„In der Verliebtheit macht man ja auch Fehler“: Die KURIER Chefetage über 30 Jahre kurier.at und ihre Prognose für die nächsten 30 Jahre
Vor 30 Jahren ging kurier.at online. Grund zu feiern und für dieses Interview. Weitere Texte zum Jubiläum, mit Ein- und Ausblicken zu kurier.at finden Sie an dieser Stelle.
Richard Grasl war selbst sechs Jahre lang Online-Chef, bevor er 2024 die Geschicke des KURIER als Geschäftsführer übernahm und Martin Gebhart zum Chefredakteur bestellte. Gemeinsam haben sie dem KURIER mit der Regionalisierung eine neue Strategie verpasst. Ein Gespräch über aktuelle Herausforderungen – und eine Prognose für die nächsten 30 Jahre.
KURIER: 1996 ist kurier.at online gegangen, ein großer Schritt damals. In der Medienbranche hat sich dann aber die Sicht verfestigt, dass gerade am Anfang viele Fehler gemacht wurden. Was ist euer Eindruck von diesen Anfangsjahren?
Martin Gebhart: Der größte Fehler damals war sicherlich die Etablierung der Gratiskultur. Online wurde nie als Geschäftsmodell gesehen. Man hat das eben gemacht, zusätzlich zur Zeitung.
Gleichzeitig war das aber auch eine Aufbruchstimmung. Wir haben alle geschaut, wie viele Leute uns lesen. Und als dann die Kommentare gekommen sind, hat sich jeder gefreut, wenn er ein Posting oder vielleicht sogar zwei gekriegt hat. Die Branche war schon auch verliebt in diese neue Welt.
Gebhart: Ja, aber eben nicht so sehr, dass man gesagt hätte: Jetzt wirklich voller Fokus auf online, kreieren wir etwas Neues.
Richard Grasl: In der Verliebtheit macht man ja auch Fehler. Und wahrscheinlich hat man damals eben nicht genug an das wirtschaftliche Modell dahinter gedacht, sondern man war froh, dass man im Internet war. Dass man die Inhalte, die man eben hat, dort rausstellt. Der Vergleich mit der Musikindustrie ist da vielleicht hilfreich. Zuerst Napster, illegale Downloads, inzwischen Plattformen, die alles bündeln wie Spotify. Damit macht man das Geld. Das ist bei den Medien anders. Jede Medienmarke ist da für sich.
Sollte es so etwas geben? Wäre das gut?
Grasl: Das ist sicher ein Modell, über das man nachdenken kann. Wahrscheinlich würde mehr Geld reinkommen im Augenblick, wenn man das machen würde. Entweder das kommt oder eben eine Bereinigung am Markt. Es wird schwierig sein, dass sich jedes Medium mit Digitalabos finanziert.
Ihr habt jetzt beide sehr das Abo-Modell betont. Was ist mit der Werbung? Funktioniert die nicht mehr?
Grasl: Die Werbung wird immer eine Finanzierungssäule bleiben. Aber nachdem das Internetinventar jeden Tag wächst, weiß man nach volkswirtschaftlicher Lehre, Angebot und Nachfrage, wie der Preis sich entwickelt. Und darum wird das Abo aus meiner Sicht die wichtigere Säule werden.
Das macht ja auch etwas mit unserem Content, mit dem Inhalt letztlich. Abos bringen exklusive, gut recherchierte Inhalte, weniger die schnelle Meldung, die umgekehrt oft besser gelesen wird.
Grasl: Ja, und mit der zunehmenden Verbreitung von Fake News auf Social Media sind solche Qualitätskriterien einer Marke immer wichtiger. Du weißt, was im KURIER steht, kannst du glauben. Sonst muss man im Internet wirklich ganz schön aufpassen. Mit den ganzen KI-Fakes jetzt noch mal mehr. Da brauchen wir als Medien auch bald mal gleiche Rahmenbedingungen mit den großen Tech-Firmen. Wenn der Chefredakteur ein Foto durchgehen lässt, das gefälscht ist, haftet der KURIER. Bei X geht das noch immer nicht.
Seht ihr bei der Politik Bewusstsein für die Problematik?
Gebhart: Momentan wird nur sehr viel geredet, aber an den Spielregeln nichts geändert.
Grasl: Es muss sich meiner Meinung nach aber schon auch die Werbewirtschaft überlegen, ob man solche Plattformen bebucht. Weil damit führt man schon im gesellschaftlichen Sinn zu einer Krise. Ja, es ist vielleicht günstiger, auf Social Media zu werben. Es ist vielleicht auch, weil du das zielgruppengenauer ansteuern kannst, effektiver, aber man muss schon wissen, was man damit auslöst. Das ist schon ein Appell an die Werbekunden, sich zu überlegen, ob sie solche Plattformen wirklich unterstützen wollen.
Was die Reichweite betrifft, hat Google uns Medien jahrelang relevante Zugriffszahlen beschert. Auch hier spielt die KI eine Rolle. Mit den KI-Zusammenfassungen fallen diese Reichweiten jetzt auch mehr und mehr weg. Was heißt das für uns? Gibt es Maßnahmen zur Lizenzierung für unseren Content?
Gebhart: Da gibt es schon die Idee, dass man auf europäischer Ebene ein Leistungsschutzrecht baut. Aktuell bedient sich die KI halt an den Medienmarken und macht dann damit ihr eigenes Geschäft. Das ist normalerweise im Rechtssystem verboten, dass man mit gestohlener Ware Geld verdient. Aber es ist Realität. Ja, es ist Realität.
