Oliver Polak: Jüdische Comedy mit Widerhaken

Oliver Polak: Der Stand-Up-Comedian macht sein Jüdischsein zum Thema seines Bühnenprogramms.
Foto: oliverpolak.com

Der deutsche Comedian Oliver Polak zeigte seine Show "Jud süß-sauer" in Wien. Im KURIER-Interview spricht er über Hitler, Political Correctness & Sarrazin.

Jüdische Männer sind beschnitten, weil eine jüdische Frau nichts angreifen würde, was nicht um 20 Prozent reduziert worden ist." Üblicherweise greifen deutsche Kabarettisten Witze wie diesen nur mit Asbesthandschuhen an. Oliver Polak aber hat kein Problem damit. Er ist Jude und stammt aus Papenburg im Elmsland. Schon der Titel seines erfolgreichen Buchs "Ich darf das, ich bin Jude" (KiWi) klang wie eine programmatische Erklärung, der nicht viel hinzuzufügen ist. Auf seiner Lesereise füllte er zwei Mal den Wiener Rabenhof und auch bei Stermann und Grissemann in "Willkommen Österreich" durfte Polak in Österreich bereits sein Können zeigen. Nun ist er mit seinem ersten großen Bühnenprogramm nach Wien zurückgekehrt - am Samstag, 16. Oktober, zeigte er "Jud süß-sauer" im Rabenhof.

Mit dem Titel lehnt sich Polak weit aus dem Fenster. Auf dem Plakat ist er vor einer leeren rot-weißen Hakenkreuzflagge zu sehen. Das so berüchtigte Symbol wird durch seinen eigenen schwarz bekleideten Körper angedeutet. Warum er dieses schwierige Thema aufgreift, erklärt Polak im KURIER-Interview so: "Ich mache klassische Stand-Up-Comedy auf Basis meiner Biografie. Leider ist es in Deutschland so: Wenn man jüdisch ist, spielt Hitler oft die zweite Stimme auf dem Klavier. Der Holocaust ist leider auch ein Teil meiner Geschichte und es wäre fatal, wenn ich das ignorieren würde." Dazu muss man wissen, dass Polaks Vater mehrere Konzentrationslager überlebt hat und nach dem Krieg als einziger Jude nach Papenburg zurückgekehrt ist.

Mauerfall und Reichspogromnacht

Oliver Polak: Der Stand-Up-Comedian macht sein Jüdischsein zum Thema seines Bühnenprogramms. Foto: oliverpolak.com Oliver Polak: Der Stand-Up-Comedian macht sein Jüdischsein zum Thema seines Bühnenprogramms.

"Mir wird ja gerne unterstellt, dass ich Witze über den Holocaust mache," sagt Polak. "Aber was die Deutschen nicht begreifen, ist, dass ich vielmehr Witze darüber mache, auf welche Weise Deutsche oft mit dem Holocaust umgehen." Der Comedian erzählt als Beispiel, dass er vergangenes Jahr von einer Berliner Veranstalterin eingeladen worden sei, bei einer Feier zu "20 Jahre Mauerfall" mitzumachen. Polaks Antwort: "9. November, schlechter Termin, das ist auch der Jahrestag der Reichspogromnacht". Darauf habe die Dame gesagt: "Macht doch nichts, bring' doch einfach deine Leute mit, dann feiern wir alle gemeinsam." "Diesen Gag hab' ich natürlich für meine Show geklaut," so Polak.

"Der kürzeste deutsche Witz ist Auschwitz" hat der jüdische Dramatiker George Tabori einmal gesagt. Dass man über Hitler und den Holocaust auch lachen kann, erklärt Polak jedoch mit Peter Ustinov: Manche Dinge seien so traurig, dass man sie nur mit Humor ertragen kann. Die Frage, wo er bei seinen Gags eine Schmerzgrenze sehen würde, beantwortet der Comedian ebenfalls aphoristisch: "Man muss einfach wissen, bis wo man zu weit gehen kann ... Und ich glaube, ich weiß das. Ich mache Comedy mit Widerhaken."

Als jüdischer Stand-up-Comedian genießt Polak eine gewisse Monopolstellung - mangels Konkurrenz. Polak dazu: "Das ist ja das Absurde. Ich frage mich, warum auf der Bühne noch niemand thematisiert hat, dass er jüdisch ist. Hans Rosenthal oder Hugo Egon Balder haben das immer eher verschwiegen. OK, die waren aber auch keine Stand-Upper."

"Jud süß-sauer"

Oliver Polak: Der Stand-Up-Comedian macht sein Jüdischsein zum Thema seines Bühnenprogramms. Foto: oliverpolak.com Oliver Polak: Der Stand-Up-Comedian macht sein Jüdischsein zum Thema seines Bühnenprogramms.

Der Titel "Jud süß-sauer" erinnert ganz klar an den berüchtigten NS-Propagandafilm "Jud Süß" (1940) von Veit Harlan, dessen Entstehungsgeschichte erst vor kurzem von Oskar Roehler in "Jud Süß - Film ohne Gewissen" mit Tobias Moretti und Moritz Bleibtreu verfilmt worden ist. Bei der Weltpremiere auf der Berlinale sorgte der Kinofilm für teils harsche Kritik. Süffisant verneint Polak im Interview, dass der Titel seines Programms etwas mit dem Film zu tun habe. "Die Intertextualität in dem Titel verweist ins Multikulturelle, das heißt, dass Juden auch mal gerne beim Chinesen essen."

Roehlers Film hat Polak gesehen, die Kritik daran kann er nachvollziehen: "Der Film ist wirklich eine Unverschämtheit. Es ist eine Verharmlosung, Geschichtsverfälschung und beängstigend. Roehler hat da auf dem Niveau von 'Gute Zeiten, schlechte Zeiten' agiert - da hätten sie nur mehr für die Rolle von Goebbels Veronica Ferres statt Moritz Bleibtreu nehmen sollen, dann hätte stimmlich alles gepasst."

