Überall im Haus weist der Volksopern-Urmeter darauf hin, Abstand zu halten. Und es gibt eigene Volksopern-Masken: Geschäftsführer Christoph Ladstätter und Direktor Robert Meyer 

© Kurier/Franz Gruber

Interview
09/02/2020

Volksopernchef Robert Meyer: „Bitte nur unter der Maske jubeln!“

Maßnahmen in Zeiten von Corona: Robert Meyer und Christoph Ladstätter schenken reinen Wein ein und gratis Wasser aus

von Thomas Trenkler, Peter Jarolin

Im Juli erfuhr Robert Meyer, Volksoperndirektor seit dem Herbst 2007, dass sein Vertrag im Sommer 2022 auslaufen wird. Denn Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer teilte ihm mit, eine Veränderung herbeiführen zu wollen. Seine letzten beiden Saisonen habe er sich, sagt der wienerischste aller Bayern (geboren 1953), natürlich anders vorgestellt. Denn er glaubt, dass wir noch lange an der Epidemie „kiefeln“ werden. Aber er ist – zusammen mit Christoph Ladstätter, dem kaufmännischen Geschäftsführer – wild entschlossen, die Corona-Krise zu meistern.

KURIER: Die Volksoper startete musterschülerhaft am 1. September ...

Christoph Ladstätter: Andere verlegen gerne den Saisonbeginn, weil die Auslastung Anfang September schwach ist. Wir sind daher auch heuer das einzige Theater, das tatsächlich zu spielen begonnen hat.

Wie viele Leute dürfen aufgrund der Epidemie überhaupt kommen?

Ladstätter: Wir können von den 1.245 Sitzplätzen aufgrund der geltenden Abstandsregeln bis zu 900 anbieten. Besuchergruppen – aus der gleichen Familie oder einem Freundeskreis – dürfen nebeneinandersitzen. Und daneben müssen links und rechts Plätze frei bleiben.

Das ist die sogenannte dynamische Saalbelegung, die von allen Bundestheatern angewandt wird.

Robert Meyer: Genau. Zudem verkaufen wir keine Stehplätze. Und die Karten werden personalisiert. Das braucht Zeit. Unser Publikum ist zum Glück sehr geduldig. Denn es ist froh, überhaupt in eine Vorstellung gehen zu können.

Sie können also bis zu 72 Prozent der Plätze anbieten. An der Einnahmensituation ändert sich daher nicht so viel. Denn die Auslastung betrug ja in etwa 80 Prozent.

Ladstätter: Das stimmt nicht. Bis zum Beginn des Lockdowns am 11. März hatten wir eine Auslastung von 89,5 Prozent. Und es gab 1,2 Millionen Euro an Mehreinnahmen. Es war die beste Saison, seit Aufzeichnungen existieren. Aber ja, in der Saison 2018/’19 lag die Auslastung bei etwas über 80 Prozent.

Aufgrund des geringeren Platzangebotes werden Sie nun also immer ausverkauft sein …

Ladstätter: Naja, es gibt auch Vorbehalte. Der Vorverkauf lief zum Teil zögerlich. Die steigenden Infektionszahlen erzeugen bei unserer Klientel nicht unbedingt eine große Euphorie. Zudem fehlen die Touristen.

Spielen die überhaupt eine Rolle?

Ladstätter: Schon! Wir haben normalerweise 20 Prozent Touristen.

Wie können Sie dem vielleicht verängstigten Publikum ein Gefühl der Sicherheit geben?

Meyer: Unsere Besucher halten sich sicher an die Vorgaben. Wir vertrauen darauf, dass das Publikum während der Vorstellung die Maske trägt. Auch wenn es keine Pflicht gibt. Wir werden die ersten Wochen zudem keine Buffets offen haben.

Im Gegensatz zur Staatsoper, zum Burgtheater, zum Konzerthaus und anderen. Warum diese Vorsicht?

Ladstätter: Wir wollen schauen, wie wir das hier, in den engen Räumlichkeiten, bewerkstelligen können. Die Staatsoper hat im Vergleich große Pausenräumlichkeiten, da kann man leichter Abstände einhalten. Aber man muss natürlich etwas trinken. Wir geben daher Vöslauer-Mineralwasser aus – gegen eine freiwillige Spende. Und wir verzichten auf die Garderobengebühr. Es soll kein Hantieren mit Geld geben. Zudem testen wir die Mitarbeiter, die in der künstlerischen Produktion engen Kontakt miteinander haben müssen, mindestens einmal in der Woche. Und wir haben ein umfangreiches Präventionskonzept. Wir halten die Regeln – in Abstimmung mit der Gesundheitsbehörde – nicht nur ein, wir setzen sogar mehr Maßnahmen als vorgeschrieben.