Seht ihr auch Chancen in der KI? Stichwort Workflow, Arbeitserleichterung.
Grasl: Also die KI kann dir helfen, hundertseitige Dokumente schnell einmal auszuwerten auf den ersten Blick und einmal die wichtigsten Themen herauszufinden. Aber das Einordnen, den Tiefgang oder das Weiterdenken, wo führt das eine Thema vielleicht mit einem anderen Thema noch gemeinsam zu ganz was anderem, das kann aus meiner Sicht nur der gute Redakteur, die gute Redakteurin machen.
Gebhart: In diesem Sinne kann uns die Konkurrenz der KI ja sogar helfen. Weil dadurch der gute Redakteur, die gute Redakteurin zur Marke werden. Und das Vertrauen in bestimmte Personen steigt, je mehr KI-generierte Inhalte ich auf der anderen Seite bekomme.
Medienminister Babler hat angekündigt, die Medienförderung neu aufstellen zu wollen. Was erwartet sich der KURIER da?
Grasl: Dass Medien als vierte Säule zur Demokratie gehören, ist unbestritten. Dass die Medienmodelle, wie sie jetzt aktuell sind, unter Druck geraten, ist auch klar. Dass die Politik daher an eine Förderung denkt, ist gut und richtig und wichtig. Daher unterstützen wir alle Modelle, die zu einer Erhöhung der Förderung führen. Was ich echt kritisch sehe, ist, dass dann eine Kommission entscheiden soll, welche Medien gefördert werden und welche nicht. Da ist man sehr schnell bei Orbán, wurscht ob das jetzt von links oder von rechts kommt. Ich glaube nicht, dass es sinnvoll ist, das so zu machen. Das halte ich sogar für gefährlich.
Was genau ist die Befürchtung? Dass die geplante Kommission politisch beschickt wird, wie so ein ORF-Stiftungsrat 2.0?
Grasl: Ein Beispiel: Der Falter veröffentlicht, höchst umstritten, die Weißmann-Chats. Setzt sich dann die Meinung durch, dass man dem Falter jetzt deswegen Förderungen wegnimmt, oder ist man der Meinung, das sei so super, dass man die Förderungen erhöht? Das sollte keine Kommission im Anlassfall entscheiden.
Gebhart: Ich finde, das sollte nach nachvollziehbaren, messbaren Kriterien wie Reichweite, Anzahl der Journalisten berechnet werden, aber nicht nach Gutdünken. Das halte ich für extrem gefährlich.
Der KURIER hat sich im Mai letzten Jahres – online wie in Print – vermehrt dem Osten Österreichs verschrieben. Wie lautet die Bilanz nach einem Jahr „Regionalisierung“? Geht der Spagat auf: die nationale Zeitung, die im Osten regional unterwegs ist?
Gebhart: Voll, das zeigen insbesondere auch unsere Online-Abos. Auf die Ostregion zu setzen war der richtige Schritt. Auch weil der KURIER da historisch sehr verankert ist. Es war, da bin ich felsenfest überzeugt, der richtige Schritt.
Grasl: Du brauchst ein Unterscheidungsmerkmal zu anderen Medien. Es gibt neben der Kronenzeitung eigentlich kein Medium, das aus Niederösterreich und dem Burgenland so intensiv berichtet. Und das Zweite ist schon eine Bündelung von Ressourcen. Du kannst vielleicht in der jetzigen Situation nicht mehr alles machen, alles und überall, und überall gleich groß und gut, und dann konzentrieren wir uns sozusagen dort, wo wir herkommen.
Früher hat es geheißen: Online, das ist die schnelle Geschichte, vielleicht die kürzere und die oberflächlichere Geschichte, und in der Zeitung kommt dann die tiefgehende Analyse am nächsten Tag. Das gibt es nicht mehr, oder?
Gebhart: Nein, mehr noch. Es reicht nicht mehr, nur zu sagen: Ich habe einen guten Inhalt und ich präsentiere jetzt den Inhalt online, und der wird deswegen gelesen. Wir müssen unsere Inhalte für alle Kanäle aufbereiten. Social, Newsletter, Video: Das gehört alles dazu. Und wir versuchen, neue Erzählformen zu finden. Grafiken, Long-Reads, Podcasts. Auf kurier.at bekomme ich eben die Sachen, die nur im Netz möglich sind, was die Tiefe der Information betrifft. Stichwort auch interaktive Grafiken, Spritpreis-Radar. Service und Interaktivität, das ist schon etwas, was uns aktuell gut gelingt.
Zum Abschluss noch ein Blick in die sehr weite Zukunft: Wie werden die Menschen den KURIER in 30 Jahren konsumieren?
Grasl: Also ich bin mir sicher, dass in 30 Jahren der KURIER fast ausschließlich über digitale Medien konsumiert wird, mobil, über Tablets, über VR-Brillen (virtual reality; Anm.) vielleicht. Aber für die nächsten zehn Jahre, würde ich sagen, ein großer Teil noch immer Print und ein immer größer werdender Teil auch digital.
Gebhart: Ich weiß nicht, ob der KURIER in 30 Jahren noch jeden Tag als gedruckte Zeitung erscheinen wird. Woran ich glaube: Der KURIER wird auch in der Print-Ausgabe am Wochenende überleben. Das wird auch ein Asset sein.
30 Jahre kurier.at
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