© EPA/CLEMENS BILAN

Kritik
06/08/2020

Philosophie wird zur Musik: Barenboim mit Beethoven

Die letzten drei Klaviersonaten des Jahresregenten im Musikverein (Von Susanne Zobl).

Kann man am Klavier tatsĂ€chlich ĂŒber das Leben philosophieren?

Man kann.

Wie, das ließ Daniel Barenboim im Wiener Musikverein mit Beethovens letzten drei Klaviersonaten erleben.

Kein Murmeln, kein Rascheln, kein RĂ€uspern, kein Husten vor Konzertbeginn und in den Satzpausen – als hĂ€tte sich die Stille der vergangenen Wochen aus dem Lockdown ihre Bahn ins Jetzt gebrochen. Doch sie hatte keine Macht mehr, als Barenboim mit tiefsinnigem Ernst die ersten Töne der Sonate in E-Dur anschlug.

Hoffnung

Seit sechzig Jahren widmet sich der Dirigent und Pianist Beethovens Klaviermusik. Alle 32 Klaviersonaten des musikalischen Jahresregenten hĂ€tte er in den letzten Wochen der Amtszeit von Musikverein-Intendant Thomas Angyan auffĂŒhren sollen. Dass man drei davon noch diesen Juni hören sollte, wagte man nicht einmal zu hoffen. Doch es geschah auf faszinierende Weise.

Barenboim machte die BrĂŒche dieser Kompositionen hörbar. Jede Phrase leuchtete er tiefgrĂŒndig aus. Wenn er in den langsamen Passagen den FlĂŒgel zum Singen brachte, ließ er vergessen, dass ihm Maßnahmen-bedingt nur Hundert zuhören durften.

Er erfĂŒllte den Goldenen Saal mit seinen Reflexionen an den Tasten. Das war pure Philosophie.

Atemberaubend machte er die Bizarrerien und gewaltigen Eruptionen seines Lebenskomponisten spĂŒrbar. Hier wurde das Leben zur Musik. Mit einem Höchstmaß an Innigkeit erklang die Sonate in As-Dur, deren

Fuge zur ĂŒberwĂ€ltigenden Schmerzensmusik geriet. Zur Offenbarung wurde das Opus 111. DĂŒster hob er an. Da changierten Dramatik und VerklĂ€rung und fĂŒhrten in eine andere, eine bessere Welt. Stehende Ovationen.

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