ServusTV-Intendant Ferdinand Wegscheider sagt, was er denkt

© Marco Riebler

Kultur Medien
02/24/2020

ServusTV-Chef kritisiert "plumpen ORF" und "vorlaute" Grüne

Neues Hauptquartier, neue Studios, neue Attacken: Intendant Ferdinand Wegscheider im Interview.

von Christoph Silber

ServusTV hat in Salzburg nächst dem Stadion im "Black Tower" ein neues Hauptquartier bezogen mit dem laut Designer Stuart Veech "derzeit modernsten Fernsehstudio in Mitteleuropa". Ein Gespräch mit Intendant Ferdinand Wegscheider über die Servus-Information, Türkis-Grün und den ORF.

Mit den neuen Studios kann ServusTV technisch auch in der Information aus dem Vollen zu schöpfen. Heißt das, dass es künftig mehr Informationssendungen bei ServusTV geben wird?

Da sich die Info-Formate sehr positiv entwickeln, denken wir natürlich darüber nach, das Angebot auszuweiten. Wie das geschehen soll, da sind wir noch in der Diskussionsphase. Aber da wir uns immer weiterentwickeln wollen, ist das ein nächster Schritt. Und das kleinere Studio ist ja ganz auf aktuelle Sendungen und auf Ereignisse, auf die schnell reagiert werden muss, abgestimmt.

Gibt es Überlegungen etwa für einen Info-TV-Sender oder einen entsprechenden Online-Auftritt – zur Verbreitung braucht es heute ja nicht unbedingt Satelliten.

ServusTV wird keinen News-Sender hochziehen, das steht nicht zur Debatte. Was wir aber machen ist, dass wir unsere digitalen Aktivitäten deutlich verstärkt haben. Wir bieten im Internet und auf mehreren Social-Media-Kanälen etwa unsere aktuellen Sendungen sowie auch Einzelbeiträge an. Auch hier geht die Nutzungskurve sehr steil nach oben.

Überraschend positiv, weil es sie vor wenigen Jahren ja noch gar nicht gegeben hat, haben sich die ServusTV-Nachrichten im Vorabend, entwickelt. Woher kommen die Seher?

Wie unser Informationschef Hans Martin Paar analysiert hat, ist das sehr viel neues Publikum, die ServusTV und Information zuvor gar nicht miteinander verbunden haben. Immer noch stoßen Leute zufällig darauf und bleiben dann auch. Insofern sind wir froh und stolz, dass es innerhalb von nur vier Jahren gelungen ist, die Seherzahlen von 20.000 auf im Durchschnitt 180.000 zu heben. Das ist schon besonders.

ServusTV und ATV sind bei der Info in etwa auf Augenhöhe, ORF1 liegt dahinter -  wie lautet nun das angestrebte Ziel, gibt es Vorgaben?

Mit Blick auf die zuvor genannte Entwicklung der Seherzahlen im Info-Bereich wäre es zu bescheiden oder auch saturiert, uns einfach mit dem Status quo zufrieden zu geben. Wir sehen da noch einiges Potenzial, das zeigen ja auch die Zahlen der Zeit im Bild in ORF2. Und es geht ja was: Als ServusTV vor vier Jahren um 19.20 Uhr mit den Hauptnachrichten gestartet ist, die ja erst ein paar Minuten nach dem ZiB-Start enden, haben viele den Kopf geschüttelt und gewarnt, dass die Zahlen einbrechen werden – es stimmt nur nicht. Natürlich flacht die Seher-Kurve ab, aber eine "Todeszone", wie diese Zeitspanne ab 19.30 Uhr genannt wird, schaut anders aus. Das funktioniert übrigens, wie ich nicht ohne Stolz sage, auch am Samstag mit "Der Wegscheider".     

Was suchen Seher bei der ServusTV-Information?

