Unterhaltungschef Martin Gastinger hat Willi Gablier zum ServusTV-Moderator gemacht

© THOMAS SALAMONSKI

Interview
10/15/2020

Unterhaltungschef Gastinger: "Gibt bei ServusTV keine Denkverbote“

Der Programmmacher über den Umstieg von ATV, das neue Format "Heimat Sterne“, Willi Gabalier und Pläne für Samstagabend-Shows

von Christoph Silber

Seit Ende 2018 ist Ex-ATV-Boss Martin Gastinger (53) bei ServusTV. Als Unterhaltungschef kreierte er die Österreich-Version von "Bares für Rares", macht er damit Willi Gabalier zum Sendergesicht und bringt in "Die Nachfolger" den Unternehmer-Nachwuchs, statt wie bei ATV den von Teenagern, auf den Schirm. Und vielleicht auch bald mehr Shows …

KURIER: Herr Gastinger, Sie sind seit Ende 2018 Unterhaltungschef von ServusTV. Davor, als ATV-Geschäftsführer, waren Sie bekannt als einer, der ständig neue Fernseh-Formate, mitunter auch umstrittene, erfindet, die zum Teil sogar international verkauft werden. War ServusTV nicht eine grobe Umstellung für Sie?

Martin Gastinger: Nein, warum? Ein Tischler kann, hoffentlich, auch mehr als nur eine Art von Sessel bauen. Ich hänge nicht an einem Genre, ganz im Gegenteil. Ich bin seit dreißig Jahren Programmmacher, ich liebe es, mir Programme auszudenken und zielgerichtet zu entwickeln.  Heute braucht ein Sender Profil und Marken, um vom Publikum wahrgenommen zu werden. Da sollte halt ein Programmacher -  wie ein Tischler auch - schon wissen, was er tut und braucht. Das Fernseh-Publikum denkt heute ja nicht mehr in TV-Kanälen. Es geht um Köpfe, um Programmideen oder Sendungsthemen, es geht um eine gewisse Unverwechselbarkeit des Senders: Die Leute schalten heute ServusTV u. a. ein, weil sie Willi Gabalier sehen wollen, oder, um die Konkurrenz zu nennen, Armin Assinger, oder weil sie gern Fritz Karl mögen. In dieser Vielfalt an Sendern, die nicht wenige überfordert, sind Marken und Köpfe ein Anker fürs Publikum. Das haben wir auch bei meinem alten Sender recht erfolgreich gemacht. Deshalb konnte alles zusammen verkauft werden, die von mir entwickelten Formate, die es heute noch gibt, inklusive.

Martin Gastinger
Er startete bei Ö3 und der legendären ORF-Jugendsendung "X-Large". Er wechselt danach nach Deutschland und ging für eine Film-Firma  nach Hamburg. Später arbeitete er für  Pay-Pionier Premiere und den Pay-Kanal von Beate Uhse. 2007 wurde er Programmchef bei ATV, ab 2013 Senderchef. Gastinger enwickelte ein breites Spektrum an Sendungen, Quotenhits wie "Pfusch am Bau" oder "Teenager werden Mütter" wurden international verkauft

Eine Ihrer ersten Taten war deshalb eine Österreich-Version von „Bares für Rares“?

Die Marke ist in Österreich äußerst beliebt. Das wussten und wissen wir, weil wir seit Jahren die deutschen Ausgaben mit ROMY-Preisträger Horst Lichter über den Nachmittag und im Vorabend ausstrahlen. Dieses Format ist sympathisch und funktioniert auf der ganzen Welt: „Bares für Rares“ wurde nach Australien verkauft, läuft in England, geht extrem erfolgreich in Frankreich oder auch in Holland. Es war aber ein gewisses Wagnis, auch in den Augen des Lizenzgebers ZDF, dass ServusTV als erste Sender überhaupt dieses Format zur Abendshow mit 90 Minuten Länge gemacht hat – und das mit Erfolg: "Bares für Rares" läuft mit um die 170.000 Zuseher am Sonntagabend. Wie wir das umsetzen, hat über die Grenzen interessiert und ich war im Februar noch in London, um darüber zu referieren. Es war eine Überraschung für viele, dass es nicht nur eine Nachmittagsendung ist, sondern auch für die Sonntagabend-Prime-Time.

Es gab ja einen Wechsel in der Moderation der österreichischen Ausgabe.

