© Thomas Trenkler

Kultur
08/01/2021

Vedova und Nono: Der Tyrann, der Terror und die Toleranz

Anlässlich der Neuproduktion von „Intolleranza 1960“ rollen die Salzburger Festspiele die Entstehungsgeschichte auf

von Thomas Trenkler

Wer nächtens am Salzburger Festspielbezirk vorbeikommt, wird mit Parolen wie „Libertà al popoli!“ konfrontiert. Die Projektionen verweisen auf eine zentrale Produktion: auf „Intolleranza 1960“ des italienischen Komponisten Luigi Nono, der 1990 in seiner Heimatstadt Venedig starb.

Intendant Markus Hinterhäuser, der wenig später die Aufführung von Nonos „Prometeo“ – ein gewaltiges Hörerlebnis – initiiert hatte, wollte die „Azione scenica“ bereits 2020 zum 100-Jahr-Jubiläum des Festivals realisieren. Weil es „das Stück der Stunde, das Stück für diese Zeit“ sei.

Die Epidemie verunmöglichte dies. Daher hat „Intolleranza 1960“ erst heuer Premiere – am 15. August in der Felsenreitschule. In der Regie von Jan Lauwers (Need Company) mit einer riesigen Zahl an Beteiligten, darunter mit den Wiener Philharmonikern unter Ingo Metzmacher, dem Staatsopernchor sowie Tänzerinnen und Tänzern.

Doch auch das Jahr 2021 ist ein perfekter Zeitpunkt. Denn Luigi Nono beendete die Arbeit an der Partitur am 7. März 1961. Und die Uraufführung fand am 13. April am Teatro La Fenice statt. Sie war von einem Skandal überschattet. Denn Neo-Faschisten erregten sich über den flammenden Protest von Nono, der in der Mussolini-Diktatur als Partisanenkämpfer der kommunistischen Partei beigetreten war, gegen Intoleranz und Unterdrückung.

Den Auftrag zum Werk hatte Mario Labroca, Direktor der Biennale Venedig, gegeben. Für das Libretto verwendete Nono Texte von Angelo Maria Ripellino, Henri Alleg, Bertolt Brecht, Paul Éluard, Julius Fučík, Wladimir Majakowski und Jean-Paul Sartre.

Hinterhäuser spricht von einer Passionsgeschichte: Ein Gastarbeiter will in seine Heimat zurückkehren. In der Stadt gerät er zufällig in eine nicht genehmigte Friedensdemonstration, er wird von der Polizei verhaftet, gefoltert – und schließlich in ein Konzentrationslager verbracht.

Zusammen mit einem Algerier gelingt ihm die Flucht, doch nun wird er mit dem Wahnsinn des heutigen Lebens konfrontiert. Zusammen mit einer Frau kämpft er vergeblich für eine bessere Welt: Sie sterben qualvoll.

Bruch mit Traditionen

Für die Ausstattung verpflichtete Luigi Nono seinen Freund, den venezianischen Maler Emilio Vedova. Der Impetus war, Seh- und Hörgewohnheiten zu brechen, etwas Neuartiges zu schaffen.

Einen Einblick in den Entstehungsprozess geben die Festspiele mit einer von Margarethe Lasinger konzipierten Ausstellung auf der Empore des Pausensaals. Zu sehen sind Bühnenbild- und Kostümentwürfe, Fotos, Plakate und Blätter der Partitur. Die Schau, leider nur an Vorstellungsabenden zu sehen, entstand in Zusammenarbeit mit Witwe Nuria Schoenberg Nono, dem Archivio Luigi Nono sowie der Fondazione Emilio e Annabianca Vedova.

