommel: Martin Wuttke und Kathrin Angerer (ganz hinten) wirbelt es ordentlich durcheinander

© Luna Zscharnt

Kritik
06/07/2021

Wiener Festwochen: Einfach den tiefsten Punkt überwinden

René Pollesch hat in „Die Gewehre der Kathrin Angerer“ eine wunderbare Aussage getroffen, Markus Schinwald beeindruckt mit „Danse Macabre“

von Thomas Trenkler

Es ist geradezu unglaublich: Während hochsubventionierte Bühnen missmutig nur Voraufführungen ansetzen, Premieren lieber in den Herbst verlegen, Klimaanlagen einbauen oder frisch renovierte Spielstätten gar nicht erst eröffnen, schieben die Wiener Festwochen fünf Uraufführungen in vier Tagen raus. Dabei hatten Intendant Christophe Slagmuylder und sein Team die gleichen Voraussetzungen, also keine gesicherten Informationen. Dieses Einkalkulieren aller Möglichkeiten kombiniert mit dem Willen, nach Ende des Lockdowns etwas Herausragendes stattfinden zu lassen: Das nötigt einem Respekt ab. In Wien gibt es tatsächlich Festwochen.

 

Sie begannen am Donnerstag mit Anna Rispolis „bedingungsloser Rede“, die eher ein demokratischer Akt war. Die italienische Künstlerin kompilierte aus Interviews mit „Expertinnen und Experten ihres eigenen Lebens“ einen kreisförmig im Chor vorgetragenen Appell, über das Auseinanderklaffen von Arm und Reich und das bedingungslose Grundeinkommen nachzudenken.

Es fühlt sich gut an ...

Die Einleitung bestritt Anna Rispoli selbst. Sie erkannte in der Besetzung mehrerer Theater in Europa während der Schließzeiten den Auftrag, für Solidarität und Gerechtigkeit einzutreten. Und nun freue sie sich, hier zu sein: „Unter so vielen Menschen. Ich bin das gar nicht mehr gewöhnt.“ Es fühle sich gut an.

Doch nicht nur diese kurze Performance im Arkadenhof des Rathauses hatte mit der Pandemie zu tun: Wir würden, sagte der Intendant im KURIER am Sonntag, die Produktionen „durch das Prisma dessen ansehen, was im vergangenen Jahr passiert ist“. Auch wenn mit dem Künstler, Filmemacher und Choreografen Markus Schinwald schon vor Covid über dessen „Danse Macabre“ gesprochen wurde, denke wohl jeder, der den Totentanz sieht, an die Auswirkungen der Pandemie.

 

 

Auch Heiner Goebbels eher kühle Klangskulptur „Liberté d’action“ über Texte von Henri Michaux ließ sich – siehe die Kritik am Samstag – als Kommentar zur Isolation lesen. Detto Philipp Gehmachers Choreografie „The Slowest Urgency“, die im Jugendstiltheater auf der Baumgartner Höhe uraufgeführt wurde. Ein zentraler Satz, auf Englisch gesprochen, lautet schließlich: „Wir sind nicht in dieser Welt, um nicht mit ihr in Kontakt zu treten.“ Die vier Akteure befreien sich, es hebt ein Fest der Farben und Formen an, bis sie sich wieder dem Kreislauf von Kommen und Vergehen unterordnen.

Und doch schien die 85-minütige Performance zu Peter Kutins Musik ein wenig ausgewalzt. Zumal die zentrale Installation aus bunten Stricken von Liesl Raff nur Staffage war.

Aber wie Gehmachers Choreografie ist auch Schinwalds Gesamtkunstwerk vor allem eines: zeitlos. Wie der „Jedermann“. Denn der Tod kommt auf leisen Sohlen in silbrigen Schuhen – und kassiert nacheinander die eine und den anderen, ohne Unterschied auf Stand oder Ethnie.

Für den „Danse Macabre“, eine Eigenproduktion der Festwochen, hat Schinwald auf sein Lieblingsrequisit, weiße Wände mit allerlei Überraschungen (Drehtüren, Klappen und Schubladen) zurückgegriffen. Mit ihnen erschafft er im F23, in der ehemaligen Sargfabrik von Breitenfurt, einen Raum im Raum. Dahinter, in den Zwischenräumen, sitzen die 23 Musiker des Ensembles Phace. Durch Schallschlitze strömt die gewaltige, von Blasinstrumenten dominierte Trauermarsch-Filmmusik von Matthew Chamberlain auf das in der Mitte sitzende Publikum. Ein überwältigendes Erlebnis.

 

Auf dem umlaufenden Catwalk tänzelt der Sensenmann, ein grau melierter Dandy (Oleg Soulimenko), von Opfer zu Opfer. Er hat keine Eile, lauert, dann grätscht er in die Schritte, mitunter knistert es erotisch. Die acht Figuren, von Schinwald zitatenreich eingekleidet, stellen Bürger, Bauer, Edelmann dar. Ganz zum Schluss ist jedermanns Stellvertreter an der Reihe. Standing Ovations nach 45 Minuten.

... die Wände hochzugehen

Bedeutend humoresker ging es im Theater an der Wien zu. Dort brachte René Pollesch, der designierte Chef der Berliner Volksbühne, am Samstag sein Stück „Die Gewehre der Frau Kathrin Angerer“ zur Uraufführung. Wieder einmal – wie etwa bei „Carol Reed“ (2017 im Akademietheater) – nimmt er Anleihen beim Film, wieder wird Hitchcocks „Die 39 Stufen“ erwähnt. Martin Wuttke trägt zur Glatze ein Clark-Gable-Oberlippenbärtchen, mit den Steppschuhen kommt er gar nicht klar: Es zaubert ihn hinreißend.

 

Angeblich wird – mit viel technischem Aufwand – ein Tanzfilm gedreht. Von Wrestling ist die Rede, von Bert Brechts Lehrstück, von Sex mit Jesus. Eine bekannt wilde Mischung also aus Assoziationsketten und Wortspielereien. Wenn es in diesen schwungvollen, nahezu Covid-freien Eindreiviertelstunden tatsächlich um etwas geht, dann darum, den tiefsten Punkt zu überwinden, zu Höhenflügen anzusetzen, die Wände hochzugehen. Auf eine Weise, dass sich, wie bei „Vertigo“, alles dreht. Nina von Mechow hat daher eine komplexe Maschine, ein sensationelles One-Trick-Pony, auf die Bühne gewuchtet: Die Bar, in der alle immer wieder abhängen, scheint in der Videoprojektion fix verankert. Nur die Schauspieler wirbelt es in der Schleudertrommel irrwitzig durch den Raum. Dass auch Kathrin Angerer nicht weiß, wo ihre Gewehre sind: Wen wundert’s?

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