Foto von Christian Skrein: Die Beatles am 13. März 1965 nach der Landung in Salzburg, um Szenen für den Film „Help!“ zu drehen

© Skrein Photo Collection

Interview
08/15/2021

Skrein: „Unsere Foto-Sammlung gilt als die größte private der Welt"

Der ehemalige Fotoreporter Christian Skrein über seinen Lebensweg, seine riesige Fotosammlung – und seine Idee eines Fotomuseums

von Thomas Trenkler

Es hat natürlich einen Hintergrund, warum das Museum der Moderne auf dem Salzburger Mönchsberg noch bis 17. Oktober die „Skrein Photo Collection“ präsentiert. Denn die Ausstellung „Tell Me What You See“ führt in zwölf raffiniert zusammengestellten Kapiteln vor Augen, dass Christian Skrein im letzten halben Jahrhundert tatsächlich alles gesammelt hat, was im Bereich der Schwarz-Weiß-Fotografie Rang und Namen und Bedeutung hat: Eine „Ikone“ reiht sich an die andere. Der öffentlichen Hand würde also doch einiges entgehen, wenn sie das Angebot von Skrein – eine Dauerleihgabe unter bestimmten Voraussetzungen – ausschlagen würde.

 

Christian Skrein kam in den letzten Kriegstagen 1945 – just an Adolf Hitlers Geburtstag – in Wien zur Welt. Aber längst ist der ehemalige Fotoreporter ein echter Salzburger geworden. Seit 1977 bewohnt er eine alte Villa in St. Gilgen – nicht unmittelbar am Wolfgangsee, aber mit grandiosem Blick auf diesen. Im Garten, an der dicken Havanna eher lutschend denn diese rauchend, erzählt er jovial aus seinem Leben.

KURIER: Sie waren schon äußerst früh Fotoreporter. Wie kam es eigentlich dazu?

Christian Skrein: Ernst Haas, ein Freund unserer Familie, hat mich zum Fotografieren gebracht. Mit 16 Jahren hab’ ich mir als Hilfsportier im Hotel Prinz Eugen gegenüber dem Südbahnhof in Wien eine Rolleiflex verdient. Und als ich sie hatte, fühlte ich mich als Fotoreporter. Ich bat einen alten Freund meines Stiefvaters, Ludwig Polsterer, mir einen Presseausweis auszustellen. Polsterer war bis 1972 der Eigentümer des KURIER. Dieser Ausweis war der Sesam-öffne-Dich. Ich hab’ ihn bis heute: Er ist orange, mit meinem Porträt, und drinnen steht „Fotoreporter“.

Das war 1962. Und wenig später fotografierten Sie die noch unbekannten Beatles.

Ich war eben in Hamburg im Star Club, als sie dort spielten. Sie teilten die Menschen in „Winner“ und „Loser“ ein. Weil ich für sie ein Winner war, bat ich sie, mich zu verständigen, wenn sie nach Österreich kommen. Und tatsächlich: 1965 luden sie mich als Pressefotografen zu den Dreharbeiten nach Obertauern ein. Ich fotografierte sie bereits bei ihrer Ankunft in Salzburg – dabei entstand das Foto mit dem Steirerhut, das mittlerweile weltberühmt in Österreich ist.

Sie fotografierten ja nur ein paar Jahre. Wie schafften Sie es, in der kurzen Zeit so viele Promis und Künstler – von Christian Ludwig Attersee bis zu Christo und Joseph Beuys – zu porträtieren?

Alles reine Zufälle! Ich ging eben zu den Pressekonferenzen am Vormittag, und von den anderen Fotografen erfuhr ich zum Beispiel, dass am Abend Curd Jürgens beim Mayer am Pfarrplatz sein wird. Und die Fotos hab’ ich dann verkauft – an Stern, Quick, Frau im Spiegel und Neue Illustrierte. Auf diese Weise lernte ich auch Catherine Deneuve kennen. Ich durfte sie im Bett ihres Hotelzimmers fotografieren.

 

1966 sollen Sie mit der Fotoreportage aufgehört haben.

Ich war damals sicher der bekannteste Fotoreporter. Daher machte ich ein Studio auf und fotografierte Mode – etwa für die Vogue. Dann wurde ich Werbefotograf. Und 1969/’70 war mir klar, dass ich in diesem Bereich fast alles erlebt habe. Ich sagte zu mir: „Ich werde Filmemacher.“ Seither fotografiere ich nicht mehr. Beziehungsweise nur mehr privat.

Schon davor begannen Sie, Fotografien zu sammeln?

1968 hatte ich mehr oder weniger alle wichtigen Künstler durchfotografiert. Und ich stellte fest, dass andere Fotografen das viel besser können als ich. Ich war ja ein Greenhorn gewesen.

Man könnte auch sagen: ein Amateur. Denn Sie haben ja keine Lehre gemacht.

