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Kultur
03/13/2022

Konstantin Wecker: "Nennt mich ruhig einen Spinner"

Der Münchner Poet, Liedermacher und bekennende Pazifist Konstantin Wecker im Interview über Krieg, Frieden und psychopathische Männer.

von Bernhard Hanisch

Als suche er in diesen Tagen doch eine positive Erkenntnis, stellt er die Behauptung auf, sein Bedürfnis nach Nahrungsaufnahme schlage sich im fortgeschrittenen Alter in erheblich verminderten Portionsgrößen nieder. Konstantin Wecker ist tatsächlich schon 74.

Die Zeit hinterließ ihre Spuren, doch der Striktheit seiner Einstellung hat sie nichts anhaben können. Authentisch, klar, unverändert deutlich, beharrt er in der Rolle des Liedermachers und Poeten auf die jahrzehntelang gepflegte Eigendefinition, Anarcho und Pazifist zu sein. In Zeiten des soeben ausgebrochenen Krieges bleibt Wecker für viele der Verkünder der unzerstörbaren Hoffnung. Andere bezichtigen ihn des Gebrauchs der übergewichtigen Worte, schieben ihn hin und her zwischen Gedankenwelten, die nur im Kopf eines Träumers oder gar eines Spinners gewälzt werden können. Auch damit hat Konstantin Wecker kein Problem.

Am vergangenen Montag beginnt sein über dreistündiges, am Ende stehend beklatschtes Programm im Wiener Konzerthaus mit dem Lied „Der Krieg“ (2015). In neu aufgenommener Version hätte die Nummer wohl Platz gefunden auf seinem letzten Album „Utopia“, wäre der Wahnsinn in der Ukraine schon früher ausgebrochen. Wecker sitzt in seiner Garderobe und lässt sich befragen. Wirkt dabei entspannt. Kein Qualitätsmerkmal des Alters, denn „nervös war ich vor meinen Auftritten nie“.

KURIER: Hätte der Krieg in der Ukraine, ein Krieg, der die ganze Welt, vor allem Mitteleuropa beschäftigt, mehr konkrete Reaktion auf einem Album verlangt?

Konstantin Wecker: Denke ich nicht. Denn die utopische Sehnsucht nach einem herrschaftsfreien Miteinander, von der ich ja singe, wird durch dieses Ereignis noch mehr angesprochen. Ich war immer ein bekennender Pazifist. Bei mir bestand nie die Gefahr, dass ich wie manche Teile der Linken ein Putin-Verehrer hätte sein können. Ich habe stets allen Machthabern widersprochen.

In Ihrem Gedicht „Was mich wütend macht“ verstehen Sie, warum die Herrschenden aufrüsten, allerdings nicht, warum sich die Menschen nicht dagegen auflehnen. Ist das nicht ungerecht?

Wieso ungerecht?

Weil Auflehnung zu gefährlich ist, wie man gerade auch in Russland miterlebt ...

Ich würde mir wünschen, dass Hunderttausende vom Frieden Bewegte in die Ukraine gehen und dort mit weißen Fahnen diese Panzer davon überzeugen, nicht auf sie zu schießen. Pazifismus ist nichts, was man anderen überstülpen kann, das muss man für sich selbst entscheiden. Ich habe ja nichts dagegen, dass sich jemand mit Gewalt selbst befreien will, wenn er angegriffen wird. Auch das ist seine freie Entscheidung.

Gewaltloser Widerstand wird nicht ausreichen ...

Irgendwann müssen wir es einmal schaffen. Wir können nicht ewig so weitermachen. Das ist meine Hoffnung. Seit Jahrhunderten regiert ein Patriarchat im ewig gleichen Spiel. Psychopathische Männer, von Caligula über Trump bis Putin haben uns eingeredet, der Mensch sei schlecht. Das macht der Neoliberalismus weiterhin, redet uns ein, wie wichtig es ist, immer zu siegen, in einem Wettbewerb der Bessere zu sein. Vorgegaukelt wird uns, der Mensch sei so schlecht, dass er einen Herrscher braucht. Als bekennender Anarcho glaub ich das nicht.

Westeuropa war lange verwöhnt, ohne Krieg auszukommen. Aber diese Herrscher treten immer wieder in Erscheinung. Was hätte man dagegen tun können?

