© Wiener Staatsoper / Ashley Taylor

Kritik
02/12/2020

"Tosca“ bis "Cendrillon": Musiktheater von Klagenfurt bis Wien

"Tosca“ und "Elektra" an der Staatsoper, "Cendrillon" in Klagenfurt und "Die spinnen, die Römer" in Linz: Aktuelle KURIER-Kritiken.

„Tosca“ an der Staatsoper: Eine Diva von Weltformat

Bevor sich der Vorhang zu Giacomo Puccinis „Tosca“ (Reprise: 13. Februar) an der Wiener Staatsoper hob, galt es, eine der ganz Großen der Opernwelt zu würdigen: Dominique Meyer erinnerte mit einer Schweigeminute an Mirella Freni, die vor wenigen Tagen in Modena verstarb. Sie sang fast 100 Vorstellungen im Haus am Ring.

Doch der Betrieb muss bekanntlich weitergehen. In diesem Fall im Opernbilderbuch von Margarethe Wallmanns Inszenierung, die auch nach mehr als 600 Vorstellungen ungebrochen faszinieren kann, wenn die Richtigen auf der Bühne stehen. Das war bei Martina Serafin in der Titelrolle der Fall.

Die österreichische Sopranistin von Weltrang ist Diva, ist vor Eifersucht rasende Geliebte und naive Künstlerin, die zu Mord und Selbstmord getrieben wird. Ihre „Mario“-Rufe, ihr Entsetzen über die andere, die Attavanti auf Cavaradossis Gemälde wirken echt, ihr prachtvoller Sopran berührt auch in sanften, lyrischen Passagen.

Leicht hatte sie es jedoch nicht. Aleksandrs Antonenko plagte sich mit der Partie des Cavaradossi. Beklemmend muteten seine Versuche an, die hohen Töne zu stemmen. Željko Lucic behalf sich als Scarpia mit großen Gesten. In manchen Passagen ließ er durch schöne Phrasierungen aufhorchen, aber Durchschlagskraft ist seinem Bariton nicht zu attestieren. Jongmin Park verschaffte sich mit seinem kräftigen Bass als Angelotti Gehör. Alexander Moisiuc ergänzte als Mesner.

Dirigent Marco Armiliato leitete das Staatsopernorchester mit Verve. Er konnte sich dabei auch auf die philharmonischen Stärken der Musiker verlassen. Viele Bravos. Susanne Zobl

 

"Elektra“ an der Staatsoper: Zuhören und Wegschauen

Opernabende, die gebannt zuhören lassen wie die aktuelle Spielserie (Reprisen: 12. und 15. Februar) von Richard Strauss’ "Elektra“, sollten an einem Haus wie der Wiener Staatsoper musikalischer Standard sein. Die Betonung liegt auf musikalisch. Denn Uwe Eric Laufenbergs Inszenierung  lädt durchwegs zum Wegsehen ein. Das Szenario aber konnte Christine Goerke bei ihrem Debüt im Haus am Ring nichts anhaben. Als die Amerikanerin wortdeutlich ihren Monolog „Allein, allein“ anhob, zog sie mit ihrem dramatischen Sopran in ihren Bann. Virtuos changierte sie zwischen Ekstase und fein nuanciertem Gesang. Ihr „Orest“-Ruf war voller Emotion, die sie aber in Zaum hielt.

Zum Ereignis geriet die Begegnung Elektras mit ihrer Mutter Klytämnestra.Die war Waltraud Meier. Wie diese außergewöhnliche Mezzosopranistin ihre Stimme zart wie einen Hauch ertönen ließ, zwischen von Schuld und Angst geplagter Gattenmörderin und eiskalter Tyrannin oszillierte, war atemberaubend.  Simone Schneider war mit ihrem starken Sopran eine sehr gute Chrysothemis. Bariton Michael Volle zeigte einen sehr eleganten Orest.

Norbert Ernst ergänzte als Aegisth mehr als solide. Ildiko Raimondi war eine achtbare Magd. Auch die kleineren Rollen waren sehr gut besetzt. Semyon Bychkov setzte auf die Strauss-Kompetenz des Staatsopernorchesters, respektive der Wiener Philharmoniker. Urgewaltige Ausbrüche und magisch, schöne Passagen arbeitete er famos heraus. Lang anhaltender Applaus. Susanne Zobl

Jules Massenets „Cendrillon“ in Klagenfurt: Rundum gelungen

Klagenfurt.  Immer wieder verändern sie sich. Sie lassen uns wie durch Räume schweben und neue Räume öffnen. Und sie sind sehr stimmungsvoll, die Projektionen von  Jugendstilhäusern mit feinen Ornamenten aus der Entstehungszeit der Oper „Cendrillon“ von Jules Massenet um 1899, der Zeit der Belle Epoque.

