Oliver Polak hat ein Buch über seine Zeit in der Psychiatrie geschrieben. Jetzt tourt er mit dem Programm "Krankes Schwein"

© www.oliverpolak.de

Tabuthema Depression
10/21/2014

Psychiatrie-Ansichten eines Clowns

Dürfen Komiker Depressionen haben? Stand-up-Comedian Oliver Polak über seine Zeit in der Klinik.

von Barbara Mader

Bei ihm weiß man nie, ob man lachen darf. Oliver Polak, Stand-up-Comedian aus Niedersachsen, überschreitet auf der Bühne Grenzen. "Ich darf das, ich bin Jude" heißt eines seiner Programme. Ebenso tabulos ist er, was seine Person angeht: Im Buch "Der jüdische Patient" berichtet er, wie es ist, wenn ein Komiker die Psychiatrie überlebt. Nach einer dreijährigen Tour erlitt Polak einen Totalzusammenbruch und verbrachte 2014 einige Monate in einer Klinik, um sich wegen schwerer Depressionen behandeln zu lassen. Schonungslos beschreibt Polak seine Abgründe und ist dabei – ja, man muss es so sagen – auch noch witzig.

KURIER: Woher haben Sie den Mut für diese intimen Offenbarungen genommen?

Oliver Polak: Nach der Klinik war ich sehr zerbrechlich. Ich wusste nicht, ob ich weiter Stand-up-Comedian in Deutschland sein kann. Dann habe ich dieses Buch geschrieben. Mein Verleger hat gesagt, er halte es für ein notwendiges Buch. Das ist das Größte, was man als Künstler haben kann. Aber es hat nichts mit Mut zu tun. Ich bin so erzogen worden, immer die Dinge auszusprechen, die ich im Kopf habe. Meine Mutter, die ja auch ein sehr direkter Typ ist – leider manchmal zu direkt – hat mich das gelehrt.

Und das empfinden manche Leute als provokant?

Ja, deshalb bin ich als Stand-up-Comedian ja gut aufgehoben. Aber wenn du in Deutschland auf der Bühne Wörter wie "Holocaust" sagst, machen die Leute zu.

Ist es das, was Sie meinen, wenn Sie sagen, Deutschland sei "humorbehindert"?

Aber richtig! Das ist noch harmlos ausgedrückt. Wenn ich dagegen Österreich nehme, und gerade Wien, wo ich "Jud süß sauer" mehrmals gespielt habe: Das waren die besten Abende! Weil der Wiener Humor sehr böse ist.

Ist Ihr Humor den Deutschen zu böse?

Humor darf gemein sein, auch böse. Aber in Deutschland ist es Komikern oft wichtiger, vom Publikum gemocht zu werden, statt die Leute zum Lachen zu bringen. Wenn man sich Leute wie Lenny Bruce oder Richard Pryor anguckt, da wurde was in die Waagschale geworfen. Das interessiert mich, alles andere nicht.

Sie schreiben, Sie hätten sich als "Showjude", als "Holocaust-Clown" gefühlt. War Ihnen bewusst, wie schwer es würde, in einem Land, von dem Robin Williams sagte, man hätte "alle lustigen Menschen umgebracht"?

Ich habe ja jahrelang in schlechten Serien mitgespielt. Dann wollte ich Stand-up machen. Ich konnte das aber nicht genau definieren. Das Einzige, das ich wusste, war, dass es authentisch sein muss. Dass die Leute Ihre Biografie als Basis nehmen. In meinem Fall also: Oliver Polak, jüdisch, aus Papenburg. Dann hab ich das einfach gemacht. Auf dem Cover meines neuen Buches ist das Wort "jüdisch" im Titel durchgestrichen. Eigentlich geht es um mich als Patient, aber weil ich in Deutschland bin, bin ich der jüdische Patient.

Lachen die Leute eigentlich über Ihre Witze, weil sie ein schlechtes Gewissen haben?

Nein, das schlechte Gewissen halte ich für ein Gerücht. Es gibt ein Unwohlsein, weil Leute sich vielleicht mit ihrer eigenen persönlichen Geschichte nicht auseinandergesetzt haben. Aber sonst? Gerade jetzt wieder, in der Debatte um den neuen Antisemitismus spürt man das. Das einzige, was man hört, sind die Stimmen jener, die klagen, sie können Antisemitismus-Vorwürfe nicht mehr hören.

Haben Sie die Erfahrung gemacht, dass Depression ein Tabuthema ist?

Ja, es ist immer noch verpönt oder wird ironisiert. Es ist auch schwierig, weil man die Depression nicht benennen und erkennen kann wie einen gebrochenen Arm. Schwierig für den Patienten, aber auch für andere, weil die Leute nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen. Es ist ein Tabuthema. Das sah man jetzt wieder bei Robin Williams. Depression ist eine Krankheit, an der der du sterben kannst.

Haben Sie noch hin und wieder diese, wie Sie es nennen, "Depri-Matratzen-Tage?

Nein, ich hab’ mir mittlerweile ein Bett gekauft. Bei Ikea. Mit zwei Matratzen. Ich schlaf jetzt wie die Prinzessin ohne Erbse.

Sie schreiben, Blumfeld und Tocotronic hätten Sie vor einem "Land-Schicksal von Bon Jovi, Genesis und Dire Straits" gerettet. Waqs ist denn an Bon Jovi so schlimm? Und wären Sie ohne Tocotronic ein anderer Mensch geworden?

Ja. Ich glaube, wenn man sein Leben lang Dire Straits und Bon Jovi hört, hat man echt ein Problem. Dann wird man ein anderer Mensch.

Und aus Tocotronic wächst man nicht irgendwann einmal raus?

Nein denn die sind, so wie Blumfeld, auch weitergewachsen. Ihre Musik ist erwachsen geworden.

Sie lieben ja auch Udo Jürgens, wie vor Kurzem im KURIER zu lesen war.

Ich glaube, dass Falco, Udo Jürgens und die Erste Allgemeine Verunsicherung dazu beigetragen haben, dass ich heute der bin, der ich bin. Ich hatte früher eine Playback-Band, die hieß "die erste Papenburger Verunsicherung". Ich hab einfach ein ewiges Faible für Österreich.

Info:Oliver Polak: „Der jüdische Patient. KiWi Verlag. 240 Seiten. 10,30 Euro

Zur Person Oliver Polak wurde am 14. Mai 1976 in Papenburg in Niedersachsen geboren. Er war Moderator bei Viva, Schauspieler und Schlagzeuger der Band Sternzeit. 2008 erschien sein Buch „Ich darf das, ich bin Jude“ (KiWi). Er lebt als Comedian in Berlin. Seine aktuelle Show heißt „Krankes Schwein“. Zuvor stand er mit den Programmen „Jud Süss Sauer – die Show“ und „Oliver Polak – Ich darf das, ich bin Jude“ auf der Bühne.

Tourdaten in Österreich:

2. 12. 2014 Innsbruck, Treibhaus
3. 12. 2014 Feldkirch, Theater am Saumarkt
4. 12. 2014 Wien, Rabenhof Theater
5. 12. 2014 Klagenfurt, Jazzkeller Kamot
6. 12. 2014 Graz, Orpheum

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