Falsch! Ich habe sogar einen Meisterbrief! Aber es stimmt: Ich hatte zunächst keinen Gewerbeschein, hätte also eigentlich nicht als Fotoreporter arbeiten dürfen. Wir waren aber eng befreundet mit Bundeskanzler Bruno Kreisky und Minister Josef Staribacher. Ich war daher nur ein paar Wochen in der Lehre, dann durfte ich zur Meisterprüfung antreten.

Sie begannen also mit dem Sammeln. Nach welchen Kriterien? Ging es Ihnen um bekannte Namen, die Qualität der Ausarbeitung, das Motiv?

Ich sammle eigentlich ab 1850 nur bis zum Jahr 1970 und in Schwarz-Weiß. Mir geht es immer um den „Human Touch“, um das Zusammenleben der Menschen, den gegenseitigen Respekt – und um das „Nie vergessen“. (Der Vater von Christian Skrein, der Journalist Raoul Bumballa, war ab 1938 viereinhalb Jahre im KZ Dachau, danach engagierte er sich in der österreichischen Widerstandsbewegung O5, Anm.) Daher ist mir z. B. ein Foto von Jewgeni Ananjewitsch Chaldej wichtig. Es zeigt ein jüdisches Paar 1945 im Getto von Budapest. Oder: Das Regierungsbild von Nelson Mandela aus 1994. Ich habe den allerersten Print – mit dem Mikrofon, das dann immer wegretuschiert wurde. Oder: Alle kennen das Foto von Marilyn Monroe mit dem wehenden Kleid über dem Luftschacht. Aber schon etliche Jahre davor, 1932, fotografierte Friedrich Seidenstücker die gleiche Situation. Das interessiert mich!

 

Die Fotos, die Sie erwähnen, hängen derzeit im Museum der Moderne. Die Ausstellung ist eine Ansammlung von Ikonen: Marc Ribouds kecker Eiffelturm-Streicher, die Kussszene 1945 am Times Square von Alfred Eisenstaedt, das Lama von Inge Morath, der Schnappschuss von Joe Shere aus 1957 mit Sophia Loren, die Jayne Mansfield in den Busen starrt. Bis hin zum Funkbild, das den Fußabdruck von Neil Armstrong zeigt.

Das erste Bild, das vom Mond zur Erde gelangte! Das ist das Original!

Sie haben, wie es scheint, alles. Abgesehen von Farbfotografien. Sammeln Sie auch Hitler-Bilder?

Nein. Mit der Nazi-Zeit gehe ich sehr distanziert um, auch wenn wir sie in der Sammlung haben. Wir zeigen daher keine Hitler-Bilder.

Aber zu sehen ist ein Foto von der Reichsautobahn – und von den Olympischen Spielen 1936 in Berlin.

Die Turmspringerin ist eben das beste Foto, das Lothar Rübelt je gemacht hat. Generell gilt: Wir, meine Frau Maria und ich, sammeln nichts, was grauslich ist. Aber natürlich gibt es Ausnahmen, etwa das Foto von Eddie Adams der Exekution eines Vietcong-Gefangenen aus 1968 oder jenes von Nick Út des Napalm-Mädchens 1972. Das sind eben wichtige Bilder.

 

Sie sammeln weiterhin?

Nein, eigentlich nicht, aber dann doch. Denn wenn uns ein Bild gefällt, dann kaufen wir es. Wir brennen nach wie vor für die Fotografie.

Wie groß ist Ihr Bestand? Etwa eine Million Fotos?

Ich habe die Bilder nicht gezählt. Wir haben zum Beispiel allein 450.000 Schnappschüsse, 12.000 Fotos der Fluggeschichte und so weiter. Unsere Sammlung gilt als die größte private der Welt.

Sie plädieren seit ein paar Jahren für ein Fotomuseum – und würden Ihre Sammlung als Dauerleihgabe zur Verfügung stellen. Was soll dieses Museum können?

Die Sache ist sehr politisch, ich muss daher aufpassen, was ich sage. Also: In unserem Kulturkreis – wir sind nicht in den USA – sind Privatmuseen eine Krücke. Sie symbolisieren ein Manko des Staates. Und sie stehen immer im Geruch, dass sich die Sammler ihr Museum gemacht haben – zum Beispiel aus Eitelkeit. Daher: Ich will kein Skrein-Museum! Wir, meine Frau und ich, wollen ein österreichisches Bundesmuseum der Fotografie. Und wir wollen es in Salzburg. Alle Bundesmuseen sind in Wien, aber Österreich hat neun Bundesländer. Warum also nicht ein Bundesmuseum in Salzburg? Daher mein Appell an die Politik: Strengt Euch an!

 

Landeshauptmann Wilfried Haslauer kämpft um ein solches Museum. Aber Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet: Was soll dieses Museum leisten?

