© Mathias Braschler/Monika Fischer

Fotografie
10/20/2020

Tief gespalten: Menschenbilder aus den USA des 21. Jahrhunderts

Das neue Fotobuch „Divided We Stand“ porträtiert US-Amerikaner verschiedenster Herkunft und Weltanschauung

von Michael Huber

Wer immer versucht, die Stimmungslage in den USA vor der anstehenden Präsidentenwahl zu messen, entdeckt dasselbe Motiv: Das Land ist tief gespalten, die weltanschaulichen Fronten sind verhärtet.

Brüche verlaufen nicht nur zwischen Stadt und Land, Nord und Süd, Küsten und Binnenstaaten, sondern auch quer durch Familien, die es etwa zunehmend vermeiden, einander zum Thanksgiving-Dinner zu treffen, wie eine Studie mit Handydaten ergab.

Statistiken ergeben aber ein unvollständiges Bild – weswegen das Schweizer Fotografenpaar Mathias Braschler und Monika Fischer beschloss, den Menschen direkt ins Gesicht zu schauen.

Gemeinsam entzweit

Für ihr Fotobuch „Divided We Stand“ reiste das Paar durch 40 US-Bundesstaaten. Ihr Wagen beinhaltete ein mobiles Studio, das es ermöglichte, Menschen vor neutral weißem Hintergrund abzulichten. Die Porträtierten geben im Buch bloß kurze Statements ab: Eine Waffenhändlerin erklärt etwa, dass sich Feuerwaffen unter republikanischen Präsidenten schlechter verkaufen, weil dann niemand aus Angst vor Verschärfungen der Waffengesetze Hamsterkäufe tätige. Ein Rancherjunge erklärt nur, dass er gern fischen und jagen gehe. Der Lehrer aus der Amish-Gemeinde mag Trump nicht, hat ihn aber trotzdem gewählt.

Don Jackson, Sheriff, Texas

David Geiger, Lehrer aus der Amish-Gemeinde, Wisconsin

Bradford Schlei, Hollywood-Produzent

Cliff Broussard und Thor Delcambre, Waffenhersteller, Louisiana

Ronald Lue-Sang, Softwareingenieur im Silicon Valley

Philip Whiteman Jr., Cheyenne-Häuptling, Montana

Pamela Burke, Waffenladenbesitzerin, Pennsylvania

Kristal Allen, Mutter von acht Kindern, Mississippi

Royce Smith, Rancherjunge, Oregon

Braschler/Fischer: "Divided We Stand", Hartmann Books, 39 €

Das Buch reiht sich in eine lange Historie von Versuchen, die Essenz der Bewohner eines Landes fotografisch einzufangen: In den 1920er Jahren schickte sich der Fotograf August Sander an, „Menschen des 20 Jahrhunderts“ in einer groß angelegten Serie zu erfassen. Die Schau „The Family of Man“ 1955 im New Yorker MoMA behauptete, mit Fotografie die Universalität menschlicher Empfindungen auf der ganzen Welt zeigen zu können; der Schweizer Robert Frank entwarf aber wenig später auf seinem US-Roadtrip, der zum Buch „The Americans“ führte, ein deutlich brüchigeres Bild.

In einer Zeit, in der sich US-Amerikaner (und nicht nur sie) zunehmend durch Ablehnung der „Anderen“ definieren, kommt eine neue fotografische Status Quo-Analyse also zur rechten Zeit. Sie behauptet nicht, dass alle eine Familie seien. Aber sie beharrt auf der Menschenwürde jedes einzelnen.

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