© APA/ORF/ROMAN ZACH-KIESLING

Interview
05/15/2021

ROMY 2021: Stardirigent Riccardo Muti - "Ohne Bildung gibt es nur Barbarei"

Der neapolitanische Stardirigent und die Wiener Philharmoniker haben noch viel vor: Muti über Musik, die keine Show sein, über Tanzen, Sorgen und seine Esel.

von Peter Jarolin

Es ist eine künstlerische Liebesbeziehung. Seit 50 Jahren steht Riccardo Muti ohne Unterbrechung jährlich mehrmals am Pult der Wiener Philharmoniker; da sind musikalische Sternstunden immer vorprogrammiert. Zu solch einer Sternstunde wurde auch das Neujahrskonzert 2021, das aber nicht nur aufgrund herrlicher Töne – Muti dirigierte es bereits zum sechsten Mal – in die Geschichte eingegangen ist.

Denn aufgrund der Pandemie mussten Dirigent und Orchester im Goldenen Saal des Musikvereins vor leeren Rängen, aber vor einem weltweiten Millionenpublikum an den Bildschirmen spielen. Und vor den Neujahrswünschen hielt der bald 80 Jahre junge Muti eine Rede, in der er den Politikern aller Couleurs folgendes ins Stammbuch schrieb: „Wir bringen Freude, Hoffnung, Frieden, Brüderlichkeit, Liebe. Meine Botschaft an die Regierenden in allen Teilen der Welt: Betrachten Sie Kultur immer als eines der vorrangigsten Elemente, um eine bessere Gesellschaft zu haben.“ Es war der TV-Moment des Jahres – und es gab die ROMYs für Muti und die Wiener Philharmoniker.

Spontanität

Der KURIER traf Riccardo Muti sowie Philharmoniker-Vorstand Daniel Froschauer im Vorfeld der Überreichung (stilgerecht nach einer Konzertprobe im Goldenen Saal) zu einem Gedankenaustausch. Hat Riccardo Muti seine Ansprache vorbereitet? Muti lachend: „Das kann ich doch gar nicht. Jedes Mal, wenn ich eine Rede vorbereitet habe, war ich so nervös, dass ich alles vergessen haben. Das war alles ganz spontan.“

Daniel Froschauer ergänzt: „Auch wir waren über die Deutlichkeit der Worte überrascht, aber Riccardo hat uns allen und wohl auch dem Publikum aus der Seele gesprochen.“ Die Philharmoniker und Muti – ist das also eine echte Seelenverwandtschaft? Muti: „Weit mehr als das. Ich darf seit inzwischen 50 Jahren dieses Orchesters dirigieren und ich habe von den Musikern und Musikerinnen unendlich viel gelernt. Eigentlich lerne ich immer noch“, so der Chefdirigent des Chicago Symphony Orchestra. Und Froschauer ergänzt: „Aber auch wir lernen von Riccardo sehr viel. Es ist ein Geben und ein Nehmen, das uns glücklich macht, denn oft genügen auch kleine Gesten, um eine maximale Wirkung zu erzielen.“

Show

Muti: „Das ist etwas, das mit Sorgen bereitet. Viele Dirigenten glauben heute, je wilder sie dirigieren, je mehr große Gesten sie setzen, desto besser wird das Werk. Dabei ist das alles nur Show. Ich bin kein Showman. Mein Lehrer, der großartige Antonino Votto, hat mir einmal gesagt: ,Riccardo, weniger ist immer mehr.’ Das haben auch Arturo Toscanini, Wilhelm Furtwängler oder mein enger Freund Carlos Kleiber so gehalten. Und sie sind sehr gut damit gefahren. Denn Musik ist keine Show, sie berührt unsere Seele. Und ohne Orchester bewegen wir Dirigenten nur unseren Arm in der Luft. Die Wiener Philharmoniker sind seit 50 Jahren Teil meines Lebens und wir haben noch einiges vor.“