Warum programmieren Sie Opern mit Pausen? Die Salzburger Festspiele haben darauf verzichtet.

Meyer: Wir haben praktisch keine Oper ohne Pause im Repertoire. Und wir überlegen sehr wohl, welche Stücke wir zusammenstreichen könnten, damit wir ohne Pause durchkommen. Das wäre bei der „Fledermaus“ möglich – mit einem Erzähler. Ich glaube, dass man auch „Die lustige Witwe“ und „Wiener Blut“ und „Die Zirkusprinzessin“ auf diese Weise aufführen kann. Wie gesagt: Wir überlegen das.

Warum erst jetzt? Sie wissen seit März, dass es Corona gibt – und nicht plötzlich verschwinden wird.

Meyer: Wir sind ein Riesenbetrieb! Das lässt sich nicht so schnell realisieren. Und ich finde schon, dass man dem Publikum das Programm, das wir geplant haben, bieten soll – wenn man es aufgrund der Verordnungen darf.

Und wenn es aufgrund der steigenden Infektionen zu gröberen Einschränkungen kommt?

Ladstätter: Wir wissen noch immer nicht, was das Gesundheitsministerium vorschreiben wird. Aber ich nehme an, dass man nicht die Pause verbieten oder die Aufführungsdauer beschränken, sondern die Besucherzahl reduzieren wird. Das wird die Challenge sein. Und darüber haben wir mehr nachgedacht als über die Kürzung der Stücke.

Wenn sich ein Besucher während einer Vorstellung ansteckt: Wer übernimmt die Verantwortung?

Ladstätter: Dafür kann niemand die Verantwortung übernehmen. Es gibt auch die Eigenverantwortung. Jeder muss selber wissen, ob er eine Opernvorstellung besuchen will. Aber es sollte eigentlich nichts passieren. Auch deshalb, weil wir den Zuschauerraum und das Bühnenhaus vor jeder Vorstellung desinfizieren und es einen permanenten Luftaustausch gibt, der alle Forderungen der Spezialisten übererfüllt.

Meyer: Ich kann zudem nur appellieren, daheimzubleiben, wenn man sich irgendwie mies fühlt. Das gilt auch für die Mitarbeiter. Und wenn man jubeln will: Bitte nur unter der Maske! Aber natürlich: Diese Spielzeit wird sehr schwer. Weil keiner von uns eine Pandemie erlebt hat. Keiner weiß, wie wir ohne größere Blessuren drüberkommen.

Der Lockdown war für alle Veranstalter bitter. Wie sieht nun Ihre finanzielle Situation aus?

Ladstätter: Dieses Jahr ist nicht das Problem, weil wir unsere Reserven aufbrauchen – und zusätzliche finanzielle Unterstützung bekommen. Ich hoffe nur, dass die Einstellung der Regierung, Kunst und Kultur am Leben zu erhalten, aufrecht bleibt. Denn wir haben langfristige Verträge – und müssen die Planung vorantreiben. Zudem ist uns das Sponsoring weggebrochen. Es gibt Unternehmen, denen es wirtschaftlich schlecht geht. Die können uns einfach nicht mehr unterstützen.

Das Theater an der Wien hat einen Bettelbrief verschickt. Planen Sie auch einen solchen?

Meyer: Wir bekommen eine Unterstützung für die Kurzarbeit, sind ein Staatstheater und subventioniert. Daher können wir nicht sagen: „Wir sind die Ärmsten der Armen, bitte spendet uns!“ Wir haben die Kartenkäufer allerdings darauf hingewiesen, dass sie das bereits eingezahlte Geld für die Vorstellungen, die wir nicht geben konnten, spenden können. Ich habe bei der Formulierung geschluckt. Denn ich bin ein totaler Gegner von solchen Bettelbriefen. Trotzdem haben wir 70.000 Euro bekommen. Ich war wirklich platt: Dass uns die Besucher so lieb haben, dass sie auf das verzichten. Das war eine Solidaritätsbekundung!

Einige Premieren konnten im Frühjahr nicht stattfinden. Welche Produktionen werden noch realisiert?

Meyer: Das ist eine Frage, die mich sehr freut. Denn wir konnten tatsächlich zwei Produktionen retten. Allerdings nicht für diese Spielzeit, die ja schon komplett geplant war, aber für die Saison 2021/’22. Das betrifft zum einem die Oper „Schönberg in Hollywood“ im Kasino am Schwarzenbergplatz und „Boris Godunow“ in der Regie von Peter Konwitschny. Ich werde mich also jetzt mit ganzer Kraft meinen letzten zwei Spielzeiten widmen.

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