David Hermann belebt diese stimmige Szenerie mit tollen  Ideen, viel Poesie und reichen Emotionen in einem ständigen Wechselbad der Gefühle und lässt mit immer wieder auftauchenden, skurrilen Gebilden sowie Lichtstimmungen Traum und Realität  verschwimmen (Bühne: Paul Zoller und Loriana Casagrande).

Diese Opernrarität ist ein herrliches Stück Musik und der Komponist ein Meister der feinen Zwischentöne. Diese weiß auch das Kärntner Sinfonieorchester unter Nicholas Carter  sehr sensibel und duftig zu musizieren. 

Gezaubert wird auch von den Sängern in heutigen Kostümen (Axel Aust): Angela Brower ist eine famose Titelheldin, bei der sich dramatische Aufschreie mit leichten Glückskoloraturen abwechseln. Ihr Mezzo passt auch genau zu jenem von Virginie Verrez, die die Hosenrolle des Märchenprinzen mit schöner Stimme singt.

Die böse Stiefmutter singt Agnes Zwierko mit reichem Vibrato. Die Rolle des  Pandolfe erfüllt Marian Pop  sehr gelungen. Gut  auch die beiden Stiefschwestern Keri Fuge (Noémie)  und Feride Büyükdenktas (Dorothée). Funkelnde Koloraturen  meistert Olga Dyadiv als Fee mühelos. Tadellos: Karl Huml (König), die kleineren Partien und der Chor. Helmut Christian Mayer

"Die spinnen, die Römer" in Linz: Monty Python in Rom überfordert ein junges Ensemble

In der Kategorie anspruchsvolles musikalisches Musiktheater gilt der 89-jährige Amerikaner Stephen Sondheim sowohl als Jahrhundertkomponist und -librettist als auch als Erneuerer tradierter Formen. Nachdem er den Text für Leonard Bernsteins „West Side Story“ geschrieben hatte, komponierte und textete er die intelligente, brachiale Klamauk-Komödie „Die spinnen, die Römer“ (Originaltitel „A Funny Thing Happened on the Way to the Forum“, 1962), die auch vier Jahre später von Richard Lester mit Zero Mostel verfilmt wurde. Monty Python im alten Rom lässt grüßen!

Das Werk hatte nun im Landestheater Linz unter der Regie von Matthias Davids Premiere. Dem Landestheater kann man zu der Entscheidung, 2012 Regisseur Matthias Davids zum künstlerischen Leiter der Musicalsparte zu ernennen, nur gratulieren. Er hat sein Ensemble mustergültig aufgebaut und erhielt auch zahlreiche Preise für seine Inszenierungen.

Doch mit der Wahl des Sondheim-Stückes hat er sein sehr bemühtes, spielfreudiges Ensemble doch überfordert. Gleich am Anfang heißt es „Heute keine Tragödie, es ist Komödie“. Für Komödie oder gar Klamauk bedarf es aber Erfahrung.  Die Hauptrollen hat Davids zu jung besetzt. Da gehen zu viele Feinheiten verloren, besonders im ersten Teil. Der ist noch dazu zu lang und hätte Striche gut vertragen.

Drei Damen eroberten zu Recht die Herzen des Publikums: Daniela Dett, Celina dos Santos und Lynsey Thurgar, die beweisen, dass sie in den Rollen als Sklaven, Bürger, Eunuchen, Piraten, und Soldaten von Komödie viel Ahnung haben. Sanne Mieloo (Domina) und Will Mason als Erronius können schauspielerisch überzeugen. Schlichtweg fehlbesetzt sind Hanna Kastner und Lukas Sansmann als Liebespaar Philia und Hero. Blasser geht’s nicht.

Wie immer ist es eine Freude, dem Bruckner Orchester unter Juheon Han zuzuhören. Kritisiert wird hier auf hohem Niveau. Dem Publikum gefällt’s und es geht beglückt nach Hause. Und das ist gut so. Markus Spiegel