© Werner Kmetitsch

Kritik
02/09/2020

"Don Giovanni" in Graz: Eine reizüberflutete Spaßgesellschaft

Mozarts „Don Giovanni“ am Opernhaus Graz: Musikalisch solide, inszenatorisch überzogen.

von Helmut Christian Mayer

Dieser Don Giovanni ist kein Edelmann. Aber warum er als ein, in einem Schlabberlook mit Kapuze gekleidetes, unscheinbares, herumschlurfendes Bürschchen ohne Noblesse gezeigt wird, dem dann die Frauen noch scharenweise nachlaufen, ist nicht nachvollziehbar.

Dabei sind diese wiederum durchaus mit eleganten Roben (Su Sigmund) ausstaffiert. Jedenfalls ist bei den Schickimicki-Typen in Wolfgang Amadeus Mozarts „Oper aller Opern“ am Grazer Opernhaus hauptsächlich Spaß angesagt.

Baldige Reizüberflutung

Jeder und jede nimmt sich, was man braucht. In einem modernen, schicken, mehrstöckigen, weißen, verschachtelten Haus (Annika Haller) hat jeder sein Zimmer und wird schon bei der Ouvertüre mit Riesenprojektionen am Haus vorgestellt. Nur: Projektionen, auch vom Handy, mit dem Giovanni ständig filmt und wo auch alle seine Verflossenen bildlich dokumentiert sind, und das ständige Drehen der Bühne sorgen bald für eine Reizüberflutung.

Vor allem, wenn bei den eigentlichen Ruhepunkten der Oper, wie etwa bei der herrlichen Arie „Dalla sua pace“, sich Donna Anna in Strapsen, mit denen sie meist herumläuft, lasziv in einer Riesenprojektion räkelt: So übermedialisiert im Heute und nicht immer schlüssig, teils banal interpretiert Elisabeth Stöppler Mozarts Meisterwerk. Wenig Dämonie hat auch die Schlussszene, bei der der Titelheld erschossen wird.

Kerniger Titelheld

Qualitativ unterschiedlich ist auch das Ensemble, bei dem vor allem zwei Herren hervorstechen: Markant hört man den wohlklingenden Bariton des Neven Crnic als Leporello mit der besten Leistung des Abends. Alexey Birkus ist ein zu wenig präsenter aber sehr kerniger Titelheld. Pavel Petrov ist ein schönstimmiger, blasser Don Ottavio. Solide: Dariusz Perczak (Masetto) mit Motorrad und Dmitrii Lebamba (Komtur) ohne Dämonie. Anna Brull (Donna Elvira) singt mit viel Power, Katerina Tretyakova (Donna Anna) mit teils schrillen, hohen Tönen. Tadellos: Eva-Maria Schmid (Zerlina) und der Chor.

Vor allem anfänglich schafft es Andrea Sanguineti, teils mit unorthodoxer Schlagtechnik am Pult der Grazer Philharmoniker nicht immer mit den Sängern konform zu sein, was auch an seinen, extrem forschen und schwer singbaren Tempi liegt. Entbehrlich erscheinen seine am Hammerklavier immer wieder gespielten fremden Zitate. Man produziert aber auch feinsinnige und dramatische Akzente. Jubel!

Infos und Karten: www.oper-graz.com

KURIER-Wertung: ***