© Kurier/Jeff Mangione

Analyse
01/18/2021

Österreichs Bühnen: Mindestens 10 von 12 Monaten geschlossen, und was dann?

Keine Vorstellungen bis mindestens Ende Februar – und der Neustart wird für die ganze Branche schwierig.

von Georg Leyrer

Dass Plácido Domingo einen Tag nach seinem 80. Geburtstag (das KURIER-Geburtstagsporträt finden Sie hier) in der Wiener Staatsoper singt, wäre vor einem Jahr im kulturellen Normalbetrieb keine große Überraschung gewesen. Dass niemand hingehen kann, um zuzuhören, hingegen schon.

Nun aber sind die geschlossenen Bühnen schon langsam der Normalbetrieb. Es werde, so wurde bekanntgegeben, jedenfalls bis Ende Februar keine Vorstellungen und Konzerte geben. Was dann ist, ist derzeit – zwischen Mutation und Impfverzögerungen – nicht einschätzbar.

Damit ist der Jahrestag des Zusperrens bereits in Sichtweite – Mitte März 2020 kam der heimische Veranstaltungsbetrieb zum Stillstand. Im März 2021 werden Bühnen und  Konzertsäle der Kulturnation in zwölf Monaten für insgesamt rund zehn Monate geschlossen gewesen sein. Lediglich in den Theaterferien im Sommer gab es vereinzelte Festspiele – und im September und Oktober Aufführungen vor Sparpublikum.

Wann dieser Stillstand wirklich endet und in diesem Bereich so etwas wie der Vor-Corona-Zustand wieder erreicht ist, ist derzeit nicht absehbar. Es ist „ein weiterer Rückschlag“ für die Kultur, sagte die Staatssekretärin.

Und jetzt?

Dass niemand so recht weiß, wie sich die kommenden Wochen entwickeln werden, verändert die Stimmung in der Branche. Für wortgewaltigen Protest oder apodiktische Forderungen gibt es angesichts der Gesamtlage keinen rechten Adressaten. Dass die Museen im Februar aufsperren sollen, motiviert zumindest den Staatsoperndirektor: Bogdan Roščić öffnet sein Haus zeitgleich mit den Museen für Besichtigungen – als „Architekturmuseum“.

Das Grummeln verlagerte sich sonst auf organisatorische Herausforderungen („Freitesten“). Oder die Schlechterstellung der Kultur gegen andere Branchen, die aber nun alle schlechtergestellt sind. Auch diejenigen Kulturschaffenden, die mit den Meinungen des Leugnersaums kokettieren, halten sich zunehmend zurück oder rudern, bei einer heiklen Interviewaussage ertappt, zurück. Premieren- und Konzerttermine sind ad acta gelegt, hinter den Kulissen probt man für Aufführungen in weiter Ferne. Die Verzweiflung unter den Kulturschaffenden und ihren Mitstreitern hinter den Bühnen wächst – sie wird aber auch stiller.

Dafür werden mit fortschreitender Schließtagezahl die Kerben tiefer, die das alles in der Kultur hinterlässt. Während andere Branchen versuchen, mit Kurzarbeit Know-how und Menschen zu halten, kann die Kultur das strukturell nicht: Zu viele sind hier in nicht geordneten Verhältnissen tätig. Es steht beim Neustart eine bittere Bestandsaufnahme bevor: Wer nämlich seine eben angelaufene Karriere abgebrochen hat, wer seine Talente künftig in krisenfesteren Bereichen einsetzt, wer auch im Publikum sich nach zwei verstümmelten Abosaisonen denkt: Brauch ich nicht mehr.

Einen nahtlosen Neustart wird es nicht geben; und das ist eine Zusatzproblematik, die hinter den Wunsch, wieder loslegen zu können, zurückgestellt wird. Die Brüche gehen vom Groben, Großen – (Privat-)Konkurse, Karriereknicks – bis ins Allerfeinste: Seit bald 180 Jahren spielen etwa die Wiener Philharmoniker miteinander, ohne je eine derart lange Unterbrechung bzw. derart andauernde Einschränkung dieses Zusammenspiels erlebt zu haben. Bleibt das alles ohne künstlerische Folgen – bei allen Orchestern, Ensembles, Bands und DJs? Und im internationalen Bühnenbereich droht die Pandemie mancherorts überhaupt einen Totalschaden zu verursachen.

Zuschauen

Handlungsanweisung lässt sich aus dem allen aber keine so recht ableiten: Die Branche selbst ist bis auf Weiteres zum Zuschauen verdammt, eine Position, die sie sonst gerne dem Publikum überlässt. Auf der Bühne: Eine Tragödie, die aber zumindest hoffentlich auf den letzten Akt zusteuert.

Ab Mitte Februar soll evaluiert werden, wann und unter welchen Vorgaben die Bühnen wieder aufsperren können. Darf man realistisch auf „Karfreitagszauber“ im „Parsifal“ zu Ostern hoffen? Oder muss man auch diesen Wiederauferstehungstraum noch aus der Ferne träumen, mit der Domingo-Einspielung aus der Metropolitan Opera?

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.