© Venice International Film Festival7WILSON WEBB

Kultur
08/30/2019

Scarlett Johansson und Adam Driver auf Netflix: Scheiden tut weh

Der Streamingdienst präsentierte in Venedig mit „Marriage Story“ einen möglichen Oscar-Kandidaten. Eine Kritik.

von Alexandra Seibel

Pfiffe ertönten im Publikum, als das erste Netflix-Logo im Wettbewerb von Venedig auf der Leinwand aufflammte. Doch es wurde auch viel geklatscht – vor allem während der Vorführung: Noah Baumbachs virtuos inszenierte Trennungs-Dramedy „Marriage Story“ riss die Leute vom Hocker. Es gab Zwischenapplaus, Gelächter und zerdrückte Tränen, kurzum all das, was die Erinnerung an eine Ehe – und deren schmerzhafte Scheidung – an Gefühlen so mit sich bringt.

Adam Driver (Kylo Ren aus „Star Wars“) und Scarlett Johansson spielen ein New Yorker Ehepaar mit Kind, das vor den Trümmern seiner Beziehung steht. Geht es nach ihm – einem erfolgreichen Theaterregisseur Off-Broadway – ist eigentlich alles nicht so schlimm. Doch für sie, seine langjährige Lebenspartnerin und Darstellerin auf der Bühne, ist längst die Luft heraus. Sie fühlt sich im Schatten ihres Mannes erdrückt und möchte zurück zu ihren Verwandten nach Los Angeles übersiedeln.

Aufrichtig

Noah Baumbach, Regisseur von so exquisiten Milieuporträts wie „Greenberg“ und „Francis Ha“, hat die zeitgenössische Variante eines Scheidungsdramas wie „Kramer gegen Kramer“ mit einer Leichtigkeit entworfen, als hätte er es einfach so aus dem Ärmel geschüttelt. Scarlett Johansson als frustrierte Ehefrau ist von entwaffnender Aufrichtigkeit und erzählt auch feindlichen Anwälten, dass sie abends gern ein Glas Wein trinkt. Adam Driver wiederum vibriert vor kreativer Energie und macht spürbar, wie sein grenzenloser Ehrgeiz eine Lebenspartnerschaft ermüden kann.

Als der Streit um das Sorgerecht losbricht, bringt er in allen Beteiligten das Schlechtestes zum Vorschein; aber Baumbach denunziert keine seiner Figuren. Stattdessen verfugt er das auseinanderbrechende Beziehungsgefüge mit pointiertem Witz. Den Vogel an Komik schießt überhaupt Laura Dern als erboste Scheidungsanwältin ab. In einer Wutrede beschwert sie sich darüber, dass eine Frau perfekt sein müsse wie die Jungfrau Maria. Der Mann hingegen sei wie Gott: (meist) abwesend.

Oscar-Favoriten

Das Festival von Venedig hat in den letzten Jahren den Ruf erworben, Filme mit großen Oscar-Chancen im Programm zu bieten. Baumbachs Netflix-Produktion „Marriage Story“ wird jetzt schon als heiße Oscar-Ware gehandelt. Der Streaming-Dienst brennt darauf, einen Oscar für den besten Film einzuheimsen und Hollywood zu beweisen, dass er ein genauso potenter Player im Filmbiz ist wie die eingesessenen Studios.

Letztes Jahr kam Netflix mit Alfonso Cuaróns „Roma“ seinem Ziel schon ganz nahe. Doch den Oscar für den besten Film bekam das Online-Portal dann doch nicht. Mit „Marriage Story“ nimmt es jedenfalls einen starken, neuen Anlauf.

Zu den Sternen

Auch Brad Pitt lieferte eine Performance ab, die eindeutig auf einen Oscargewinn schielt: In dem US-Wettbewerbsbeitrag „Ad Astra“ (Kinostart: 20. September) spielt Hollywoods Golden Boy einen melancholischen Astronauten auf Vatersuche. Wie ein Traumtänzer taumelt er durch die Galaxien und denkt über das Schicksal der Menschheit nach. Auf der Tonspur begleiten seine traurigen Gedanken sein somnabules, zeitzerdehntes Weltraumabenteuer, das sich wie ein philosophischer Essay im Astronautenanzug anfühlt. Hauptdarsteller Brad Pitt ist in fast jeder Einstellung zu sehen – und tatsächlich ein Oscar würdiger Anblick.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.