Mit Willi Gabalier geben wir der Show nun einen ganz eigenständigen Charakter. Dass "Bares für Rares" eine tolle Marke ist, ist das eine. Sie muss aber auch für den Sender zur Marke werden. Mit einem Moderator wie Willi Gabalier wird die Sendung neu aufgeladen, bekommt eine speziell österreichische Note. Wir haben deshalb von vorn herein gesagt: Willi, du bist, wie du bist – mit deinem Gewand, mit deinem Bart, mit deinem steirischen Dialekt. Wir waren überzeugt, dass die Zuseher ihn lieben werden – und so ist es auch. Gabalier geht auf die Leute ein, redet mit ihnen, wird vor der Kamera immer sicherer – er ist einfach ein lieber Mensch mit einer tollen, positiven Ausstrahlung. So einer muss nicht gecoacht werden - von denen gibt es ohnehin schon genug auf den Bildschirmen. Da funktioniert ServusTV auch etwas anders als andere Sender: Authentizität ist für uns der Schlüssel zum Publikum und dessen Rückmeldungen sind großartig. Wir haben auch den Kollegen vom deutschen "Bares für Rares" eine Sendung geschickt und die haben Willi wegen seiner Art bereits zum „österreichischen Lichter“ erkoren.

Wie sind Sie zu Willi Gabalier gekommen?

Wir haben im Sommer vor einem Jahr das Konzert von Andreas Gabalier im Münchner Olympia-Stadion für ServusTV produziert. Wir haben dazu auch ein Porträt gedreht, in dem die Familie zu Wort kam. Bis zu diesem Zeitpunkt kannte ich ihn nur als hervorragenden Tänzer vom ORF. Bei der Premiere des Films habe wir einander kennengelernt und ich hab zu ServusTV-Intendant Ferdinand Wegscheider gemeint, dass Willi von seiner Art her eine Sendung präsentierten könnte. Außerdem hab‘ ich damals von ihm erfahren, dass er Kunsthistoriker ist, alte Möbel liebt und ein uraltes Bauernhaus besitzt – sympathisch und kompetent, mehr geht fast nicht.

Willi Gabalier soll ja demnächst auch mit "Heimat Sterne“ starten?

Am 30. Oktober. Das Konzept dazu wurde uns von einer Firma präsentiert und wir haben es adaptiert. Die "Heimat Sterne“, wie sie auf Sendung gehen, sind am Ende sozusagen eine Gemeinschaftsidee. Es verbindet im Grunde das, was wir ohnehin bei ServusTV machen. "Heimat Sterne“ ist sicherlich die sympathischste Talente-Show, die es auf dem Fernsehmarkt gibt und den kenne ich als Formatentwickler sehr, sehr gut.

Talente-Shows gibt es viele, was unterscheidet diese?

Sie ist anders als die anderen: Es wird keines der Talente bewertet, es gibt keine Jury ihr Urteil ab und es gibt auch keine Festlegung auf eine einzige Sparte. Die "Heimat Sterne“ funktionieren ganz simpel: ServusTV begleitet Willi Gabalier an einen Ort in Österreich, wir fragen herum, wen es so gibt, der oder die etwas Besonderes kann und die zeigen das dann – nicht nur uns, sondern auch dem ganzen Ort, dem wir dabei helfen, innerhalb weniger Tage und für sich selbst ein Fest zu organisieren. Wir präsentieren so Orte, die man vielleicht nicht so kennt, aber auch seine Leute und, vor allem, seine Talente. Die machen dann in der Folge schon ihren weiteren Weg, da braucht es uns nicht.

Das klingt nach einem sehr bunten Mix?

So ist es, es ist der Mix, wie wir ihn antreffen. Das kann eine Heavy Metall-Band sein oder die Schuhplattler, der Gesangsverein oder die Modeschöpferin, die Trachten designt und präsentiert. Da gibt es den Siebenjährigen, der HipHop tanzt und ebenso eine Über-Achtzig-Jährige, die Gedichte schreibt und liest. In dieser Buntheit hat man Talente noch nie gesehen. 

Sie sind ja – auch – Formatentwickler …

… deshalb kann ich auch erwähnen, dass ich drei ROMYs zuhause stehen habe.

Die jüngste gab es für die ServusTV-Reihe „Die Nachfolger“, die am 15. Oktober in die zweite Staffel startet.

