© Kerstin Behrendt

Fünf Löcher im Himmel
10/21/2014

Schamoni "interessieren keine gelungenen Lebensentwürfe"

Der Autor von Bestsellern wie "Dorfpunks" über sein neues, überraschend ernsthaftes Buch "Fünf Löcher im Himmel".

von Marco Weise

Rocko Schamoni, Autor von unverschämt unterhaltsamen Romanen wie „Dorfpunks“, schlägt in seinem neuen Buch überraschend nachdenkliche wie ernsthafte Töne an. Die Pointen sind dem in Hamburg lebenden Entertainer jedoch absichtlich abhandengekommen. Mit „Fünf Löcher im Himmel“ will der 48-Jährige nicht vorrangig Lacher ernten, sondern als Autor wachsen und den Ruf als Spaßvogel loswerden. Dieses Vorhaben könnte ihm mit der traurig-schönen Geschichte über das Leben von Paul Zech auch gelingen. Schamoni lässt seinen Protagonisten durch den Alltag stolpern. Der Mittsechziger hat weder Familie noch Arbeit und wurde gerade delogiert. Geblieben ist ihm nur sein Tagebuch – voller Erinnerungen an die Zeit als Teenager.

KURIER: Haben Sie selbst Tagebuch geführt?
Rocko Schamoni: Ja, als 17- bis 19-Jähriger. Es sind aber ziemlich idiotische Hinterlassenschaften, die ich irgendwann verbrennen werde.

Für was stehen die fünf Löcher im Himmel?
Sie stehen für jede Versuchung, in die Paul Zech gerät, wenn er kurz davor ist, seine Waffe gegen einen Menschen einzusetzen. Fünf Mal könnte er im Buch jemanden töten, fünf Mal entscheidet er sich dagegen. Am Ende schießt er diese nicht benutzten Patronen in den Himmel – fünf Löcher im Himmel.

Wie würden Sie Ihren Protagonisten beschreiben?
Über ihn lässt sich sagen, dass er sein Leben nie in eigenen Händen hatte. Erst am Ende versucht er sein Leben zu leben – und das hat schlimme Folgen.

Warum sind die Helden Ihrer Bücher stets Außenseiter?
Mich interessieren keine gelungenen Lebensentwürfe. Vor Kurzem habe ich mit der großen Goethe-Biografie von Safranski begonnen. Ich habe sie nach hundert Seiten gelangweilt zur Seite gelegt – sein Leben war einfach zu perfekt.

Besuchen Sie zu Recherchezwecken Kneipen, um gescheiterten Existenzen zu beobachten?
Ich habe Jahre in solchen Kneipen verbracht, die Bilder sind für immer in mir festgebacken, der Speicher reicht noch für lange Zeit. Ab und zu frische ich meine Erinnerungen etwas auf.

Ist "Fünf Löcher im Himmel“ ihr bisher unlustigstes Buch?
Das muss der Leser beurteilen. Ich kann aber sagen, dass ich mir zumindest jede Form von Witz gespart habe. Mal nicht nach Pointen suchen zu müssen, hat mir Freude bereitet.

Warum ging sich nicht mal ein Happy End aus?
Weil es nicht gepasst hätte. Warum muss eigentlich immer alles gut ausgehen? Tut es doch im Leben auch nicht. Nichts geht gut aus, alles geht schlecht aus, immer. Aber in diesem Fall ist es – meiner Ansicht nach – ein traurig schönes und schön trauriges Ende. Am meisten würde ich mich freuen, wenn die Leser danach eine Träne auf ihrer Wange haben.

Glauben Sie an Vorbestimmung?
Nein, ich glaube nicht an Schicksal, aber ich glaube an die Macht der Startbedingungen: So wie du aufwächst, so wie man zu dir ist, so wird dein Leben später auch sein. Du bist aus deinen Bedingungen gemacht.

„Jung und nutzlos, das ergibt einen gewissen Sinn. Wenn man älter wird, muss man sich für eine Position entscheiden in der Welt der Normalen“, schreiben Sie. Für welche Position haben Sie sich entschieden?
Ich bin und bleibe der Beobachter. Vieles von dem, was die Menschen machen, verstehe ich nicht – es ist grotesk, aber witzig und für mich unerklärlich. Vor diesen Irrtümern stehe ich staunend. Und über dieses Staunen schreibe ich dann.

Ist das Leben eine Ansammlung an Zufällen?
Das vermeintliche Chaos in dem wir leben ist ein Ablauf von geordneten Strukturen und Bewegungen, die so mannigfaltig und unübersichtlich sind, das wir sie als chaotisch empfinden, wir können schlicht ihre Wege und Ziele nicht voraus sehen. Es gibt also keine Zufälle, sondern nur zu wenig Intelligenz.

Sie sind jetzt 48 Jahre. Wie geht es Ihnen beim Älterwerden?
Ich finde alles schlecht daran. Fast alles. Über das Positive werde ich nicht reden, ich will ja nicht auch noch den Eindruck erwecken, als wenn mir das Kaputtgehen gefallen würde.

Wer sind die Menschen, denen Sie Ihre Romane widmen? Oder: Wie schaffe ich es mit meinem Namen ins Buch?
Sie brauchen bloß zu sterben, dann könnten Sie es in mein nächstes Buch schaffen. Ich erwähne in meinen Büchern immer diejenigen, die schon gehen mussten, das sind kleine Denkmäler.

Sie sind leidenschaftlicher Raucher. Wie sehr bestimmt die Zigarette ihr Leben, ihren Alltag? Werden Sie im WUK in Wien auf der Bühne (dort ist Nichtraucher) rauchen?
Ich bin kein leidenschaftlicher Raucher. Ich finde das Rauchen meistens ziemlich ekelhaft. Ich will es mir bloß, wenn ich mal Lust drauf habe, von niemandem verbieten lassen. Verfluchte Angstgesellschaft. Und ja, ich werde auf der Bühne rauchen. Bühnen sind zum Rauchen da.

Tipp: Rocko Schamoni ist heute, Dienstag, bei „Willkommen Österreich“ zu Gast (22 Uhr / ORFeins). Am 22. und 23.10. liest er im WUK in Wien (Währinger Straße 59).

Zur Person

Tobias Albrecht alias Rocko Schamoni arbeitet in Hamburg als Musiker, Autor und Entertainer. Sein zweites Buch „Dorfpunks“ (2004) wurde ein Bestseller. Zuletzt war der 48-Jährige in „Fraktus“ zu sehen, einem Film über eine fiktive 80er-Jahre-Band.

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