Salzburg

Denn nach vorgezogenen Geburtstagskonzerten in Ravenna, Florenz und Mailand (sie haben schon stattgefunden, Anm.) steht für Muti im Sommer bei den Salzburger Festspielen im August eine Premiere an. „Ich habe noch nie in meiner langen Karriere Ludwig van Beethovens ,Missa solemnis’ dirigiert, das holen die Wiener Philharmoniker und ich heuer nach“, so Muti. Zufall oder Kalkül? „Muti: „Ich denke, für die ,Missa solemnis’ braucht es Zeit und Erfahrung. Denn hier spricht Beethoven aus dem Überirdischen zu uns. Ich habe bewusst gewartet und bin seit sechs Monaten nur mit dieser Partitur und ihrer Seele beschäftigt. Ich habe also die Zeit der Pandemie und der geschlossenen Häuser wenigstens noch irgendwie sinnvoll genützt. Denn in diesem Werk gibt es schwierige Passagen (beginnt eine vorzusingen, Anm.), die man ganz genau erarbeiten muss. Da ist es gut, die Wiener Philharmoniker als Partner zu haben.“

Staatsoper

Muti weiter: Das ist wie bei Richard Wagners ,Tristan und Isolde’ – man braucht das beste Orchester der Welt. ,Tristan’ habe ich übrigens auch noch nie dirigiert.“ Froschauer hakt ein: „Dann musst du das machen!“ Muti: „Aber wo und wann?“. Froschauer: „Mit uns!“ Muti: „Aber mit Staatsoperndirektor Bogdan Roščić gibt es keine Pläne. Ich bleibe dem Musikverein und damit dem Orchester aber weiterhin treu.“ Froschauer: „Was noch nicht ist, kann ja noch werden.“ Muti lachend: „Bitte denk an mein Alter.“

Stichwort Jugend: Wie wird Riccardo Muti seinen runden Geburtstag am 28. Juli feiern? „Mit meiner Frau, meinen Kindern und Enkelkindern, unseren Hühnern, dem Hahn und den beiden Donkeys in Ravenna.“ Donkeys? Muti: „Ja, meine Frau Cristina hat mit meiner Erlaubnis zwei der Hausesel gekauft. Sie sind groß und benötigen viel Zuwendung. Also wende ich mich ihnen zu. Wie auch den Hühnern, die brav Eier legen, und dem Hahn. Der Hahn ist übrigens der Chef in Haus.“

Seele

Doch zurück zur ROMY. Was bedeuten Muti und Froschauer diese Auszeichnungen? Froschauer: „Die Seele des Menschen ist die Musik. Das hat unser Orchester von Anfang der Pandemie an gelebt. Wir waren die Ersten, die wieder gespielt haben. Unter großen Auflagen und Schwierigkeiten. Aber es war für uns selbstverständlich, dass wir das Neujahrskonzert spielen. Gerade in der schweren Zeit hat es sehr geholfen, mit Maestro Muti zu musizieren.“ Und Muti ergänzt bei der Überreichung der Trophäen: „Was an diesem schwierigen Tag geschah, war so einzigartig, so berührend und so dramatisch, dass es unmöglich ohne die Musiker hätte geschehen können.“ Lachender Nachsatz von Muti: „Interessant ist, dass ich einen Walzer dirigieren – aber ihn nicht tanzen kann“, Meine Frau hat es einmal mit mir probiert, aber dann sagte sie: Nein, nein, weil ich ihre Füße umgebracht habe.“

Und im exklusiven KURIER-Gespräch: „Die ROMY bedeutet mir extrem viel. Aber noch wichtiger ist die Botschaft. Man darf die Schulen, die Bildung, die Kunst, die Musik nicht kaputt sparen. Aber genau das geschieht derzeit überall“, so Muti. „Wir müssen uns dagegen wehren, So gut es geht. Denn ohne Bildung, ohne ein Wissen über die Geschichte gibt es keine Zivilisation, sondern nur Barbarei.“ Zur Statue: „Ich habe schon einige Auszeichnungen erhalten, aber dass ich jetzt TV-Star bin, ist neu. Vielleicht sollte ich an eine Zweitkarriere denken.“

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.