Das wird ebenfalls ziemlich bunt, spannend und vielfältig, wie der heimische Mittelstand eben ist. In der Auftaktfolge reicht das Spektrum von einer Alpaka-Züchterin in Wiener Neustadt und einer Geigenbauwerkstatt in Innsbruck über das Gasthaus Stopplziaga in Attnang-Puchheim hin zur Werbeagentur digi-ART in Bad Aussee. Die meisten Bewerbungen kommen aus der Hotelerie und Gastronomie, die es durch Corona jetzt nochmals schwerer hat, Nachfolger für ihr Aufbauwerk oder ihr Familienunternehmen zu finden. Gleichzeitig ist der Mittelstand ja das Rückgrat der heimischen Wirtschaft und deshalb machen wir diese Reihe. Und, nichts gegen Startups, aber diese Unternehmen sind eingeführte Firmen mit Kundenstock und einem bewährten Geschäftsmodell.

Wie kommt man auf die Idee, so eine Sendung zu machen?

Wir arbeiten in der Sache sehr gut mit der Wirtschaftskammer zusammen. Ihre "Nachfolgebörse" war, sozusagen, eine meiner Inspirationsquellen. Ich bin auf diese Internetseite gestoßen – da gab es Heurige, einen Golfplatz oder einen Fahrradverleih, alle auf der Suche nach Nachfolgern. Ich fand das eine so spannende Geschichte, dass ich bei der Wirtschaftskammer vorstellig geworden bin.

Ihr übernehmt ja auch eine gewisse Verantwortung, wenn Ihr Unternehmen in die Auslage stellt.

Wir schauen uns natürlich die Betriebe an und was bisher gemacht wurde. Wir besprechen das mit der Wirtschaftskammer und mit Fachleuten, von Steuerberatern bis Rechtsanwälten. Die Betriebe und die Bewerber machen sich das in der Folge aber selbst miteinander aus. Wir nehmen keinerlei Einfluss. Unsere Aufgabe als Sender ist eine andere, nämlich die Firmen und ihre Tätigkeit zu porträtieren und wir schauen auch, wie es danach weitergegangen ist. Da gibt es immer wieder erstaunliche Wendungen. Jetzt, in der zweiten Staffel, wird man bereits Betriebe sehen können, die tatsächlich schon übernommen wurden wie das Hotel/Restaurant Georgium, oder auch, woran es vorerst scheitert – manchmal sogar daran, dass es gleich mehrere Bewerber gibt.

"Die Nachfolger"

Es ist eine  Chance für Einsteiger: Zu Tausenden sollen in den nächsten Jahren in Österreich Betriebe der unterschiedlichsten Branchen übergeben werden. Doch der Unternehmer-Nachwuchs ist rar. Das mit der KURIER ROMY ausgezeichnete Format „Die Nachfolger – Mein Betrieb wird dein Betrieb“ hilft  bei der Suche  und zeigt in der heute, Donnerstag (21.10 Uhr), startenden zweiten Staffel auch Beispiele, bei denen es schon geklappt hat.
Andere beginnen jetzt mit der Suche: das Alpaka-Erlebnis in Wr. Neustadt, das Gasthaus Stopplziaga in Attnang, eine Geigenbauwerkstatt in Innsbruck und die Werbeagentur digi-ART in  Aussee stellen sich vor

"Heimat Sterne"

Auch ein Einsteiger – ins Moderatoren-Geschäft – ist Willi Gabalier. Er  präsentiert, zusätzlich zu  „Bares für Rares“ am Sonntag, ab 30. Oktober  „Heimat Sterne“. Er begibt sich darin auf die Suche nach den unterschiedlichsten Talenten – von Heavy Metal bis Lyrik reicht das Spektrum. Zum Start geht es ins steirische Deutschlandsberg. Innerhalb einer Woche stellt man dort gemeinsam eine Show auf die Beine

Welches Publikum hat ServusTV bei seinen Unterhaltungssendungen vor Augen? Die junge, werberelevante Zielgruppe sehe ich hier nicht unbedingt.

Das ist eben der Irrtum. "Die Nachfolger" ist dafür ein gutes Beispiel. Diese Sendung richtet sehr wohl auch an jüngere Menschen, die nämlich genau das werden wollen: Nachfolger in der Führung eines etablierten Unternehmens. Startup-Sendungen gibt es viele und diese Szene ist ja auch toll - aber wie oft geht das gut aus für deren Gründer? Wir zeigen einen breiten Mix an Unternehmen, die ihre Lebensfähigkeit schon längst bewiesen haben. Das reicht vom Traditionellem, etwa einen Handwerksbetrieb, Modernes wie die Werbeagentur oder Überraschendes wie die Alpaka-Zucht. 

Mit ServusTV assoziiert man ja vor allem mit Tradition.