Die NATO hätte sich früher ganz anders verhalten, sich nicht so stark gegen die Absprachen mit Gorbatschow stellen sollen. Und bitte nicht vergessen: Wir reden jetzt nicht nur von ukrainischen Flüchtlingen. Wo kommen die anderen her? Aus Kriegen, die von westlichen Mächten losgetreten wurden. Da war die Presse nie so einhellig der Meinung, dass das Angriffskriege waren. Und schon werden Unterschiede gemacht. Wunderschön, dass den Menschen aus der Ukraine geholfen wird. Aber andere werden davon abgehalten zu kommen. Da stellt sich die Frage: Gibt es die Unterscheidung zwischen einem guten und einem bösen Flüchtling?

Europa denkt über Aufrüstung nach. Ist es verständlich, dass Deutschland 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr locker machen will?

Ein Wahnsinn, einfach irre. Am Tag, als Scholz das verkündete, sind die Aktien der Waffenfirmen um 70 Prozent gestiegen. Komischerweise wurde das Geld nicht für Pflegekräfte aufgewendet, als die Pandemie noch wichtig war. Für die Umwelt ist auch kein Geld da. Das Verrückte an diesem Krieg ist: Man müsste jetzt eigentlich alles tun, um die Menschen vor dem Aussterben zu retten. Mit einem Pazifisten kann man nicht über ein „bisschen Krieg“ reden.

Herr Wecker, sind Sie wirklich ein Träumer?

Nennt mich einen Träumer, meint John Lennon im Song „Imagine“. Ich sage: Nennt mich ruhig einen Spinner. Ich bin auch kein Politiker, ich bin Künstler. Und wo wird die Idee einer waffenfreien, friedlichen, herrschaftsfreien Welt weitergetragen, wenn nicht in der Kunst und in der Philosophie? Dafür bin ich da, mag auch manches spinös klingen.

Sie hatten Angebote aus der Politik. Warum haben Sie diese immer abgelehnt?

Ganz einfach deshalb, weil ich dann nicht mehr tun könnte, was mich immer erfüllt hat. Nämlich Poesie und Musik zu machen. Und zwar als freier Mensch. In der Politik bist du eingesperrt. Zwischen den Banden einer Partei.

Doch gerade eben zeigt die Geschichte, dass die Kunst machtlos ist?

Das wird ihr immer nachgesagt. Ich glaube, die Kultur hat unglaublich viel bewirkt, ohne sie wären wir heute noch in Zeiten des Römischen Reiches. Wenn wir die Mächtigen nicht irgendwann einmal abschaffen, dann wird sich nicht viel ändern. Man muss Menschen und ihr Umfeld dazu bringen, dieses Bewusstsein zu leben. Das ist meine Aufgabe. Obwohl, ich bin ja nicht so vermessen zu glauben, ein Lied von mir würde die Welt verändern. Aber: Es kann zumindest eine Idee aufgegriffen werden.

Der „Willy“, dessen Auseinandersetzung mit Neonazis tödlich endete, ist Inhalt einer gesellschaftskritischen Ballade von 1977. Danach haben sie aus aktuellen Anlässen sieben weitere Versionen verfasst. Ist das nicht frustrierend?

Als ich den ersten Willy geschrieben habe, gab’s ja noch keine Neonazis. Zumindest offiziell. Jetzt haben wir welche im Parlament sitzen. Mein zweiter entstand, als die Ausländerheime brannten. Und so weiter. Ja es stimmt, es ist dann immer schlimmer geworden.

Eine Krise folgt der anderen. Sie gerieten ins Visier von Demonstranten, die angedroht haben, Platten von Ihnen zu verbrennen, sollten Sie sich der Ablehnung der Corona-Maßnahmen nicht anschließen. Was ist passiert?

Mein größtes Problem ist, wenn auf solchen Querdenkerveranstaltungen immer wieder Lieder von mir gespielt werden. „Gedanken sind frei“ zum Beispiel. Dann muss ich sofort meinen Anwalt einschalten. Wahnsinnige vergleichen sich mit Sophie Scholl, weil sie keine Maske tragen wollen. Blankes Geschichtsvergessen. Da sind wir wieder an der dringenden Notwendigkeit zu erinnern angelangt.

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