Im Zentrum der Inszenierung stand eine riesige, gezackte Eisenskulptur, in der sich die Protagonisten verfangen. Vedova hätte dabei, so Isabel Herzfeld, auf ein früheres Werk, „Konzentrationslager – Menschen und Stacheldraht“ (1950), zurückgegriffen. Zudem gab es eine Fülle von Projektionen – nicht nur auf die Bühne, sondern auch in den Zuschauerraum: „Zusammen mit der von allen Seiten einfließenden elektronischen Musik sollte das Publikum einer totalen Überlagerung von Klang, Bild und Schauspiel ausgesetzt, damit ein Teil der Handlung werden“. Die Fotos in der Ausstellung vermitteln die Wucht.

Hoch interessant sind die im Katalog abgedruckten Tagebuchaufzeichnungen von Carla Henius, die eine Muse von „Gigi“ Nono war und als „das Weib“ mitwirkte. Sie berichtet, dass man einen zusätzlichen Korrepetitor engagiert hatte, „weil die zum Theater gehörenden Repetitoren in Panik gerieten vor Tonband-Einschüben“. Sie erzählt über ein erstes Treffen mit dem aus Prag angereisten Regisseur Václav Kašlík, der nur gejammert hätte: Alle Welt würde ihm in seine Regie dreinreden, Vedova verstünde nichts vom Theater.

Den Maler beschreibt sie als „Riesen mit mächtigem schwarzen Vollbart“, dessen Frau sei eine „Principessa“, die herrliche Smaragde trage – „und die er fürchterlich terrorisiert“. Vedova kommt bei Carla Henius nicht gut weg: Er führe sich „wie ein Tyrann auf, den man nicht anreden darf, wenn er nicht will“.

Über die Uraufführung berichtet die Sängerin: „Die Faschisten machen organisierten Skandal. (...) Sie pfiffen von Anfang an, schmissen auch Stinkbomben.“

Tod dem Faschismus

Während der Folterszene riefen sie „Viva la polizia!“ Mario Labroca, der Direktor, sei „weiß wie die Wand“ auf und ab gerannt. Am Schluss hätte das Publikum die Pfeifer mit Bravos zugedeckt, die 200 Komparsen hätten das Werk gegen „den faschistischen Mob“ verteidigt, Nono und Bruno Maderna, den Dirigenten, auf ihren Schultern an die Rampe getragen.

Was man vielleicht ergänzen muss: Der Parole „Libertá al popolo!“, die von Vedova projiziert und von den Salzburger Festspielen rekonstruiert wurde, steht der Aufruf „Morte al fascismo!“ voran ...

Am 15. April 1961 war die zweite Vorstellung. Entgegen der Befürchtung gab es, so Henius, keine Störaktionen: „Stürmischer, einmütiger Applaus.“ Aber es gab nur 50 Zuhörer im Fenice, „dessen weit über tausend Plätze alle ausverkauft sind, wenn Herr von Karajan dort mit einem brillant-stupiden Programm auftritt. Auch das ist unsere musikalische Wirklichkeit.“

Im Frauenbad von Baden bei Wien trifft Arnulf Rainer auf Emilio Vedova

2016 wurde im Duisburger Museum Küppersmühle das expressive Werk von Emilio Vedova  mit jenem von Georg Baselitz in Verbindung gesetzt. Ähnlich ist der Ansatz der noch bis 5. September laufenden Ausstellung „Tizian schaut“ im Arnulf Rainer Museum von Baden:  Die Kuratoren Helmut Friedel und Fabrizio Gazzarri führen die künstlerischen Entwicklungen von  Vedova (1919 – 2006), der nach der Mussolini-Diktatur als Mitbegründer der Gruppe Fronte Nuovo delle Arti eine Erneuerung der Kunst anstrebte, und dem zehn Jahre jüngeren Arnulf Rainer parallel – von den gegenständlichen Anfängen (in den Umkleidekabinen des ehemaligen Frauenbads) bis zur informellen und gestischen Malerei.  Die Künstler verbanden  neben einer Freundschaft auch ähnliche Fragestellungen. In der Schau „antwortet“ Rainer z. B. mit korrespondierenden Farben. Spannend sind Vedovas   Format-Experimente und seine dreidimensionalen Malereien.

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