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Kultur
02/25/2019

Oscar-nominierter Christian Bale: "Kein Respekt vor dem Wähler"

Der Schauspieler spricht im KURIER-Interview über seine Rolle als mächtiger US-Vizepräsident Dick Cheney.

von Elisabeth Sereda

Christian Bale ist ein Meister der Verkleidung und der Akzente. Die wenigsten wissen, dass er aus Wales stammt, halten ihn für einen waschechten Amerikaner nach all den Rollen, in denen er vom Südstaaten-Twang über den Italo-New-Yorker bis zum Boston-Drawl die Dialekte so perfekt beherrscht, dass ihn sogar die Einheimischen verwechseln. Und wer erinnert sich noch, dass Christian Charles Philip Bale im Alter von 13 Jahren seine erste Rolle in Steven Spielbergs „Das Reich der Sonne“ spielte?

50 Filme später hat er es geschafft, sowohl als Charakterdarsteller als auch als Superstar zu gelten – Batman sorgte für letzteres. Aber in „Vice“ geht er noch einen Schritt weiter: Als Vizepräsident Dick Cheney ist er absolut unkenntlich. Und sollte er in der Nacht auf Montag den Oscar an Rami Malek verloren haben, dann nur, weil zwischen den beiden die Qual der Wahl unendlich schwierig war.

 

KURIER: Was hat Sie am meisten überrascht an Cheney?

Christian Bale: Ganz gleich, wie besessen ich Monate lang versucht habe, den Level der Macht zu verstehen, den er tagein und tagaus hatte: Ich kapierte das mental, aber schaffte es nicht, das auch emotional nachzuvollziehen. Vermutlich auch, weil ich selbst vor so etwas davonrennen würde, während er das aus vollen Zügen genossen hat. Für mich war die Frage interessant, was jemand mit dieser Art Macht anstellt: Nützt er sie, um Menschen glücklich zu machen, ein Lächeln auf ihr Gesicht zu zaubern? Oder nützt er sie, um sich an allem und jedem zu rächen, der ihm seiner Meinung nach etwas getan hat? Ich glaube nämlich, dass auf der Welt sehr viele Dick Cheneys herumlaufen, die nur hoffentlich nie die Macht bekommen, ihre Rachegefühle auszuleben.

Sie sehen ihn also als Monster?

Wenn Sie mich jetzt und hier fragen, dann bejahe ich das. Aber während ich ihn gespielt habe, konnte ich so nicht denken oder ihn auf welche Art auch immer verurteilen. Denn dann käme der Film so rüber, als hätten ihn wieder nur ein Haufen von Hollywood-Liberalen gemacht. Ich kann nicht zulassen, dass meine persönlichen, politischen Ansichten den Film ruinieren.

Was sind seine guten Seiten?

Er ist ein verdammt guter Vater. Und man fühlt für ihn, wenn die eine Tochter später im Film die andere quasi unter den Bus stößt. Und man muss sich auch in einen Mann hineinversetzen, der die Türme des World Trade Centers in sich zusammenstürzen sieht und genau weiß, dass die Entscheidung, was danach geschieht, auf seinen Schultern lastet.

Hat er richtig entschieden?

Aus meiner Sicht nicht, aber nachher weiß man immer alles besser.

Warum ist er historisch so wichtig?

Weil er die politische Situation im Nahen und Mittleren Osten grundlegend verändert hat, und wir damit heute leben müssen, ob wir es gut oder schlecht finden. Er war der taffe Mann, der das entschied.

Wie viele Videos haben Sie sich angesehen, um seine Mimik, seinen Ton und seine körperlichen Attribute zu verinnerlichen?

Es gab unendlich viel Material. Und so viel, wo er am Telefon ist. Man könnte glauben, er hat nur telefoniert.

Warum war Cheney nie selbst Präsidentschaftskandidat?

Er hat es in den Vorwahlen mal versucht und ist an Wyoming gescheitert. Er ist kein Verkaufskandidat, er kommt nicht warm rüber, er kann keine Babys küssen. Er wäre im Übrigen nie das geworden, was er letztendlich war, wenn es ihm nicht darum gegangen wäre, seine Frau zu beeindrucken. Für sie hat er nicht nur das Saufen aufgegeben, sondern auch die politische Überzeugung, mit der er aufgewachsen ist. Seine gesamte Familie waren Demokraten, nicht Republikaner. Er hat sich für sie geändert. Und war so smart, dass er diesen unglaublichen Aufstieg schaffte. Was mich so fasziniert, ist, dass er immer lieber im Hintergrund blieb. Er war ein Geheimniskrämer, einer, der im dunklen Kämmerlein die Fäden zieht, aber es war ihm nicht wichtig, dass das alle wissen. Er hasste auch öffentliche Auftritte. Er hat es abgelehnt, nach dem Hurrikan Katrina nach Louisiana zu fliegen, obwohl Bush wollte, dass er ihn begleitet. Bush musste das akzeptieren, denn sobald Bush gewählt war, hatte Cheney alles in der Hand. Er hatte absolut keinen Respekt vor dem Wähler. Er hielt es mit Churchill, der sagte: „Das schlagendste Argument gegen die Demokratie ist eine fünfminütige Konversation mit einem Wähler.“ Das klingt witzig, ist aber nichts als zynisch.

Sie haben die vielen Kilos, die Sie für die Rolle zugenommen haben, sehr schnell wieder verloren. War das eine Crashdiät?

Ich hatte keine Wahl. Ich drehte kurz nachher „Ford vs. Ferrari“, wo ich einen drahtigen Rennfahrer spiele. Das Rauffressen war großartig, ich habe mir alles gegönnt, was als ungesund gilt, von Nudeln bis Eiscreme. Das Abnehmen war fürchterlich, weil es nur eins gibt, was hilft, und das ist keine dieser hochpropagierten Diäten. Du musst das Abendessen auslassen. Geh jeden Tag hungrig ins Bett, und in drei Monaten hast du sehr viel abgenommen.

Haben Sie versucht, Cheney zu treffen und auszufragen?

Natürlich. Ich war mit einem seiner besten Freunde in Kontakt. Auf ein paar meiner Fragen hatte er keine Antwort und meinte, lass’ uns Dick anrufen, hat ihn aber nicht erreicht. Ich habe mich dann langsam auf ein mögliches Meeting vorbereitet. Ich war fast schon soweit, in ein Flugzeug zu steigen, als ich von den Rechtsanwälten des Filmstudios zurückgepfiffen wurde. Ich habe keine Ahnung, was da abging, aber die waren total entsetzt, dass ich ihn treffen wollte, und haben alles unterbunden.

Gibt es einen Dick Cheney in der Trump-Regierung?

Nein. Und zwar zum Glück nicht. Würden die derzeitigen Machthaber die Maschinerie der Regierung so gut verstehen wie er, dann wären sie wesentlich gefährlicher. Cheney kannte jeden Trick, und jeden Menschen 17 Levels unter ihm, den er dazu zwingen konnte, es auch zu tun.

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