Ex-Neos-Politiker Matthias Strolz moderiert die neue Sendung "Fuck Up Show" bei Puls4

© Puls4/Gerry Frank

Interview
05/05/2020

Matthias Strolz: "Scheitern wird in Österreich tabuisiert"

Der Ex-Neos-Politiker moderiert ab Dienstag die "Fuck Up Show" bei Puls4. Ein Gespräch über Scheitern, Scham und Schule.

von Nina Oberbucher

Wer scheitert, geht damit in der Regel nicht unbedingt hausieren. Bei sogenannten "Fuck-up-Nights" passiert genau das Gegenteil: Da erzählen Menschen vor Publikum von ihren größten Niederlagen und Misserfolgen. Puls4 bringt das Konzept ins Fernsehen – heute (Dienstag) um 22.25 Uhr startet dort die "Fuck Up Show".

Zum Auftakt berichtet etwa DiTech-Gründer Damian Izdebski von seiner Insolvenz, eine Dauerschmerzpatientin von ihrem Kampf zurück in ein normales Leben. Moderiert wird die Show von Ex-Neos-Politiker Matthias Strolz, der auch gerade ein neues Buch geschrieben hat ("Kraft und Inspiration für diese Zeiten", erhältlich ab 7. Mai).

Am Telefon sprach Strolz mit dem KURIER über seine eigenen "Fuck-ups", das neue TV-Format und sein Verhältnis zur Politik-Ersatzdroge Fernsehen. 

KURIER: Wenn man den Namen Matthias Strolz hört, kommt einem nicht als erstes das Wort Scheitern in den Sinn. Warum diese Show?

Matthias Strolz: Weil das Thema spannend ist. Ich glaube, es gibt keinen Menschen, der nicht Bekanntschaft mit dem Scheitern gemacht hätte. Und ich finde, dass das Thema in Österreich zu wenig besprochen und eigentlich tabuisiert wird. Aber wir dürfen unsere Verletzlichkeit auch zeigen.

Was waren denn Ihre größten "Fuck-ups"?

In meinen zwanziger Jahren hatte ich eine sechsjährige Beziehung und das Ende war schmerzhaft. Wenn wir bei einer Landtagswahl angetreten sind und es beim ersten Mal nicht geklappt hat, hat das auch wehgetan. Da sind viele Menschen enttäuscht, es türmen sich Schulden auf. Oder letztes Jahr mein Bandscheibenvorfall, den ich nicht wahrhaben wollte, weil ich dachte, dass mir sowas ja nicht passiert. Ich habe auch Einiges anzubieten, aber ich bin dankbar und demütig, dass ganz große Schicksalsschläge ausgeblieben sind.

Lernt man wirklich aus jedem Scheitern?

Ich glaube schon. Das Leben ist ja insgesamt ein Lernen. Nur, weil der Körper beginnt, zu welken – so in meinem Alter ungefähr (lacht) – heißt das noch lange nicht, dass wir nicht mehr wachsen. Scheitern ist ein Lernturbo, wie Dünger für unsere Entfaltung.

Aber oft ist Scheitern zunächst einfach nur mies.

Genau, ab und zu ist es einfach nur elend und ungeheuerlich auf den ersten Blick. Bei großen Schicksalsschlägen will ich jetzt auch nicht gscheit daherreden. Wenn man einen geliebten Menschen verliert, ist das eine enorme Aufgabe, das zu verarbeiten. Auch ich habe meinen Papa verloren, aber ich spreche heute gleich viel mit ihm, wie zu Zeiten, als er noch gelebt hat. Ich habe jetzt eine Standleitung zu ihm. Ich glaube, es geht nie eine Türe zu, ohne dass eine andere aufgeht. Vielleicht zeitversetzt.

Wie zieht man sich da wieder raus?

Da ist jeder anders. Wir sehen bei den Gästen der Show, dass alle an diesen Punkt kommen, wo sie aus der Verzweiflung, aus dem Selbstmitleid und aus der Angst heraustreten und sagen: Ich mach’ jetzt wieder einen aktiven Schritt. Das kann zum Beispiel sein, dass Leute beschließen, Hilfe anzunehmen.