Das ist ein Mix an Gründen. Wir haben auch hier, wie bei allen unseren Produktionen, einen hohen Qualitätsanspruch. Ich meine aber auch, dass unsere Nachrichten in einer Art äquidistant und ausgewogen sind, wie sonst in keinem Info-Angebot im österreichischen Fernsehen. Ich glaube, dass gerade das viele Zuseher schätzen. (Auch die Internetseite ORF-Watch hat sie schon mehrfach als beispielhaft erwähnt. Was ich in diesem Zusammenhang tatsächlich lustig fand war, als einer der Autoren dort deren "Familienspiel" beschrieb: In den zehn Minuten der Servus-Nachrichten wird darauf gewettet, welche Themen bei der anschließenden Zeit im Bild nicht kommen werden.

Das neue Info-Studio und sein Design sind natürlich hochmodern. Wie geht man damit um, wenn man die eher älteren Seher nicht verschrecken will. Wird das alles abgetestet?

In meinen Anfangszeiten beim ORF bin ich von Gerd Bacher geprägt worden, der meinte, gutes Programm sei, was Profis dafür halten. Dazu kommen zwölf Jahre mit Salzburg TV, wo wir den Luxus täglicher Quoten und ähnliches gar nicht hatten. Das heißt, wir waren gezwungen hinzuhören und Programm für die Menschen zu machen, um sie zum Sender zu bringen. Und so halte ich es heute auch noch. Natürlich ist es fein, wenn man täglich die Entwicklung von Sendungen aufgrund von Daten kontrollieren kann. Aber im Grunde bin ich ein Vertreter der alten Schule: Profis wissen, was gutes Programm ist - sonst sind sie keine Profis.

Es gibt nun auch ein zweites, ein großes Studio. Wofür soll das genutzt werden, sind verstärkt Publikumssendungen geplant?

Das neue große Studio gibt uns jedenfalls mehr Spielraum. Wenn wir in der Programmentwicklung in den vergangenen Jahren von Sendungen gesprochen haben, die mit einer kleineren Publikumsbeteiligung umzusetzen gewesen wären, dann war das schlicht nicht möglich. Das ist nun anders. Auch gestalterisch ist viel mehr möglich: Bei "PM Wissen", neben "Der Wegscheider" die zweite Sendung, die derzeit dort produziert wird, kann jetzt beispielsweise ein Formel I-Bolide oder ein LKW ins Studio geschoben werden. Augmented Reality kann jetzt auch ganz anders eingesetzt werden als zuvor und vieles mehr ist möglich.

Reden wir über Programmpläne und den Sport, wo ServusTV ja bei Champions League und Europa League zugegriffen haben soll.

Es ist die Philosophie des Senders und des Konzerns, dass wir über ungelegte Eier nicht reden. Das ist auch deshalb gut, weil der ORF mit einer seiner vier Senderketten offenbar nicht nur versucht, öffentlich-rechtliches Programm abzubilden, sondern sie auch dazu missbraucht, erfolgreiche Formate von ServusTV zu kopieren oder zu konkurrenzieren.

Was meinen Sie konkret damit?

Zunächst war das ORFIII, wo zum Start der Servus-Serie "Trakehnerblut" wie zufällig Pferde-Inhalte verstärkt gespielt wurden. Unsere "Heimatleuchten"-Reihe am Freitagabend wird aus meiner Sicht ganz massiv kopiert – im Sinne der Allgemeinheit ist es ja erfreulich, wenn sich der ORF wieder mehr auf den öffentlich-rechtlichen Auftrag besinnt und auch der Volkskultur Platz bietet. Dass man die Gebühren aber für die Gegenprogrammierung von Privatsendern missbraucht, ist aber sicher nicht deren Sinn. Und auch, dass nun ORF1 versucht, mit einem Quiz am Erfolg von "Quizmaster", das allerdings mit sehr viel besseren Quoten bei ServusTV läuft, ist ja auch ganz offensichtlich. Geradezu plump wird es, wenn man sich die Logos der Sendungen anschaut.

Zur Medienpolitik: alles Kurz und gut – oder wie sehen Sie die türkis-grüne Koalition?