Das Programm ist viel breiter aufgestellt, auch wenn Tradition und Heimat eine fixe Größe sind. Als Vollprogramm hat der Sender deutlich mehr zu bieten. Ein Beispiel sind die beiden, sehr erfolgreichen täglichen Quiz-Sendungen im Vorabend, für die es viele junge Bewerber gibt und die vor allem auch von einem jungen Publikum gern gesehen werden. Das gilt aber genauso für "Heimaltleuchten" oder "Bergwelten" – Wandern und Natur liegen absolut im Trend bei jungen Menschen und auch bei einem eher städtischen Publikum und das bricht dieses eindimensionale Image. ServusTV bildet das in einer großen Breite ab.

Welche Programmfarbe fehlt Ihnen in der Unterhaltung von ServusTV noch? Eine Hauptabendshow wird man wohl aus Kostengründen nicht produzieren …

… das würde ich überhaupt nicht ausschließen, das wäre voreilig. Was ich hier gelernt habe und das ist das wirklich Schöne für einen Programmmacher, dass ServusTV ein Sender ist, der sich nicht von vornherein begrenzt. Wir haben hier die Möglichkeit, hochqualitativ zu arbeiten, wir können richtig gutes Fernsehen machen und das inhaltlich wie technisch. Ich wurde hier noch nie von den Chefs davon abgehalten, groß zu denken – es gibt bei ServusTV keinerlei Denkverbote. Ich präsentiere regelmäßig Vieles und darunter sind auch Shows. Jeder Sender sucht ja nach der Königsidee für den Samstagabend, die den Fernseher wieder zum Kaminfeuer macht, um das sich die Familien versammeln. Den Spruch, dass es Fernsehen bald nicht mehr geben wird, kenne ich schon aus meinen Anfängen im TV-Geschäft und das war 1989. In Zeiten wie diesen spielt es sogar eine noch größere Rolle.  

Corona wird aber hoffentlich irgendwann vorbei sein.

Natürlich spielt Corona eine Rolle. Aber auch in Zukunft wird Fernsehen immer noch wichtig bleiben. Der Grund ist einfach: Weil die Leute in dieser Vielfalt auch gern Verlässlichkeit haben. Die findet man nicht im Internet. Das starre TV-Schema empfinden nicht wenige als beruhigend. Dazu kommt: Nicht jeder will nach einem Arbeitstag auch noch übers Programm nachdenken müssen. So weiß man: Um 19.15 bekomme ich Sport bei ServusTV, um 19.20 die Nachrichten – das ist die Verlässlichkeit einer Marke. Deshalb sitzen wir bei ServusTV ja auch nicht einfach da und überlegen, was könnten wir alles machen, sondern wir fragen uns, wie kann durch unser Unterhaltungsprogramm diese Marke stärker und vielleicht noch ein wenig breiter aufgestellt werden. Man muss deshalb nicht auf "Heimatleuchen" verzichten, das wäre bei dessen Erfolg ja auch völlig unsinnig.

Das Spektrum an Unterhaltung reicht bei Servus von "Bares für Rares" über Quiz bis hin zu Kabarett ...

... das geht noch weiter mit Konzerten, der neuen Talente-Sendung "Heimat Sterne" oder auch bis zu "P. M. – die Wissen Show" für den Hauptabend - der Versuchsballon mit „den besten Fragen“ hat funktioniert. Eine Rankingshow zu machen, ist ja nicht unsere Erfindung. Das Publikum hat es sehr gut angenommen, wie wir hier eine Marke, die für Wissen steht und Unterhaltung in eine Sendung gepackt haben. Moderator Gernot Grömer war sich da zunächst auch nicht sicher, dass man eine Sendung mit so hohem Anspruch höchst verträglich für ein breites Publikum am Samstagabend gestalten kann. Es ist aber gelungen und deshalb werden wir im kommenden Jahr vier Ausgaben dieser Show im Samstag-Hauptabend machen.

Gibt es ein Format, dass Sie gern im Programm hätten? Auch wenn man das normalerweise nicht sagt, weil die Konkurrenz lauert oder es vielleicht teurer wird.

Was mir vorschwebt ist eine größere Wochenend-Show. Etwas, mit dem wir Jung und Alt vor den Fernseher versammeln können. Das ist die Königsdisziplin im Fernsehen. Mehr will ich nicht dazu sagen, nur: Ideen gibt es auch dafür. Aber angekündigt wird erst, wenn Entscheidungen gefallen sind. Jetzt starten einmal „Die Nachfolger 2“ sowie Willi Gabalier und seine „Heimat Sterne“.

Danke für das Gespräch.

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