Ich sage vielleicht banale Sachen, aber sie sind nicht ganz deppert: Das Foto verbindet die Menschen. Es hat noch nie so viele Fotografen gegeben wie heute.

Weil jeder ein Smartphone hat. Und weil es Instagram gibt. Jeder Mensch ist ein Künstler, wie Beuys sagte.

Richtig. Und: Die Fotografie ist Erinnerung. Sie hält fest, was nicht vergessen werden soll.

Das gilt aber nicht nur für sie. Vor der Entwicklung der Fotografie erfüllten Holzschnitte, Drucke, Radierungen diese Aufgabe.

Natürlich: Es beginnt praktisch mit der Höhlenmalerei. Aber jetzt sind wir an einer Art Endpunkt angelangt. Ein Bundesmuseum für Fotografie sollte daher eine Anlaufstelle sein – für die Fotografen, für Verlassenschaften, für Sammlungen.

Aber wenn alles gesammelt wird, dann ufert das Sammelgebiet ins Unendliche aus. Denn dann müssten ja auch künstlerische Fotoüberarbeitungen – etwa von Arnulf Rainer – gesammelt werden. Und die Fotocollagen. Oder die Architekturfotografie, die Röntgenaufnahmen, die Makrofotografie, die Werbefotografie, die Food Photography und so weiter.

Ja, auch Pressefotografie, Dokumentarfotografie, Luftaufnahmen, Kriminalfotografie, Glasplatten. Alles, was mit der Abbildung zu tun hat. Analog und digital, Farbe und Schwarz-Weiß. Wenn es eine Abgrenzung geben soll: Die Fotos, die zum Beispiel die Grundlage für die Siebdrucke von Andy Warhol bilden, könnten gesammelt werden, die Kunstwerke aber nicht. Aber mir geht es gar nicht so sehr um das Sammeln, sondern um die Vermittlung.

Sie haben auch schon einen Lieblingsstandort – auf dem Mönchsberg neben dem Museum der Moderne.

Ja. Hans Hollein, ein Urfreund, entwarf in den 90er-Jahren Pläne für ein Guggenheim-Museum im Mönchsberg. Also dort, wo mit dem Museum der Moderne eine Infrastruktur zum Greifen nahe ist, sollte das Fotomuseum realisiert werden. Oder man baut es direkt an.

Auch der Peter Coeln, Gründer der Foto-Institutionen WestLicht und OstLicht, träumt von einem „nationalen Haus der Fotografie“ – allerdings in Wien.

Und Alfred Weidinger, der neue Direktor des Oberösterreichischen Landesmuseums, arbeitet subtil an einer solchen Institution in Linz.

Wie zerschlagen Sie also den Gordischen Knoten?

Es stimmt: Kein anderer in Österreich hat derart viel für die Fotografie geleistet wie Peter Coeln als Händler. Daher: Danke, Peter! Aber für meine Frau und mich ist klar: Wenn man unsere Sammlung als Dauerleihgabe möchte, dann muss man dieses Bundesmuseum in Salzburg machen. Salzburg ist strategisch günstig gelegen – und zumindest sechs Wochen im Jahr, während der Festspielzeit, die Kulturhauptstadt Österreichs. Über eine Zusammenlegung unserer Sammlungen haben wir nie mit Peter Coeln geredet, das ist kein Thema.

Angenommen, das Fotomuseum würde realisiert: Sollte es die Bestände der anderen Bundesmuseen bekommen?

Ich weiß, worauf Sie hinauswollen. Die Museumsdirektoren sind geschlossen gegen ein Fotomuseum.

Weil es Befürchtungen gibt.

Daher: Jeder soll seine Sammlung behalten! Es gibt sensationelle Sammlungen – in der Albertina, im MAK, in der Nationalbibliothek, auch im Wien Museum. Jeder soll stolz darauf sein, was er gesammelt hat! Aber trotzdem kann es zusätzlich ein Fotomuseum geben. Die Fotografen, die Galeristen, die Kunsthändler und auch die Kulturinteressierten sprechen sich dafür aus.

Für Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer von den Grünen hat ein solches Fotomuseum aber keine Priorität – in Zeiten der Pandemie.

Es stimmt: Es braucht den politischen Willen.

Wie lange wollen Sie zuwarten? Sie sind 1945 geboren …

Wenn man sich zurückerinnert, wie lange es bis zur Realisierung des Leopold Museums gedauert hat, stellt sich tatsächlich die Frage, ob ich dieses Fotomuseum noch erleben werde.

Wie lange wollen Sie zuwarten? Bis zu Ihrem 80er?

Das wäre eine Möglichkeit. Ich warte aber auch bis zum 100er.

Und wenn es kein Bundesmuseum geben sollte? Gibt es einen Plan B für Ihre Sammlung?

Den gibt es. Aber darüber rede ich noch nicht. Wie Sie sich aber vielleicht vorstellen können: Es gibt ein internationales Interesse, die Sammlung zu übernehmen.

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