Unter den Gästen Ihrer "Fuck Up Show" ist auch Damian Izdebski. Er ist nach der Insolvenz seiner Firma DiTech erst einmal in die USA gereist.

Da haben sich alle für seine Niederlage interessiert. In Österreich war er nach der Insolvenz geächtet und im Silicon Valley hat man ihm zwei Fragen gestellt: Wie war das mit deinem Scheitern? Und: Was machst du jetzt? Einer, der nie gescheitert ist, kann dort kein guter Unternehmer sein. So extrem muss es in Österreich nicht werden, aber ein bisschen mehr von dieser Einstellung hätte ich gerne für uns. Dass man sich nicht schämen muss. Scheitern ist Teil des Lebens. Wir alle sind als Zweijährige hingefallen und immer wieder aufgestanden und irgendwann war der aufrechte Gang integriert.

Warum ist das Ihrer Meinung nach in Österreich so?

Das hat natürlich auch mit unserem Schulsystem zu tun, dass wir über Siebenjährige mit dem Rotstift drüberfahren und sagen: Da bist du nicht genügend, da können wir dich nicht brauchen. Jeder von uns kann sich an Momente der Beschämung in seiner Schulkarriere erinnern. Die tragen wir mit, die sind tief gespeichert. Wenn ich auf meiner Buchtour durch Österreich und Deutschland unterwegs bin und junge Menschen frage: Was kannst du gut, was sind deine Talente? Dann fangen die 13-Jährigen an zu stocken und sagen: Das weiß ich gar nicht. Und wenn ich frage: Wo bist du schlecht? Dann fangen sie an zu sprudeln. Da haben sie Erlebnisse en m­­­asse! Das bricht mir fast das Herz.

Die Gäste erzählen in der Show sehr persönliche Dinge. War es schwer, Leute zu überreden, mitzumachen?

Nein, zum Glück nicht. Es haben sich wesentlich mehr Leute gemeldet, als wir aufnehmen konnten. Wir haben auch diskutiert, ob wir Fuck-ups nehmen sollen, die mitten drin sind. Aber wenn ich jemanden zeige, der gerade mit einem Alkoholproblem kämpft, dann hat er nichts davon und die Zuschauer können maximal durch Voyeurismus profitieren. Es kommt in der Sendung auch ein trockener Alkoholiker, der früher Polizist war und jetzt Kabarettist ist. Das ist mutig genug. Wir müssen nicht die offene Herzoperation zeigen. Wir wissen, dass auch verheilte Wunden schmerzen können.

Seit Ihrem Ausstieg aus der Politik haben Sie schon einige TV-Sendungen gemacht. Ist das Ihre Ersatzdroge?

Diese Frage stelle ich mir immer wieder und ich will da auch streng mit mir sein. Ich bin natürlich ein Gefährdeter, aber kein Volljunkie. Mir ist immer wichtig, einen Beitrag zu leisten. Und da muss ich aber auch in Erscheinung treten. Ich kann bei der Coronakrise nicht zu Hause sitzen und nichts tun. Das geht sich mit meinem Wesen und meinen Talenten nicht aus. Am Anfang von Corona war ich sehr präsent in sozialen Medien. Meiner Ansicht nach waren zu wenige kritische Stimmen da, weder in der Opposition noch in den Medien. Dann kamen auch Einladungen von ORF, Puls4, ServusTV. Irgendwann habe ich mir aber gesagt: Ich bin ja kein Politiker mehr, also sollte ich auch keinen spielen.

Also geht Ihnen die Politik ab?

Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, dass es mir nicht manchmal fehlt, aber meistens fehlt es mir nicht. An dem Tag, an dem die kritischen Stimmen wieder aufgetaucht sind, habe ich das Gefühl gehabt, ich muss jetzt nicht mehr. Und das war auch der Tag, an dem ich beschlossen habe, dass ich mein neues Buch schreibe. Das beschäftigt sich genau mit der Frage, was in Zeiten des Umbruchs Kraft gibt. Ich will keine tagespolitischen Kommentare mehr abgeben. Das können andere besser.

Info: Die "Puls4 Fuck Up Show – Scheitern erlaubt", jeden Dienstag um 22.25 Uhr bei Puls4