© Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Kultur
01/28/2020

Regisseurin Niermeyer: "Man muss die Demokratie verteidigen"

Amélie Niermeyer inszeniert an der Staatsoper "Leonore" und spricht über Beethoven, Meinungsfreiheit und Rechtswähler. (Von Susanne Zobl)

Amélie Niermeyer inszeniert die Urfassung von Ludwig van Beethovens „Fidelio“ an der Wiener Staatsoper. Premiere ist am 1. Februar. Mit dem Schriftsteller Moritz Rinke verfasste die deutsche Regisseurin neue Dialoge. Ein Gespräch über den Visionär Beethoven und wie wir uns in einer Zeit der gesellschaftlichen Polarisierung an ihm orientieren können.

KURIER: Haben Sie eine Erklärung dafür, weshalb die Uraufführung von „Fidelio“ keinen Erfolg hatte?

Amélie Niermeyer: Sie fand in einer Zeit des politischen Umbruchs statt, Napoleons Truppen waren gerade in Wien einmarschiert. Die Theater blieben leer. Beethoven selbst war mit einigen Längen in seiner Oper nicht zufrieden.

Wer ist Leonore, diese Frau, die sich in Gefahr begibt, um ihren Mann Florestan aus der Haft zu befreien, für Sie?

Leonore ist zunächst eine Frau voller Zweifel und Ängste. Ihr Mann ist verschwunden, sie weiß nicht, ob er im Untergrund tätig ist. Sie weiß nur, dass er im Gefängnis ist, weil er gegen das System aufbegehrt hat. Auf ihrer Suche nach ihm entdeckt sie, dass sein Schicksal kein Einzelfall ist. Sie sieht Hunderte, die wie er aus politischen Gründen inhaftiert sind. Als sie das erkennt, macht sie eine Wandlung durch: Aus der Frau, die „nur“ ihren Mann retten will, wird sie zu einer Kämpferin, die gegen ein ganzes System antritt.

Gemeinsam mit dem Schriftsteller Moritz Rinke haben Sie neue Dialoge entworfen. Leonore lassen Sie von einer Opernsängerin und einer Schauspielerin darstellen. Wie weit entfernen Sie sich dabei vom Original?

Wir bleiben ganz nah bei der Idee Beethovens. In der Ouvertüre zeigen wir, dass Florestan verschwindet. Leonore weiß nicht, was geschehen ist. Dass Menschen verschwinden, kommt auch heute noch sehr oft vor. Denken Sie an Russland oder die Türkei. Wir zeigen den inneren Diskurs dieser Frau, wobei wir der Sängerin der Leonore eine Schauspielerin an die Seite gestellt haben, die als ihre innere Stimme Fragen stellt. Mit ihr spricht sie über ihre Zweifel und Ängste und Beweggründe. Am Ende wird Leonore erschossen. Im Sterben imaginiert sie ihre Hoffnung, durch Liebe die Welt zu verändern. Was letztlich bleibt, ist Beethovens Vision.

Im Original überlebt Leonore. Ist Ihr Ende nicht ein Widerspruch, eine Umkehrung der Befreiungsoper?

Mir geht es darum, dass man Beethovens Utopie ernst nimmt. Ich sehe Leonore als Märtyrerin, die für ihre Idee stirbt. Der originale Schluss, in dem plötzlich ein Minister erscheint und alles ganz einfach gelöst wird, ist für jede Inszenierung eine Herausforderung. Aber im Sterben bekommt ihre Hoffnung eine viel größere Dimension.

In welcher Zeit spielt das?

Es könnte heute sein. Das Gefängnis ist eine ausrangierte, alte Bahnhofshalle, die zum Gefängnis umfunktioniert wurde. So etwas geschieht heute immer wieder in Europa, weil die Gefängnisse überfüllt sind. Meinungs- und Pressefreiheit wird in den rechtspopulistisch geführten Ländern immer häufiger eingeschränkt. In Polen, in Ungarn verlieren Künstler ihre Jobs. Man hat das Gefühl, dass diese Bedrohung immer näher rückt, dass man die Demokratie verteidigen muss. Zum Glück dürfen wir in Österreich und Deutschland offen unsere Meinung sagen. In vielen unserer Nachbarländer ist das nicht mehr so leicht möglich.

Warum wählen so viele rechts?

Aus Wut, Panik, Hysterie. Inhalte spielen oft keine große Rolle. Viele haben die Flüchtlingskrise als beängstigend empfunden, was ich nicht nachvollziehen kann. Uns geht es doch wirtschaftlich so gut. In Deutschland ist die AfD eine echte Protestpartei gegen Angela Merkel. Viele Wähler wissen gar nicht, wofür diese Partei steht. Das einfach nur Dagegen-Sein verhindert einen wirklich politischen Diskurs.

Kennen Sie die Inszenierung von Otto Schenk an der Wiener Staatsoper?

Das ist eine gute und genaue Arbeit aus einer anderen Zeit. Ich glaube nicht, dass Otto Schenk diese Oper heute so inszenieren würde. Wir haben darüber sehr ausführlich gesprochen.

Wenn Leonore am Ende stirbt, heißt das, dass es keine Rettung gibt?

Im Gegenteil, es macht Beethovens Utopie, dass die Welt durch Liebe zu verändern ist, noch viel größer. Sie ist nicht naiv, sondern hofft auf eine bessere Welt.

Glauben Sie an eine Veränderung in der Zukunft, an eine bessere Welt?

Ja, ich bin extrem optimistisch. Bei vielen setzt ein Umdenken ein. In der jungen Generation entdeckt man eine größere Wachheit als noch vor wenigen Jahren. Nur so können wir unsere Demokratien verteidigen. Man merkt, wir müssen aktiv sein.

Wie kann uns Beethoven dabei helfen?

Durch die Wucht seiner Musik. Nehmen Sie das Ende von „Fidelio“: Da steht am Ende eine Menschenmasse, ein Chor und jubiliert. Und das setzt so viel Kraft frei. Und wenn es darum geht, unsere Demokratie, unsere Meinungsfreiheit zu verteidigen, bietet Beethoven eine starke Orientierung. Er sagt, dass alle Menschen gleich sind, und kämpft für die Werte der Aufklärung, für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Denken Sie nur an seine neunte Symphonie: „Alle Menschen werden Brüder“.

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