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Kultur
02/09/2020

Oscars 2020: Oldies sind (weiße) Goldies

Todd Phillips' "Joker" ist Favorit, gefolgt von Martin Scorsese, Sam Mendes und Tarantino. Ein Ausblick auf die 92. Oscars.

von Alexandra Seibel

Gastgeber wird es wieder keinen geben. Auch heuer, wie schon im letzten Jahr, findet die Oscar-Preisverleihung im Dolby Theatre in Los Angeles ohne Host statt. Der (oft undankbare) Job des Moderators, der durch den Abend führt und auflockernde Witze reißt, wurde endgültig an den Nagel gehängt: Statt des einen Gastgebers gibt es eine Reihe von Mini-Moderatoren, die sich aus Oscar-Preisträgern und Hollywood-Celebrities zusammensetzen. Die lange Liste der "Presenter" reicht von Mahershala Ali über Natalie Portman bis hin zu Jane Fonda und Tom Hanks.

Apropos Tom Hanks.

So viel lässt sich über die 92. Oscar-Preisverleihung jetzt schon sagen: Sie steht im Zeichen der Nostalgie.

Kampf "Couch gegen Kino"

Im Zeitalter der Veränderungen und der Übergänge, in denen Streamingplattformen wie Netflix im Vormarsch sind und das Schlachtfeld "Couch gegen Kino" anführen, haben die rund 9000 Stimmberechtigten der Oscar-Academy ein Zeichen für "Alte Schule" gesetzt. So befinden sich unter den 20 Darsteller-Nominierungen fünf Kandidaten, die über 70 sind; im Alter von 56 ist Brad Pitt der jüngste Nominierte in der Kategorie Bester Nebendarsteller. Und unter den Nominierten liegt bei sieben Anwärtern die letzte Oscar-Nominierung bereits 14 bis 29 Jahre zurück.

Vergangene Oscar-Höhenflüge

Wann hat Tom Hanks – heuer Kandidat als Bester Nebendarsteller – seinen letzten Oscar gewonnen?

Das war 1999 für Steven Spielbergs "Saving Private Ryan". Seine letzte Nominierung erhielt Hanks vor 19 Jahren – 2001 für "Cast Away". Weitere Beispiele liefern Oldtimer wie Al Pacino, Anthony Hopkins, Joe Pesci oder Kathy Bates, deren Oscar-Höhenflüge ebenfalls länger zurückliegen. Selbst Reneé Zellweger, die mit ihrer Comeback-Hauptrolle in dem Judy-Garland-Biopic "Judy" als Favoritin für Beste Hauptdarstellerin gilt, gewann ihren Oscar bereits 2004.

Zellweger für Hauptrolle in "Judy" nominiert

Fehlende Diversität

Die Academy erinnert sich also liebevoll ihrer "Veteranen", was sich übrigens auch in der Nominierung eines "altmodischen" Hollywood-Rennfahrerfilms wie "Le Mans 66" in der Kategorie Bester Film ablesen lässt. So gesehen bringt womöglich Quentin Tarantinos Vintage-Hommage an das alte Hollywood "Once Upon A Time ... In Hollywood" die derzeitige Stimmungslage am besten auf den Punkt.

Was nun das viel geforderte Schlagwort Diversität betrifft, musste die Academy für ihre heurige Auswahl viel berechtigte Kritik einstecken. Der Anteil an Frauen und an Menschen mit nicht weißer Hautfarbe in den Preiskategorien ist wieder einmal verschwindend gering.

Tarantino stellte "Once Upon A Time in Hollywood" rechtzeitig fertig

Männer-Filme

Das fängt bereits mit den vier meist nominierten Filmen an: "Joker" von Todd Phillips, mit elf Nominierungen der Favorit, erzählt von einem psychisch zerquälten Mann (als Bester Hauptdarsteller nominiert: Joaquin Phoenix), der zum Killer-Clown mutiert. Mit jeweils zehn Nominierungen folgen Martin Scorseses "The Irishman", ein Schwanengesang auf die Mafia; Sam Mendes’ Weltkriegsdrama "1917" und Quentin Tarantinos "Once Upon A Time ... In Hollywood". All diese – durchwegs herausragenden – Filme erzählen in erster Linie von weißen Männern.

Großer Rückschritt

Dass es keine Frau – etwa Greta Gerwig mit "Little Women" oder Lulu Wang mit "The Farewell" – in die "typisch männliche" Kategorie für Beste Regie geschafft hat, erregte viel Ärger. Vom Mangel an nicht weißen Darstellern gar nicht zu reden: Die schwarze Britin Cynthia Erivo, nominiert als Beste Hauptdarstellerin für das Sklavendrama "Harriet", wurde als einzige nicht weiße Kandidatin nominiert. Sonst beherrschen ausschließlich Weiße diese Kategorien.