Auch in seinem Programm spart Polak nicht mit gepfefferten, pointierten Aussagen. So erzählt Polak etwa, dass er von eBay, nachdem er zehn positive Bewertungen hatte, als Belohnung einen gelben Stern zum Anstecken zugesandt bekam. "Soll doch noch einer sagen, in Deutschland hat sich nichts geändert. Vor 70 Jahren reichte eine negative Bewertung vom Nachbarn für einen gelben Stern".

In seinem Programm liefert der 34-Jährige "70 Prozent Stand-up-Comedy, 20 Prozent Musik - mit einem Schlusslied, das sehr Udo-Jürgensesk ist, dann noch das Judenspiel, ein überdimensionaler Schäferhund, Konfetti. Also ich würde sagen: Kindergeburtstags-Stimmung für Erwachsene." Ein Kindergeburtstag, bei dem das Lachen wohl manchmal auch Nachdenklichkeit weicht. Etwa, wenn Polak das Publikum im sogenannten "Judenspiel" raten lässt, welcher deutsche Promi nun jüdisch ist oder nicht - Veronica Ferres, Alfred Biolek oder etwa Iris Berben.

Zwischen Tokio Hotel und Rammstein

Polak arbeitet mit Klischees und entlarvt sie als solche. In die Karten lässt er sich dabei aber nicht gerne schauen: "Es gibt eine Message, aber die ist bei mir versteckt. Ich sehe mich irgendwo zwischen Tokio Hotel und Rammstein. Das meine ich ernst."

Um ein Ausreizen des Begriffs Political Correctness gehe es Polak nicht, "ich denke nicht darüber nach, wie ich am besten provozieren könnte," sagt er. "Provozieren, nur um des Provozierens Willen, das wäre mir zu fad. Es geht um Gedanken, Assoziationen, die man auf den Teller legt. Und ich seh' mich auch nicht wie alle diese uncoolen deutschen, linksgerichteten Kabarettisten, wo dann das Publikum das Gefühl hat, es hat sich amüsiert und darüber hinaus noch etwas Gutes getan. Da sehe ich mich eher wie Georg Kreisler, Richtung Comedy und Kunst - denn das Denken übernehme ich nicht für mein Publikum, das müssen sie schon selber machen."

Die Sarrazin-Debatte und das "Nazi-Gen"

Oliver Polak: Der Stand-Up-Comedian macht sein Jüdischsein zum Thema seines Bühnenprogramms. Foto: oliverpolak.com Oliver Polak: Der Stand-Up-Comedian macht sein Jüdischsein zum Thema seines Bühnenprogramms.

Frei nach Polaks Buchtitel "Ich bin Jude, ich darf das" lässt sich umgekehrt die Frage stellen: Was darf ein Thilo Sarrazin über das Judentum sagen - wenn er etwa in einem Interview sagt, alle Juden würden ein gemeinsames Gen teilen. Oliver Polak hat dazu seine eigenen, pointierten Gedanken: "Da hab ich mich nur gefragt: Wenn die Deutschen jetzt aussterben würden - muss ich dann mitmachen? Oder überlebe ich dann? Weiters kam ich dann zu der Frage: Wenn das so ist, tragen dann alle Deutschen das Nazi-Gen? Und wie ist es dann bei mir - trage ich dann in mir das Nazi-Gen UND das Juden-Gen?" Polak weiters: "Aber ich bin nicht der Maßstab des Zulässigen. Ich mache halt meine Sachen, dafür stehe ich ein. Darüber, was andere machen, möchte ich nicht entscheiden."

Dennoch fand Polak die (Integrations-)Debatte rund um das Sarrazin-Buch "auf eine gewisse Weise beängstigend. Einmal hatte die Bild-Zeitung im Titel: "Das wird man ja wohl noch sagen dürfen", plötzlich liest man darüber, dass auf deutschen Schulhöfen nur Deutsch gesprochen werden soll. Da hatte ich beinahe den Eindruck, die NPD hat da jetzt schon ihr Wahlprogramm da vorne abgedruckt. Das war schon 'spooky'. Da ist man dann schon froh, dass der Bundespräsident in seiner Rede zum Tag der Deutschen Einheit gesagt hat, dass der Islam ein Stück von Deutschland ist. Vielleicht hat man vergessen, den Leuten nach 45 zu sagen, dass sie nicht nur zu Juden freundlich sein müssen, sondern auch zu den Türken ..."

Verordnete Freundlichkeit und schlechtes Gewissen lässt er auf der Bühne gar nicht gelten - und macht einen Gag daraus: "Ich bin Jude - aber ihr müsst trotzdem nur lachen, wenn es euch wirklich gefallen hat."

Ob er sich in seinen nächsten Büchern und Programmen (an denen Polak bereits arbeitet) unter Umständen auch weniger mit seinem Jüdischsein befassen wird? Polak: "Da werden sich die Dinge vielleicht auch verlagern und andere Dinge in den Vordergrund treten. Aber es wird natürlich immer wieder die Herkunft und die eigene Biografie ein Thema sein. Es kann auch sein, dass vielleicht einmal die Tiere im Vordergrund stehen. Mein Verleger sagt immer: Tiere und Juden kommen immer bombig an!"

INFO: "Jud süß-sauer" mit Oliver Polak: Samstag, 16. Oktober, Rabenhof, Wien 3, Rabengasse 3. 20 Uhr. Tel. 01/712 82 82

(KURIER) Erstellt am
Posts anzeigen
Posts schließen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?