Florian Lukas als abgehalfterter Sportinvalide, der ein Comeback wagen will. Nicht nur Ex-Schützling Kevin (Leonard Scheicher, re.) steht dabei im Weg  

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Interview
12/03/2021

Serie über Ex-Dartprofi: "Ein Schlawiner und genialer Loser"

Hermine Huntgeburth führt in der Sky-Serie „Die Wespe“ in die kaum erzählte Welt des Dartsports. Die Regisseurin und Hauptdarsteller Florian Lukas hatten damit vorher wenig am Hut

von Peter Temel

Stellen Sie sich Onkel Charlie und seine geschmacklosen Bowling-Shirts vor, legen Sie einen ordentlichen Bierbauch drauf, dazu eine grölende Menge, die dabei zusieht, wie diese speziellen Onkel Charlies Pfeile auf eine Korkscheibe schmeißen. Willkommen beim Darts!

Nun wird der Kneipensport erstmals fürs deutschsprachige Publikum als Serie erzählt (auf Sky One und im Stream u.a. auf Sky X). Regisseurin Hermine Huntgeburth berichtet, wie Autor Jan Berger auf die Idee zu „Die Wespe“ kam: „Er hat in einem Hotelzimmer zufällig Darts-WM gesehen und dachte: Das sind Charaktere, über die man sonst keine Filme macht.“ Bergers Drehbuch habe sie an „klassische Komödien à la Jack Lemmon und Walter Matthau“ erinnert.

Im Zentrum steht der fiktive Ex-Dartprofi Eddie „Die Wespe“ Frotzke. Seine letzten Siege liegen lange zurück. Als seine impulsive Frau Manu (Lisa Wagner) mit seinem Schützling Kevin durchbrennt, er eine lebenslängliche Turniersperre ausfasst und einen weiteren schweren Wirkungstreffer einstecken muss, will es Eddie trotzdem noch einmal wissen.

Typen

Mit dem Dartsport kam Huntgeburth davor kaum in Berührung. „Das war für mich ganz neu, wir hatten viele Berater und haben mit Dartprofis zusammengearbeitet“, sagt sie. Was sie dabei festgestellt habe: „Das ist eine sehr lebendige Szene mit ganz tollen Typen. In den Benelux-Ländern oder auf den Britischen Inseln hat Darts einen ganz anderen Stellenwert. Die Top-Spieler sind teilweise Millionäre, da werden riesige Hallen gefüllt. In Deutschland bekommen die Übertragungen der Spiele nun mehr an Bedeutung. Es gibt hier aber nur wenig Spieler, die wirklich davon leben können."

"Für mich war es eine Herausforderung, diesen Sport, der ja in gewissem Sinne statisch ist, visuell attraktiv darzustellen. Es ist ja auch ein Sportfilm“, sagt Huntgeburth.

Auch das Genre Sportfilm ist für die Regisseurin von Filmen wie "Die weiße Massai" neu. Mit einer hermetischen Männerwelt hatte sie aber bereits in der Sven-Regener-Verfilmung „Neue Vahr Süd“ zu tun, wo es um Bundeswehrsoldaten ging.

Huntgeburth: „Darum geht es ja in der Kunst: Neue Themen, Stoffe, Inhalte zu finden, zu verstehen und dem ein Gesicht, eine Seele zu geben. Es ist ein großer Fehler zu denken, nur der- oder diejenige, die selbst betroffen ist, könnte über diese Menschen erzählen.“

Leidenschaft

Dass Darts nicht gerade eine Tempo-Sportart ist und die Szenerie für Neueinsteiger auch skurril wirken kann, habe sie gereizt. "Ein Fußballfilm hätte mich jetzt weniger interessiert", sagt Huntgeburth. "Es wird auch von einer Gemeinschaft erzählt. Das ist wie eine Familie, obwohl es Individualisten sind, die für sich kämpfen. Ich habe versucht, die Leidenschaft, die da drin steckt, einzufangen.“

Auch Hauptdarsteller Florian Lukas („Good Bye, Lenin!“) war diese Welt vorher fremd. „Ich hab vor zwanzig Jahren vielleicht drei Plastikpfeile geworfen, die nicht mal stecken geblieben sind“, sagt er. "Aber wir hatten Trainer, etwa Benny ‚The Sniper‘ Sensenschmidt. Ich habe Wochen gebraucht, um herauszufinden, wie ich diesen Pfeil am besten halte. Irgendwann habe ich eine Wurfhaltung gefunden, die zu mir passt. Oder: Der Dartpfeil hat mich gefunden.“

Schnauzer und Vokuhila

Fasziniert habe ihn „die starke mentale Leistung, unter dem Druck dieser Kulisse ruhig zu bleiben, um trotz des Lärms präzise zu werfen. Man muss sich das einmal vorstellen: Beim Golf oder beim Tennis ist es mucksmäuschenstill. Wenn einer laut ist, dann wird das Spiel unterbrochen. Beim Darts sitzen hinter dir manchmal 10.000 besoffene Fasching-Fans, die dich die ganze Zeit anschreien, und in dem Moment wo sie merken, sie hätten Einfluss auf dich, bist du geliefert."

Starke Frau mit Chuzpe

In "Die Wespe" spielt auch Eddies Frau Manu, die ihn verlassen hat, eine wichtige Rolle. Sie könnte beim Verband ein gutes Wort für Eddie einlegen, hat aber von dessen Faxen genug. Huntgeburth gefiel besonders gut, dass sie als starke Frau gezeichnet ist. "Obwohl sie eigentlich von außen betrachtet eine sehr weibliche Position einnimmt, ernährt sie die ganze Familie, ist selbstständig und frech. Die Chuzpe, die diese Figur hat, hat mir besonders gut gefallen. Diese Manu ist nicht so platt geschlechtstypisch gezeichnet."

In den 90ern stecken geblieben scheinen nicht nur Eddie und sein versoffener Kumpel, Dartslegende Nobbe (Ulrich Noethen), bei dem er Unterschlupf findet. Optik und Musik zeigen deutliche Reminiszenzen an diese Zeit. „Vielleicht waren die 90er das letzte Jahrzehnt, wo man sich noch auf eine Menge einigen konnte. Heute ist alles so zersplittert“, sagt Lukas. Und fügt hinzu: „Ich wollte immer schon eine Rolle spielen, in der ich eine Wampe habe, einen fetten Schnurrbart und Vokuhila-Frisur.“

Für Huntgeburth, deren Faible für Filme der Coen-Brüder („The Big Lebowski“) nicht abzustreiten ist, ist Eddie „ein Schlawiner, eine Art Hütchenspieler und genialer Loser.“ Nach sechs Folgen auf Sky sei diese Figur „auf keinen Fall“ auserzählt. „Da kann noch sehr viel passieren in seinem chaotischen Leben. Der ist ein Typ, der sich gerne in Gefahr begibt und immer kurz vorm Verbrennen ist.“

"Die Wespe" wird ab dem 3. Dezember immer freitags ab 20.15 Uhr in Doppelfolgen auf Sky One ausgestrahlt und steht in Doppelfolgen auf dem Streamingdienst Sky Ticket und über Sky Q und Sky X zum Abruf bereit.

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