Kultur
10.09.2017

Die vielleicht allerletzte Nicht-Abschiedstour

Es ist genug: Ein lebenslang den Rolling Stones Verfallener erklärt, warum er sein Amt niederlegt und zumindest als Konzertbesucher in den Ruhestand geht. Spielberg in einer Woche: ohne mich.

Ein Satz, den auch Nichtrockfans zum Thema Rolling Stones unfallfrei herstellen können, lautet "Die Band, die schon so oft ihre Abschiedstournee angekündigt hat", und er ist purer Unsinn.

Die Rolling Stones haben im Gegenteil penibel darauf geachtet, niemals von einer letzten Tour zu sprechen – obwohl sie von Journalisten seit Jahrzehnten darauf angesprochen werden. Sie haben das sogar einmal parodiert, auf der Pressekonferenz zum Start der "Fourty Licks"-Tour. Mick Jagger, in höhnischer Imitation eines blasierten Journalisten: "Herr Richards, ist das die letzte Tour?" Keith Richards: "Ja ... diese und die nächsten drei."

Alles andere wäre ja auch Unfug. Die Stones sind keine Band, sie sind ein Naturereignis. Sie können nicht in Pension gehen. Wir hielten es einmal für undenkbar, dass Mick Jagger mit 40 noch seine Triebe quer über Stadionbühnen Richtung Publikum entgleisen lässt. Dann hielten wir es undenkbar, dass er es mit 50 tut, mit 60 ... Jetzt geht er auf die 80 zu, und wir sind zu alt geworden, um noch irgend etwas undenkbar zu finden.

Fels

Die Stones, das wissen wir inzwischen, wird es immer geben, allenfalls werden sie irgendwann als Supernova explodieren, nach der letzten Zugabe des Universums. Oder sie werden einfach, langsam und unmerklich, zu Fels erstarren. Aber sie werden nie in Ruhestand gehen.

Aber ich werde das jetzt tun.

Ich lege mein Amt als treuester, liebevollster, tapferster Rolling-Stones-Fan der Welt hiermit zurück. Ich kann einfach nicht mehr, ich bin zu alt für den Scheiß. Es tut mir leid, die Herren, aber in Spielberg müsst Ihr das erste Mal bei einem Österreich-Konzert seit 40 Jahren ohne mich auskommen. Also ohne einen, der Euch bedingungslos liebend großartig findet, selbst wenn Keith gerade "Live With Me" spielt, der Rest der Band aber "She’s So Cold", wie in den Nullerjahren einmal erlebt.

Okay, es sind noch 90.000 andere da nächsten Samstag, aber die müsst Ihr überzeugen.

>>> Kritik: Der Tour-Auftakt in Hamburg

Steinbruch

Rolling-Stones-Fan zu sein, das ist ein harter Beruf, anstrengend, ermüdend, auslaugend, wie ein Job im, man verzeihe das unverzeihliche Wortspiel, Steinbruch. Ich übe diesen Beruf jetzt seit mehr als 40 Jahren aus, und nach 40 Beitragsjahren darf man doch in Pension, oder? Zumal der Job zunehmend belastender wurde.

Der Anfang war, wie die meisten Anfänge im Leben, ganz leicht. Ich war vielleicht sechs Jahre alt, da bekam mein Vater seinen Rolling-Stones-Schub. Mein Vater hörte und hört Musik anfallsartig, er hört monatelang das Gleiche und dann nie wieder.

Es gab einen Beatles-Schub, einen Ambros-Schub, einen Karl-Hodina-Schub, einen Udo-Lindenberg-Schub, einen Vivaldi-Schub (nur Trompetenkonzerte!) und einen für die Familie eher unerfreulichen Oberkrainer-Schub.

So um 1974 herum kam der Stones-Schub, zwecks Auslebung desselben erwarb mein Vater ein sogenanntes Doppel-Album mit dem selten blöden Titel "Rolling Stones: Ihre 30 größten Hits in Originalaufnahmen", welches er ununterbrochen spielte, vor allem im Auto (mithilfe eines sogenannten "Überspielkabels" auf Kassette übertragen, die Kassette spielte er im Auto auf einer Art Diktiergerät ab).

Heimat

Was ich da hörte, fühlte sich an, wie nach Hause zu kommen.

Seither weiß ich: Musik kann Heimat sein.

Interessanterweise waren es vor allem drei weniger bekannte Songs, die mich am meisten faszinierten. Da war "Tell Me", nach manchen Quellen das allererste Lied, das Jagger und Richards miteinander schrieben. Vordergründig ist das ein niedlicher Song über Liebesleid, aber die Instrumente erzählen eine andere Geschichte – die elektrische Gitarre knurrt zwischen die Akkorde der akustischen, das Schlagzeug dröhnt unheilvoll, Keith Richards heult eine manische Chorstimme, und wenn Jagger ruft "Tell me you’re coming back to me!", dann klingt das weniger wie eine Bitte als wie ein Befehl.

Ich hörte das als Kind, verstand natürlich nichts, war aber zutiefst fasziniert. (Georg Danzer hat mir einmal erzählt, dass auch ihn "Tell Me" zum Stones-Fan machte.)

Der zweite Song, der mich packte, war "We Love You", die nur als Single veröffentlichte Abrechnung der Stones mit der englischen Justiz und Scheinmoral (die Stones und andere Rock-Künstler wurden damals von Presse, Polizei und Gerichten gejagt): Schlüssel klirren, Kerkertüren fallen zu, Schritte und Klavierakkorde dröhnen, Chöre (mit Beatles-Unterstützung) und Bläser heulen, Gitarren und Synthesizer wimmern ... ein beängstigendes Hörspiel, komischer weise heute völlig vergessen.

Angst

Und dann war da noch "2000 Light Years From Home", diese eisige Darstellung absoluter Einsamkeit – dieses Lied ängstigte mich als Kind zu Tode, gleichzeitig liebte ich es. Als die Stones es 1990 in Wien tatsächlich live spielten, schrie ich vor Freude laut auf – als Einziger im Stadion, die anderen kannten den Song gar nicht und wollten lieber 15 Mal "Satisfaction" hören und sieben Mal "Start Me Up".

Erstes Mal

1982 sah ich mein allererstes Stones-Konzert und lernte eine wichtige Lektion: Stones-Fan zu sein, kann harte Arbeit bedeuten. Das Konzert war so erbärmlich schlecht, dass ich die ganze Kraft und Begeisterung meiner 14 Jahre alten Jugend brauchte, um mir das Ereignis halbwegs schönzulügen.

Aber so ist das ja oft in der Liebe: Erste Male sind selten wirklich gut.

Ich habe die Stones danach noch sehr, sehr oft gesehen, so oft, dass ich irgendwann aufgehört habe, mitzuzählen. Es waren furchtbare Konzerte darunter und auch großartige, die meisten waren irgendwo dazwischen. Ich habe es geschafft, alle irgendwie toll zu finden, auch wenn das oft bedeutete, nach Leibeskräften wegzuhören, wenn die Musik wieder einmal wackelte, als würde sie von einem Erdbeben erfasst.

Vor drei Jahren stand ich im Happel-Stadion, gemeinsam mit meinem Sohn, der gerade mit 14 sein erstes Stones-Konzert sah, und hörte ihn sagen: "Die sind ja gar nicht so schlecht!"

Da beschloss ich: Es ist genug. Ich möchte mit den Stones-Konzerten aufhören, bevor ich sagen muss, sie hätten mit den Konzerten aufhören sollen.