Während man sich in den letzten drei Jahren darüber gefreut hatte, dass etwas mehr Abwechslung in die Nominierten-Listen gebracht worden war – man denke an Filme wie "Black Panther" oder "BlacKkKlansman" – werden die heurigen Nominierungen als großer Backlash empfunden.

Ewiges Rätsel

Warum es beispielsweise die ausgezeichnete, kenianisch-mexikanische Schauspielerin Lupita Nyong'o aus dem Horror-Schocker "Wir" zu keiner Nominierung gebracht hat, wird ein ewiges Rätsel bleiben. Auch der Latino-Star Jennifer Lopez als Sexarbeiterin in dem Thriller "Hustlers" hätte sich locker einen Startplatz für das Oscar-Rennen verdient.

Tatsächlich ringt die Academy um mehr Diversität und hat den Mitglieder-Pool mit neuen (jungen, weiblichen, nichtweißen, internationalen) Menschen aufgestockt. Zumindest die Internationalisierung zeitigt Erfolg, denn nicht-englischsprachige Filme werden überaus ernst genommen. Nachdem im letzten Jahr der mexikanische Film "Roma" große Erfolge feierte, stößt nun der Südkoreaner Bong Joon-ho nach: Seine exzellente Familiensatire "Parasite" wurde sechs Mal nominiert, darunter für Bester Film und Beste Regie.

Die wichtigsten Nominierten im Überblick

Bester Film

1917
The Irishman
Jojo Rabbit
Joker
Le Mans 66
Little Women
Marriage Story
Once Upon A Time ... In Hollywood
Parasite

Beste Regie

Martin Scorsese (The Irishman)
Todd Phillips (Joker)
Sam Mendes (1917)
Quentin Tarantino (Once Upon A Time ... In Hollywood)
Bong Joon-ho (Parasite)

Beste Kamera

Jarin Blaschke (Der Leuchtturm)
Roger Deakins (1917)
Rodrigo Prieto (The Irishman)
Robert Richardson (Once Upon A Time ... In Hollywood)
Lawrence Sher (Joker)

Beste Hauptdarstellerin

Cynthia Erivo (Harriet)
Scarlett Johansson (Marriage Story)
Saoirse Ronan (Little Women)
Charlize Theron (Bombshell)
Renée Zellweger (Judy)

Bester Hauptdarsteller

Antonio Banderas (Leid und Herrlichkeit)
Leonardo DiCaprio (Once Upon A Time ... In Hollywood)
Adam Driver (Marriage Story)
Joaquin Phoenix (Joker)
Jonathan Pryce (Die zwei Päpste)

Beste Nebendarstellerin

Kathy Bates (Richard Jewell)
Laura Dern (Marriage Story)
Margot Robbie (Bombshell)
Scarlett Johansson (Jojo Rabbit)
Florence Pugh (Little Women)

Bester Nebendarsteller

Tom Hanks (Der wunderbare Mr. Rogers)
Anthony Hopkins (Die zwei Päpste)
Al Pacino (The Irishman)
Joe Pesci (The Irishman)
Brad Pitt (Once Upon A Time ... In Hollywood)

Bester internationaler Film

Corpus Christi (Polen; R: Jan Komasa)
Land des Honigs (Nordmazedonien; R: T. Kotevska)
Leid und Herrlichkeit (Spanien; R:  Pedro Almodóvar)
Parasite (Südkorea; R: Bong Joon-ho)
Die Wütenden – Les Misérables (Frankreich; R: Ladj Ly)

Bester Soundtrack

1917 (Thomas Newman)
Joker (Hildur Guðnadóttir)
Little Women (Alexandre Desplat)
Marriage Story (Randy Newman)
Star Wars: The Rise of Skywalker (John Williams)

Bestes adaptiertes Drehbuch

The Irishman (Steven Zaillian)
Jojo Rabbit (Taika Waititi)
Joker (Todd Phillips & Scott Silver)
Little Women (Greta Gerwig)
The Two Popes (Anthony McCarten)

Bestes Originaldrehbuch

1917 (Sam Mendes & Krysty Wilson-Cairns)
Knives Out (Rian Johnson)
Marriage Story (Noah Baumbach)
Once Upon a Time in Hollywood (Quentin Tarantino)
Parasite (Bong Joon Ho & Jin Won Han)

Bester Dokumentarfilm

American Factory (Netflix)
The Cave (National Geographic)
Am Rande der Demokratie (Netflix)
For Sama (PBS)
Honeyland (Neon)

Bester Animationsfilm

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