Aus langjähriger Erfahrung und als leidgeprüfter Privat-TV-Pionier erwarte ich mir medienpolitisch von dieser Regierung nicht viel. Der kleinere Regierungspartner, die Grünen, springen auch in dieser Frage in die Bresche der vormals viel stärkeren SPÖ, insbesondere, was die Verteidigung der ORF-Pfründe betrifft. Darauf haben schon die vorlauten Bemerkungen der Frau Blimlinger während den Koalitionsverhandlungen hingedeutet. Ich erwarte mir also wenig und schon gar keine wirksamen und nachhaltigen ORF-Reformen. Es ist bei den Grünen die gleiche Grundschwingung wie zuvor bei der SPÖ, die immer nur und über Jahrzehnte versucht hat, Privat-TV zu verunmöglichen.  

Was sollte denn mit dem ORF passieren?

Für die Größe des Landes ist der ORF zu aufgebläht, zu groß. Auch wenn ich schon oft missverstanden worden bin: Ich bin nicht für die Abschaffung der Gebühren und auch nicht generell für eine Abschaffung des Öffentlich-Rechtlichen – ich habe beim ORF gelernt, ich bin ein Verteidiger des öffentlich-rechtlichen Gedankens. Aber ich bin auch gegen Missbrauch und der passiert. Der ORF kassiert Werbegelder und Gebühren gleichermaßen und nutzt das für viele Sender, ob TV oder Radio, die Programm weit über das Öffentlich-Rechtliche hinaus machen. Ein Beispiel ist Ö3, ein Radiosender, der kommerzieller nicht sein könnte - die Rahmenbedingungen durch den Gesetzgeber machen das leicht. Das gilt aber auch fürs ORF-Fernsehen, wo ein Sender fürs Kommerzielle und für Trash hergenommen wird, um bei Kritik dann darauf zu verweisen, dass man eh einen dritten hat, der öffentlich-rechtlich ist und selbst denn dann noch zur Konkurrenzierung privater Sender missbraucht   

Die Servus-Quoten steigen trotzdem. Hat sich damit Ihre Kritik an der Art, wie gemessen wird, erledigt?

Ich wünschte, ich könnte das so bestätigen – es ist aber nicht so. Es gibt einen Vorteil, wenn ein Sender gute Quoten hat und bei ServusTV steigen sie seit Monaten, dann ist die Kritik am Mess-System glaubwürdiger. Und unsere Kritik besteht weiterhin: Es macht einfach keinen Sinn, dass die Phasen, in denen in Österreich angeblich niemand ServusTV schaut, immer länger werden. Gleichzeitig sehen wir nämlich durch die parallele digitale Messung, dass, wo Nuller-Strecken sind, tatsächlich ServusTV gesehen wird. Das ist ein Missstand, der ausgeräumt gehört und nur stupides Achselzucken serviert zu bekommen, ist nicht akzeptabel.

Danke für das Gespräch.

Der Sender
ServusTV ist Teil des Red Bull Media House, das zum Konzern-Reich von Dietrich Mateschitz gehört. ServusTV entstand 2009 aus SalzburgTV, von Privat-TV-Piraten Ferdinand Wegscheider 1995 gegründet. Er kehrte 2014 zurück, seit 2016 ist er Intendant.

Das Hauptquartier
Das neue Hauptquartier im Black Tower beim Stadion umfasst zwei Etagen für  300 Mitarbeiter, zwölf Schnitträume sowie zwei Studios. Das kleinere ist für Info-Sendungen. Das größere Studio hat Platz für bis zu 100 Zuseher. Dort werden "P.M. Wissen" und "Der Wegscheider" produziert.

Die Quoten
2020 begann fulminant: Dominic Thiems Australien Open-Finale verfolgten in der Entscheidung über eine Million Menschen. Auch das Regelprogramm funktioniert, insbesondere "Quizmaster" sowie die News um 19.20 Uhr. Sie kamen im Februar auf im Schnitt 5,8 % Marktanteil. Bestwert: 215.000 Seher (7,8 %)

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